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Durch Kennzeichenerfassung: BKA fasst offenbar Lkw-Schützen

23.06.2013, von

Autotransporter: BKA sucht Schützen

Autotransporter: BKA sucht Schützen

Kein Terrorismus, aber trotzdem spannend: Nach komplizierten Ermittlungen hat das Bundeskriminalamt nach meinen Informationen heute offenbar einen Verdächtigen im „Autotransporter-Fall“ festgenommen. Der Mann soll selbst Lastwagenfahrer sein und aus der Eifel stammen. Offenbar hat er die Tat bereits gestanden und die Beamten zu den Waffen geführt.

Seit 2008 ist es bundesweit zu mehr als 700 Anschlägen auf Lkws, überwiegend Autotransporter mit Neuwagen, gekommen. Der oder die Täter schossen auf die Fahrzeuge. Neben erheblichem Sachschaden gab es auch Verletzte: In mehreren Fällen führten die Schüsse zu Unfällen. So wurde Ende 2009 eine Frau bei Würzburg schwer verletzt, als sie eine Kugel in den Hals traf. Allerdings geht die Polizei davon aus, dass dieser Treffer möglicherweise nicht beabsichtigt war. 

Obwohl die Polizei mit großem Aufwand ermittelte, war es ausgesprochen schwierig, die Täter zu finden. Denn fast immer wurden die Schüsse erst am Zielort der Transporter festgestellt, so dass jeweils unklar blieb, wann und wo auf der Strecke der Angriff erfolgt war. Durch ballistische Untersuchungen ging die Polizei davon aus, dass die Schüsse wohl ebenfalls aus einem Lkw abgegeben wurden: Bei einigen Treffern konnte der Schusswinkel so exakt bestimmt werden, dass ein stationärer Schütze oder Schüsse aus einem Pkw ausgeschlossen werden konnten.

Schließlich übernahm das Bundeskriminalamt (BKA) die Ermittlungen. Federführend war die Staatsanwaltschaft Würzburg. Nachdem andere Ermittlungsansätze – unter anderem mit „Köder-Lkw“, die Schüsse auf sich ziehen sollten – scheiterten, entschloss man sich nach meinen Recherchen zu einer großangelegten Datenerhebung: Das „Mobile Einsatzkommando“ (MEK) des BKA postierte an strategischen Stellen auf den betroffenen Autobahnabschnitten verdeckte Kennzeichenlesegeräte. Massenhaft wurden Kfz-Kennzeichen erhoben. Bekam man die Meldung über einen neuen Zwischenfall, wurden diese Daten mit der Fahrtroute des „Opfer-Lkw“ abgeglichen. Hinzu kamen die Verbindungsdaten von Mobilfunkmasten entlang der Autobahn. Auch deren Daten wurden in den Abgleich einbezogen. Am Ende konzentrieten die Daten die Aufmerksamkeit des BKA auf eine konkrete Person.

Als das BKA heute bei ihm erschien, wollte der Mann gerade zu einer Fahrt mit seinem Lkw aufbrechen. Offenbar war er völlig überrascht, bereits bei der ersten Vernehmung habe er ein Geständnis abgelegt und die Beamten zu seinen Waffen geführt, sagte ein hochrangiger Ermittler. 

Die Staatsanwaltschaft Würzburg und das Bundeskriminalamt wollten sich am Abend nicht äußern. Aus dem BKA hieß es lediglich, es habe heute einen Einsatz gegeben. Zum Hintergrund könne er nichts sagen, sagte der BKA-Sprecher.

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Kommentare zu „Durch Kennzeichenerfassung: BKA fasst offenbar Lkw-Schützen“

Es sind 9 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Rosalinde
    schreibt am 23. Juni 2013 22:19 :

    Ist es nicht naheliegender, dass hier möglicherweise das bestehende TollCollect-System für Ermittlungszwecke genutzt wurde und gar keine neuen Kennzeichenlesegeräte aufgebaut wurden?

    • Holger Schmidt
      schreibt am 23. Juni 2013 22:26 :

      @Rosalinde: Nein, die TollCollect-Systeme dürfen dazu aus rechtlichen Gründen nicht genutzt werden. Das ist schon 2005 anlässliches eines Zwischenfalls auf einer Autobahnraststätte bei Crailsheim geklärt worden: Ein Parkplatzwächter wurde von einem LKW überrollt und getötet, wohl sogar mit Absicht. Doch die Toll-Collect-Daten durften nicht herangezogen werden. Steht so im Gesetz.

  2. Rüdiger
    schreibt am 23. Juni 2013 23:26 :

    Respekt für die gute Informiertheit.

    Dieser Erfolg des “Überwachungsstaates” kommt aber reichlich ungelegen.

  3. stef
    schreibt am 24. Juni 2013 01:32 :

    Sehr informativ! Danke

  4. Trino
    schreibt am 24. Juni 2013 07:50 :

    1. Wieso kein Terrorismus? Zum Motiv des Mannes weiß man noch nichts … und bislang sieht es durchaus dem NSU-Fall ähnlich … Schüsse auf nichtsahnende Opfer, zu denen der Täter offenbar keine persönliche Beziehung hatte …

    2. @Holger Schmidt

    Haben Sie irgendeinen Beleg für Ihre Aussage? Mit Gerichtsbeschluss dürfen
    Privatwohnungen durchsucht werden, die TollCollect Daten aber nicht ausgewertet
    werden? Kann ich mir nicht vorstellen …

  5. Corajan
    schreibt am 24. Juni 2013 08:12 :

    @Trino:
    1. Schauen sie sich mal die rechtliche Definition von Terrorismus an. Dann beantwortet sich ihre Frage von allein.

    2. Wie bereits durch Herrn Schmidt richtigerweise beschrieben, durften die TollCollect-Daten noch nicht einmal für die Aufklärung eines Tötungsdeliktes herangezogen werden (was meiner Meinung nach ziemlich abstrus ist). Kaum zu glauben, dass diese dann für Massendatenabgleiche herangezogen wurden. Zumal die Ermittlungsmethoden und die Art der “Erkenntnissgewinnung” im Gerichtsverfahren offen gelegt werden müssen. Hier wäre es dann so, dass die erlangten Beweise nicht gerichtsverwertbar sind. Es sei denn, man ist Anhänger einer Verschwörungstheorie und meint, Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter haben das alles hinter verschlossenen Türen ausgehandelt und dann auch im großen Stil Akten gefälscht. Denn die Verteidigung bekommt diese ja zur Verfügung gestellt.

    Sie sehen also, auch was sie sich nicht vorstellen können, kann manchmal trotzdem Fakt sein.

  6. Hofnarr
    schreibt am 24. Juni 2013 10:47 :

    Ist doch top, dass das BKA schliesslich mittels der installierten Autobahn-Kameras fündig wurde! Und vor allem, dass sich der Festgenommene selber zum Verbrechen bekennt… Dies vereinfacht alle weiteren Recherchen! …und bezeichnenderweise: der Täter, nicht die Täter, beschweren sich nicht mal über das Installieren dieser Kameras! Denn ohne solcher Kameras und der Erfassung sämtlicher Daten rund um diese Kameras wär’s nun tatsächlich nicht gegangen, ihn zu schnappen und das Verbrechen damit zu beenden, oder?!

    Mann oh Mann, welcher Irrtum von Euch Deutschen, zu meinen, man könne gänzlich ohne solcher Datenerfassung im Thema Sicherheit der Bevölkerung umfassend erfolgreich sein! Lieber ist mir dann doch, auf Autobahnen nicht zufällig von so einem Psychopathen an- oder erschossen zu werden, bloss weil er sich auf das Erschiessen von Fahrzeugen auf Lastwagentransporten spezialisiert hat… Ohne seiner Verhaftung hätte dieser einstige Lastwagen-Chauffeur doch niemals aufgehört, sich auf diese Weise seine überschüssige Zeit zu vertreiben.

  7. Trino
    schreibt am 25. Juni 2013 13:01 :

    @Holger Schmidt

    Danke für den Link, man lernt nie aus 🙂

    @Corajan

    Wo bitte finde ich die rechtliche Definition von Terrorismus?

    Wikipedia sagt: Es gibt keine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition von Terrorismus.

    Ich denke jedenfalls, dass man ohne Kenntnis des Motivs eine Einordnung nicht vornehmen kann.

    Nachdem heute aber bekannt geworden ist, dass das Motiv wohl “Frust durch Straßenverkehr” oder so ähnlich war, würde auch ich Terrorismus ausschließen …

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