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Der “Zschäpe-Flüsterer” vom BKA

03.07.2013, von

Beate Zschäpe und ihr Verteidiger Wolfgang Heer (Archiv)

Beate Zschäpe und ihr Verteidiger Wolfgang Heer (Archiv)

Den Ersten Kriminalhauptkommissar (EKHK) beim BKA Rainer B. kann man getrost als eine rheinische Geheimwaffe des Bundeskriminalamtes bezeichnen. Wortgewand mit offenbar unerschütterlicher guter Laune, viel Faktenwissen über den “Nationalsozialistischen Untergrund”, aber auch gute Kenntnisse über die Besonderheiten deutscher Wetterphänomene oder die Reize der Insel Fehmarn in früheren Zeiten.

Heute war er als Zeuge geladen, weil er Beate Zschäpe am 25. Juni 2012 bei einer Reise nach Gera begleitet hatte. Zschäpe wurde an diesem Tag aus dem Gefängnis in Köln in die Haftanstalt Gera und wieder zurück gebracht, um Zschäpe so einen Besuch ihrer Mutter und der hochbetagten Großmutter zu ermöglichen.

Ausgesprochen interessant und über weitere Strecke durchaus kurzweilig wurde seine Befragung, weil B. ganz offenkundig nicht nur als “einfacher Begleiter” ausgewählt worden war, sondern seine Geheimwaffen-Fähigkeiten zum Einsatz kommen sollten. Entsprechend unglücklich war die Verteidigung von Beate Zschäpe – auch weil der Zeuge aus dem Nähkästchen plauderte, was Beate Zschäpe – zumindest im Juni 2012 – über ihren Anwalt Wolfgang Heer dachte.

Der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof hatte im Sommer 2012 verfügt, dass Beate Zschäpe Oma und Mutter in der JVA Gera besuchen durfte. Hintergrund war der schlechte Gesundheitszustand der Großmutter, der dieser keine Reise nach Köln ermöglichte. Schon im Vorfeld der Reise (im Fachterminus: Der “Ausantwortung“)  hatte ihr Verteidiger in einem Schreiben an die Bundesanwaltschaft darauf hingewiesen, dass Beate Zschäpe weiterhin nicht aussagen wolle und werde. Offenbar gab es in dieser Zeit ein ergänzendes Telefonat von Heer mit der Bundesanwaltschaft, in dem Heer nach eigener Erinnerung Staatsanwalt Kilmer mitteilte, dass es bitte weder zu einer förmlichen Befragung, noch zu einem informatorischen Gespräch kommen solle. Über dieses Gespräch, so kam heute zur Sprache, fertigte Heer damals einen eigenen Aktenvermerk an. Als Reaktion von Staatsanwalt Kilmer notierte er, dieser habe Heer zugestimmt und gesagt, er (Kilmer) würde es an Heers Stelle nicht anders machen. 

Aus heutiger Sicht hätte es Wolfgang Heer allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach ganz anders gemacht – und hätte an der Busreise nach Gera teilgenommen. Denn dann wäre ihm heute einiges erspart geblieben. Denn EKHK B. packte seine Fähigkeiten als “Zschäpe-Flüsterer” aus und entlockte ihr allerhand Informationen.

Angefangen habe er das Gespräch – schulbuchmäßig – mit Bemerkungen über das Wetter und über die Frisur von Beate Zschäpe: Woher sie die blonden Strähnen habe (von der JVA-Friseurin gegen 10 Euro extra), und ob sie seine Meinung teile, dass es faszinierend sei, wie sich das Wetter auf Fehmarn und an der Küste unterscheiden könne. Er wisse dies, weil er die Insel durch Urlaube mit seinen Kindern gut kenne. „Wer sagt denn, dass ich je auf Fehmarn gewesen bin?“, habe Zschäpe geantwortet.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Zeugenaussagen, die Zschäpe in den Jahren vor ihrer Verhaftung auf einem Campingplatz auf Fehmarn kennengelernt haben wollen. Insofern war die Frage von EKHK B. alles andere als unverfänglich. Am Ende seiner Befragung hakte Verteidigerin Anja Sturm genau an diesem Punkt nochnmals nach: “Wann waren Sie denn zuletzt auf Fehmarn?” EKHK B. musste selbst lachen. Das sei schon eine ganze Weile her. Sicher mehr als zehn Jahre. Eine entwaffnende Geste. Es sprach eine Geheimwaffe mit Charme.

So ging es weiter: Das Gespräch kam darauf, ob Zschäpe schon mal in die Akten geschaut habe. Ja, aber nur, um die Zeugenvernehmungen zu lesen. Es habe sie interessiert, was ihre Nachbarn in der  Frühlings- und Polenzstraße über sie gedacht hätten. Andere Dinge habe sie noch nicht so zur Kenntnis genommen, weil sie das Beschäftigen mit der Akte sehr belasten würde.

Voller Verständnis (meine Wertung) habe B. ihr geraten, doch mal die “Brandakte” zu lesen: An 23 Stellen sei Brandbeschleuniger nachgewiesen, 1.800 Asservate  sichergestellt worden. Der Ermittlungsstand würde immer weiter fortschreiten, es wäre vielleicht gar nicht schlecht, wenn Zschäpe das mal lesen würden. Ob sie denn mal eine Einlassung erwogen habe? Ja, habe Zschäpe gesagt. Sie habe das überlegt, doch ihr Anwalt rate ihr ab.

So sei man zum Thema Verteidiger gekommen, und Zschäpe habe ihren Unmut geäußert: Sie sei sehr sehr unzufrieden mit der Arbeit ihres Verteidigers. Er mache ja eigentlich sehr wenig und ständig lese sie etwas in der Presse, was ihr nicht gefalle. So sei da die Sache mit der “Süddeutschen Zeitung” gewesen, in der sie immer wieder Aktenteile gesehen und sich gefragt habe, wie das sein könne. Ihr Verteidiger habe ja hervorragende Kontakte zu “Herrn Leyendecker“, der habe ihr auch ein kostenloses Abo der Zeitung angeboten. Sie habe ihren Verteidiger gefragt, ob er Akten weitergegeben habe. Nee, er sei das nicht gewesen, sei die Antwort gewesen. Die Anwälte der Nebenklage hätten ja auch Akteneinsicht.

Zschäpe sei “nachhaltig erbost” über ihren Anwalt gewesen, sie sei mehrfach auf das Thema gekommen. So sei ihr Verteidiger ständig in der Presse, ausserdem mache er ja nichts. Andererseits bekomme er ja auch jetzt (im Ermittlungsverfahren) kein Geld. EKHK B. habe erwidert, das müsse man anders sehen: Das Geld bekomme ihr Anwalt ja in der Hauptverhandlung. Denn dann bekomme er “1.000 Euro oder Mark am Tag” und auch noch Reisekosten. Das habe Frau Zschäpe nicht gewußt.

“Einen Fall wie mich hat es noch nie gegeben”, habe sie gesagt. “Och, da täuschen sie sich”, antwortet der Kommissar nach seiner Erinnerung. Zschäpe sei ja in der DDR groß geworden. Er aber sei “schon etwas länger im Geschäft”. Er habe das mit einem Beispiel deutlich gemacht: “Wir hatten hier die RAF, überall hingen Fahndungsplakate”, habe er erzählt und dann ein konkretes Beispiel gebracht: Christian Klar sei an einem Erddepot in (richtig: bei) Hamburg festgenommen worden, Susanne Albrecht habe sich in der DDR befunden. Nach ihrer Festnahme habe Albrecht von Anfang an alles gesagt, was sie wusste. Klar habe seines Wissens nichts gesagt und über 20 Jahre verbüßt. Frau Albrecht sei jedoch nach ein paar Jahren wieder draußen gewesen.

Das wäre auch das, was Frau Zschäpe gerne hätte, habe sie ihm gesagt. Irgendwann unter anderem Namen unerkannt leben.

Die Geheimwaffe B. hatte aber noch weitere “spontane” Eingebungen, um Gesprächsanknüpfungen mit Beate Zschäpe zu finden. In Gera habe er sich das Buch “Die Zelle” gekauft und auf der Rückfahrt Beate Zschäpe zum Lesen angeboten. Etwa 30 Minuten habe sie darin gelesen. Im Verlauf der weiteren Befragung wurde dann deutlich, dass EKHK B. bis heute nicht dazu gekommen ist, das von ihm in Gera gekaufte Buch zu lesen.

Die Verteidiger von Beate Zschäpe schäumten: Ob es denn üblich sei, dass ein Erster Kriminalhauptkommissar bei einem  Gefangentransport mitfahre? Ob es darum gegangen sei, die Verteidiger schlecht zu machen? Ob es ein Zufall sei, dass neben B. und einer weiteren BKA-Kommissarin noch eine rangniedrige Bundespolizeibeamtin im Wagen gesessen habe, die sich aber praktisch nicht an dem doch so spontanen Gespräch beteiligt habe? Der BKA-Beamte nahm all diese Fragen sportlich-gelassen. Seine Aussagegenehmigung lasse keine Angaben zu innerdienstlichen Überleungen zu, aber grob sei es dem BKA wohl um das zu erwartenden Aussageverhalten von Frau Zschäpe gegangen. Und dass sie über eine Aussage nachdenke, habe die Beschuldigte ja schon zuvor zu verstehen gegeben – und habe es dann ja auf der Fahrt nochmals gesagt. Im übrigen sei sie froh gewesen, auch mal eine andere Meinung (als die ihrer Anwälte) zu hören. Denn ihr zweiter Rechtsanwalt (Wolfgang Stahl) sei ja immer der Meinung seines Kollegen Wolfgang Heer.

Inzwischen scheint sich das Klima zwischen Zschäpe und ihren Verteidigern aber wieder gebessert zu haben. Die heutige Befragung quittierte die Angeklagte teils mit spöttischem Lächeln, teils scheinbar wirklich amüsiert. Dabei suchte sie betont Kontakt zu ihren Anwälten Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer – zwischen denen sie saß. Heute wieder in schwarzem Hosenanzug und weißer Bluse – so dass man fast denken konnte, auch sie gehöre zum Team.

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Kommentare zu „Der “Zschäpe-Flüsterer” vom BKA“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. LR
    schreibt am 4. Juli 2013 21:32 :

    Toll wie sie auch noch stolz darauf sind, dass Beamte den Rechtsstaat immer weiter aushöhlen.
    Wann sind wir soweit wie die USA und richten einen Menschen hin ohne Anklage und Verteidigung, wie es im Falle von bin Laden geschehen ist? Denn das war nämlich vor dem Menschenrecht einfach nur ein feiger Mord. Jeder Mensch hat das Recht auf einen fairen Prozess mit einer Verteididung und das Recht zu schweigen.
    Diejenigen, die diese Rechte missachten, ausgehöhlen oder mit Tricks umgehen sind noch niederträchtiger als die Nazijustiz.

  2. Ivanfi
    schreibt am 5. Juli 2013 16:52 :

    “Und dass sie über eine Aussage nachdenke, habe die Beschuldigte ja schon zuvor zu verstehen gegeben – und habe es dann ja auf der Fahrt nochmals gesagt.
    Im übrigen sei sie froh gewesen, auch mal eine andere Meinung (als die ihrer Anwälte) zu hören.”
    —————
    Die psychische Einsamkeit hat bei der BZ in der Haft sicherich den Bedarf an Gesprächspartner geweckt.

    Jeder, der keine juristische Bildung besitzt, kann in einer solchen Situation zur Geschwätzigkeit neigen.
    —————
    Jeder, der mit Anwälten zu tun hat, (egal, ob Verkehrsdelikt, schwerer Raub, etc.,…) zweifelt an deren Arbeit,
    weil man die fachlich strengen Abläufe nicht versteht, nicht nachvollziehen kann.

    Die BZ hat auch nicht die Bildung, wie SÄMTLICHE RAF-Terroristen,
    die mit allen Wassern gewaschen waren und sind
    und sich in keine F A L L E locken lassen!
    NIEMALS! Das sahen wir dei der letzten Vernehmung der Mörderin Verena Becker in der Buback-Miordsache!
    ————–

    Bedenklich ist aber, dass die BZ nicht einmal bis 3 zählen kann,
    wenn sie davon ausbgeht,
    dass sie eine andere Sicht der Dinge braucht,
    als dies die Absprachen mit ihrern Anwälten vorsehen.
    Soviel Einfältigkeit wird ihr zum Nacteil werden.
    —————
    Die BZ ist schlicht und einfach mit Klammerbeutel gepudert, wenn sie glaubt, aus der SZ, aus den systemkonformen BRD-Einheitsmedien den RICHTIGEN Tenor, die RICHTIGEN Kommentaren, Berichte, Beschreibungen, die ihrem Wohl dienen, (mehr als die Arbeit ihrer eigenen Anwälte, auf die sie sich in einer „Beleidigtentour“ äussernd „nicht verlassen kann“) zu erfahren, zu entnehmen, erfahren zu können.

    Diese Mediengläubigkeit der BZ ist leider auch ein Wahrzeichen von einfältig denkenden Menschen,
    womit sich die BZ entlarvte,
    wenn es überhaupt stimmt,
    was uns der BKA-Beamter vorgeräubert hat.

    Wurde der BKA-Zeuge für seine Zeugenausage vereidigt? Kann er beweisen, dass die Gespräche mit der BZ so und nicht andsers abliefen?
    —————
    So oder so, hat die BZ damit ihre Anwälte BRÜSKIERT.

    Dass der BKA-Strohmann genau dies vorhatte, genau dies erreicht hat, feixt, ins Fäustchen lacht, ist nicht zu übersehen.

    Dies bleibt aber nur ein Strohfeuer, ein Pyrrhussieg des BKA-Zeugen, das nun bereits verpufft ist.

    Die BZ schämt sich mit Sicherheit wegen ihrer Geschwätzigkeit mit dem BKA-Mann im Nachhinein.
    ————–

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