Musik als Prestigefrage?

Bei der Probe mit Studenten des Shanghai Conservatorium of Music
Wir sind heute erstmals im Shanghai Conservatorium of Music, denn diese Reise besteht nicht nur aus Konzerten und Programmen, ein ambitioniertes Projekt ist die deutsch-chinesische Orchesterakademie. Mitglieder des RSO musizieren im Rahmen einer Interpretationswerkstatt zusammen mit Studenten des Konservatoriums.
Das ist mehr als eine pädagogische Maßnahme, es geht auch darum, dass Sir Roger seine Ideen zur historisch informierten Aufführungspraxis vermittelt und gleich vor Ort erarbeitet. Das dürfte für China ein Novum sein, ganz abgesehen davon sind dafür immerhin zwei Tage veranschlagt, mit jeweils einer Arbeitsphase am Morgen und einer am Abend. Das RSO wird geteilt, die andere Hälfte, das sind jeweils die jungen Leute vom Konservatorium.
Matinee mit Rihm und “Yao Dance”

"Lassen Sie sich die chinesische Anschrift aufschreiben, dann gelangen sie sicher ans Ziel." (Foto: Reinhard Ermen)
Die EXPO beherrscht die Stadt. “Better City, better Life”, lautet das Motto, und die Teile der frisch herausgeputzten Stadt, die wir zu sehen bekommen, sind ohne Frage die besseren Ecken der 16-Millionen-Metropole Shanghai. Ob das Leben hier besser ist? „Matinee mit Rihm und “Yao Dance”“ weiterlesen →
Staatsoperette im Schatten der EXPO

Das Oriental Arts Center in Shanghai (Foto: Reinhard Ermen)
Das “Oriental Arts Center”, in dem am 1. Mai das Konzert stattfinden wird, ist ein ungewöhnlicher Bau. Als habe man fünf mächtige Halbkugeln, ja Paukenkessel aus Glas aneinander geschoben, so erscheint dieses ungewöhnliche architektonische Ensemble in einer der besten Lagen von Shanghai. Wenn man so will, ist das (frei nach B.A. Zimmermann) die Kugelgestalt der Musik in einer bemerkenswerten Konkretion. In Bezug auf die klassische Musik ist das das erste Haus am Platze. Die lichte Transparenz der gläsernen Hülle geht in den relativ dunklen Foyerräumen, in denen man sich schnell verläuft, allerdings etwas verloren. Alles in allem: Das ist ein würdiger Ort für das Konzert des RSO in Shanghai!
Nervosität vor Eröffnung der Expo

Die Skyline von Shanghai taucht aus dem Dunst auf (Foto: Reinhard Ermen)
Heute, am 29. April, ist die Musik wieder relativ weit weg, denn wir reisen von Shenzhen nach Shanghai. Eigentlich ist das ganz einfach, man fährt zum Flughafen, fliegt von da etwa 1000 Kilometer nach Norden, und fährt von diesem Flughafen mit dem Bus ins Hotel.
Die Ankunft in einer anderen Welt

Nach der Einreise in China: Warten auf die anderen (Foto: Reinhard Ermen)
Wir waren nicht in China, sondern in Macau, wo andere Gesetzmäßigkeiten herrschen als im Rest der Volksrepublik. Die mediterrane Gelassenheit, die die Portugiesen auf der Halbinsel Macau zurückgelassen haben, auch der Sonderstatus ist mit einem Mal zu Ende; die chinesische Bürokratie zeigt an der Grenze ihre Zähne durch eine grandiose Massenabfertigung mit zahllosen Wartenden in endlos anmutenden Menschenschlangen vor den entsprechenden Schaltern. Da müssen wir durch?
“Making the Stuttgart Sound”

Die Pressekonferenz im Macao Cultural Center (Foto: Reinhard Ermen)
Langsam bewegen wir uns auf die Musik zu. Zwar genießen die Orchestermitglieder ihren wohlverdienten Jetleg-Tag, aber am Montag, den 26. April um 11.30 Uhr fand eine Pressekonferenz statt. Schauplatz war das Macao Cultural Centre, ein Bau, der 1999 errichtet wurde und sich durch seine monumentale Elleganz auszeichnet. Gefragt waren der Chefdirigent Sir Roger Norrington, die chinesisch amerikanische Pianistin Claire Hunagci (19 Jahre alt, sie wird am Tag darauf das dritte Konzert von Prokofjew spielen) und der Orchestermanager Felix Fischer.
Die Reise beginnt – Ankunft in Macau

Der Eingang zum Macau Cultural Center mit Konzertankündigung(Foto: Reinhard Ermen)
Die Stuttgarter Zeitung titelt am Tag unserer Abreise in der Wochenendausgabe: „Luxuswagen für China“, denn eben wurde in Peking die Automesse eröffnet. Die Automesse interessiert uns weniger, und in Peking werden wir ohnehin erst später sein, nämlich am 8. Mai. Davor sind wir noch in Seoul (Südkorea), Shanghai und Shenzzhen. Die Konzerttournee des RSO startet am 27. April in Macau. „Die Reise beginnt – Ankunft in Macau“ weiterlesen →
Die Luft ist rein!
Vor dem Abflug nach Asien
Von Reinhard Ermen, Baden-Baden am 22. April 2010
Tagelang haben wir gezittert, ob es überhaupt möglich ist zu fliegen, ein garstiger Vulkan auf Island schien etwas dagegen zu haben. Die Luft ist rein, wir können fliegen!
Und so eine Tourneeplanung ist empfindlich. Drei Maschinen müssen am Samstag in Richtung Hongkong abheben; eine von Paris aus, darin sitzt eine kleinere Gruppe mit Orchestermusikern, der größere Teil fliegt von Zürich aus. Und eine erste Maschine wird schon am Freitag den 23. mit den Instrumenten (Gut und gerne fünfeinhalb Tonnen!) beladen. Wenn nur eine Maschine ausbleibt oder sich im Geschiebe des Rückstaus wesentlich verspätet, gerät der Start der Asientournee ins Wackeln.

Ludwigsburg: Schönheit Schiller
Schillerbeschallung 7. und letzter Tag
von Andreas Kebelmann
Auch am letzten Tag wieder heftige Regengüsse. Am Morgen auf dem Schillerplatz in Ludwigsburg warten wir die Schauer ab, um unsere Lautsprecher zu montieren. Erste Touristengruppen laufen vom Bahnhof kommend in die Stadt. Als wir unsere Beschallung beginnen, setzt der Regen wieder ein.
Die Schillerstraße ist von kleinen Geschäften gesäumt, Lotto-Annahmestelle, Wettbüro, Parfümerie, Kosmetikgeschäft, Friseur, Musikalienhandlung, ein Kieser-Trainingsstudio. Einige der Geschäfte sind schon seit vielen Jahren hier. Eine traditionelle Einkaufsstraße. Auch in Ludwigsburg wird die relativ kurze Schillerstraße von den Anwohnern in einen ‘besseren’ Teil am Schillerplatz und einen eher weniger frequentierten Teil am Ende bei den Bahngleisen eingeteilt.

Jan Krauter, unser Schillerschauspieler, kämpft gegen den Regen und umschmeichelt die vorbeieilenden Passanten mit Schillers ‘Liebesbriefen an Charlotte’. Einige Frauen fühlen sich angesprochen und bleiben einige Minuten begeistert stehen, bevor sie in den Geschäften verschwinden.
Im ‘Kaufhaus Schiller’, einem Second-Hand Allesbedarfsladen an der Ecke sitzt die Verkäuferin desinteressiert hinterm Tresen und telefoniert lieber weiter, als mit mir zu reden. Dafür finden wir an einigen Geschäften Schillerzitate in den Schaufenstern. ‘Vor einigen Jahren bewarb die Stadt mit einem Wettspiel den einheimischen Dichter’, klärt uns der freundliche Besitzer der Musikalienhandlung auf, der seit über 30 Jahren in der Straße ist. Im Reisebüro auf der anderen Seite bietet der türkische Besitzer Kulturreisen zu den ‘ersten Anfängen der Zivilisation’ an, in den Nahen Osten, nach Nordafrika.

Am Ende der Straße ein ‘Kosmetikinsitut’, Friseur ‘Figaro’, das ‘Comfort Hotel’, ‘Fußpflege’. Es geht um die Schönheit und das Wohlbefinden der Kunden. „Wann sagt man wohl, dass eine Person schön gekleidet sei? Wenn weder das Kleid durch den Körper, noch der Körper durch das Kleid an seiner Freiheit etwas leidet.“ In Schillers Worten findet der Friseur, der seit über 50 Jahren sein Geschäft in der Straße führt, sofort Parallelen zwischen der Schönheit der Herrenmode und der Kunst des Haarschnitt. Als Schmuck diene das Haar schließlich ebenso wie die Kleidung zur Verschönerung des Menschen. Schiller lebensnah.
Schließlich beenden wir durchnässt gegen Mittag unsere letzte Beschallung und flüchten in ein warmes Café. Genug Regen. Genug Schiller.

Auf unserer Tour durch sieben Schillerstraßen in Baden-Württemberg haben wir Schiller auf unterschiedlichster Weise angetroffen. Schiller als Weltbürger, Schillerwein auf dem Dorf, Schiller als Mittel gegen Depression, eine Familie Schiller. Ein Gartenrestaurant, Kaufhaus, Club und eine Parfümerie tragen seinen Namen. Wir waren in einer Schillersiedlung, auf der Schillerwiese, an eine Schillerrampe und auf der Schillerhöhe. Und trafen viele Menschen, die Schiller noch im Kopf hatten: Zitate aus der Glocke, den Kranichen des Ibykus, Geschichten über Wilhelm Tell in Berlin und den Räubern in Hannover. Und seit dieser Woche gibt es ein paar Kinder, die mit viel Spaß Geschichten über den Namensgeber ihrer Strasse gehört und mit Begeisterung Schiller gelesen haben.
Albstadt. Schiller vernebelt
Schillerbeschallung 6. Tag
von Andreas Kebelmann
Dichter Nebel liegt zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Nach zweimaligem Verfahren finden wir die Schillerstraße in Albstadt-Ebingen, dem Hauptteil der aus vielen Ortsteilen bestehenden Kleinstadt. Durch die längste Straße der Stadt rollt unentwegt der Verkehr, sie wirkt lebensfremd und abweisend. Im Regen ist kein Mensch auf der Straße. Bei unserer Beschallungstour hängen sich zwei Autos an uns und folgen uns bis zum Netto-Parkplatz. Hier an der einzig belebten Stelle der Straße bleiben wir stehen und warten auf Zuhörer. Regen, Nebel und die schnell einsetzende Dunkelheit bilden den Hintergrund für Schillers Klagen über die Unmoral der Gesellschaft. Abend in Albstadt.

Trotz des Regens bleiben einige Passanten stehen und hören uns zu, bevor sie zum abendlichen Einkauf im Laden verschwinden. Eine 70jährige berichtet lachend, dass ihre Urgroßmutter eine Schiller war. Schwäbischer Familienstammbaum. Ein paar Kinder verfolgen gespannt die Lesung und berichten uns von ihren eigenen Theatererfolgen. Im Netto ist reger Betrieb. Die Verkäuferinnen dürfen leider nicht mit mir sprechen, nicht mal über Schiller! Aber der Angestellte der Videothek, der zweiten wichtigen Anlaufstelle auf der Schillerstraße gegenüber, erzählt von unmoralischen Videos und der Straße als Hauptader Albstadts.

Am anderen Ende der Straße Hochhäuser und ein Gewerbepark. Eine junge Frau auf dem Weg ins Kino überlegt, ob ihr noch ein Werk des Autors einfällt. Mit ‘Räuber Hotzenplotz’ liegt sie knapp daneben. Im Fitnessclub des Schiller-Gewerbeparks strampelt eine Gruppe Albstädter zu lauter Popmusik auf Fahrradtrainern. Unser Schillermobil parkt vorm ‘Club Schiller’ – vormals ‘Café Schiller’. Konzertbühne und Clubraum für Albstadt. Dass die Schillerstraße Namensgeber für den Club ist, fällt dem Barmann allerdings erst bei unseren Fragen auf. Aber sie laden uns nach Arbeitsschluss auf ein Bier ein. Herzliches Willkommen.

Am Ende sind wieder die Kinder die letzten und treuesten Zuhörer. Stolz sitzen sie mit Perücke in unserm Schillerauto und lesen mit Ernst und Konzentration Schillers philosophischen Texte. Wieder ein paar Fans für Schiller gewonnen. Ein erfolgreicher Abend.

