“…dass man auch anders leben kann”
Von Alfred Marquart
“Ich mag nicht in einem Land leben, das mir verbietet, nach Paris zu fahren”, hat Günter Kunert, der Schriftsteller, gesagt, als er aus der DDR selig verschwand. Recht hatte er.

D-Mark Denkmal in Bonn
Ich habe immer an einer Grenze gewohnt, meine Prager und Kölner Familienteile letztlich auch. Das ist etwas Schönes, in ein anderes Land fahren, möglicherweise eine andere Sprache sprechen, andere Lebensformen kennenzulernen. „“…dass man auch anders leben kann”“ weiterlesen →
“Safran macht den Kuchen geel, gell?”
Von Alfred Marquart
Eines vor allem haben wir beim Älterwerden aus dem Ausland gelernt: Essen. Als kleines Kind wollte ich vor allem satt werden. Dann kam die Zeit der “russischen Eier”, später die Zeit des Käseigels.

Russische Eier mit Mayonnaise
Nur wenig Restaurants verdienten erstens diesen Namen und waren zweitens bekannt für ihre gute Küche.
Bern, Bobbele und die Millionäre
Viel wichtiger als mancher dachte war der Sport. Als “wir” 1954 Fußballweltmeister wurden gegen die Ungarn – die beste Mannschaft, die es damals gab, die Deutschen kämpften sie mit ihrer guten (?) alte deutschen Tugend nieder – jubelte die Nation auch aus anderen Gründen:

Fritz Walter und Horst Eckel nach dem Triumph bei Fußball WM 1954 in Bern
Man gehörte wieder dazu. Als Kind habe ich das damals nicht begriffen. Ich fand das einfach toll, und auch meine kritische, nationalem Jubel ebenso wie Fußball an sich abholde Familie ließ sich anstecken. „Bern, Bobbele und die Millionäre“ weiterlesen →
“Ich liebe meine Frau.”
Die Bonner Republik erschien mir provinziell und war es auch. Aber nach dem Großmachtgetue der Nazis, das hatte ich dann doch kapiert, war das eigentlich nicht schlecht. Wir taten’s jetzt einfach eine Nummer kleiner.
Natürlich war uns vieles verleidet, ist es mir auch heute noch. Das Fahnenmeer bei der Fußballweltmeisterschaft war mir eher unheimlich. Wobei ich nichts gegen das Hissen der französischen Fahne habe – die ist, genau wie die eigentlich recht blutige Marseillaise ja ein Symbol der Freiheit geworden durch ihre Geschichte. „“Ich liebe meine Frau.”“ weiterlesen →
Arbeiter- und Bauernstaat
Etwas konnte ich nie so richtig verstehen: die Begeisterung mancher damals für die DDR. Das heißt, die durfte man ja nicht so nennen, das war die Ostzone oder die sowjetisch besetzte Zone oder (so der damalige Bundeskanzler Kiesinger) “ein Phänomen”.
Fackelzug auf der Prachtstraße Unter den Linden zum 30. Jahrestag der DDR 1979
Genauso verpönt war übrigens die Bezeichnung “BRD”, weil man uns so in eben der DDR nannte, und wenn’s schon die eine nicht gab, dann die andere auch nicht. Als ich einmal hinter dem Mikrophon den Spruch zitierte: “Wer ARD sagt, muß auch BRD sagen”, mußte ich ganz oben vorreiten und wurde ziemlich fertig gemacht. Daß ich eine Krawatte dabei trug, sprach wohl zu meinen Gunsten. „Arbeiter- und Bauernstaat“ weiterlesen →
Politisieren in den 70er-Jahren
Die Siebzigerjahre waren eine ungeheuer politisierte Zeit. Die Medien waren voll mit Politik und Meinungen – je nach Standort schimpfte man entweder auf “Panorama” oder das “ZDF-Magazin” – oder fand eine der beiden Sendungen toll. Angeschaut hat man sich aber beide.
Seelöwe Adolf (links) 1979 im Kramladen-Studio von Südfunk 3. In der Mitte: Moderator Alfred Marquart, rechts Hans-Dieter Reichert.
Zugleich war es auch eine pädagogische Zeit. Als ich zum SDR nach Stuttgart kam, waren dort viele junge Leute neu – die erste Generation, die nach dem Krieg das alles wieder aufgebaut hatte (teilweise war sie aus den Gefängnissen, teilweise aus den Schützengräben, teilweise aus den NS-Sendern gekommen), ging so langsam in Pension, und dann kamen eben wir. „Politisieren in den 70er-Jahren“ weiterlesen →
Zwischen den Fronten der 68er
Der große Auslöser wurde, man weiß es, der Tod von Benno Ohnesorg, einem Unbeteiligten der Anti-Schah-Demonstration in Berlin. Die berühmte Kugel, die sich aus einer Polizeipistole löste… aber das war wirklich nur der Auslöser.

Benno Ohnesorg wird am 2.6.1967 ins Krankenhaus eingeliefert, wo er kurze Zeit später stirbt.
Tausend größere und kleinere Dinge kamen zusammen. In Heidelberg war es, so lächerlich das klingen mag, die Erhöhung der Straßenbahn- und Buspreise. „Zwischen den Fronten der 68er“ weiterlesen →
Prüderie und Kuppeleiparagraph
Der Adenauerschen Bundesrepublik hatte man immer Prüderie vorgeworfen, auch das hatte 68 eine Rolle gespielt.

Eine junge Familie zu Beginn der 60er Jahre
Zum Teil war es mehr als das – so behielt die freie BRD die von den Nazis eingeführte verschärfte Form des Paragraphen 175 gegen Homosexualität bis 1969 bei. BRD durfte man übrigens lange nicht sagen, das galt als ostdeutsches Kürzel. Als ich einmal in den siebziger Jahren den schönen Spruch “Wer ARD sagt, muß auch BRD sagen” zitierte, wurde ich nach oben zitiert und zusammengestaucht. „Prüderie und Kuppeleiparagraph“ weiterlesen →
“Ordentliche Menschen”
Anständige Menschen waren anständig angezogen. Das hieß: Selbstverständlich trug man einen Anzug bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Beim Abschluß der Tanzstunde. Beim Abitur – irgendwie sahen wir alle gleich aus, wenn wir da so in Habt-acht-Stellung standen, ehe wir unsere Papiere entgegennehmen durften.

Immatrikulatiuonsfeier an der Universität Heidelberg 1962
Bei der Immatrikulationsfeier in der Alten Aula der Universität Heidelberg hatten wir auch alle einen an. Und die Professoren marschierten herein, wie es später hieß: “Unter den Talaren Muff von tausend Jahren”. Übrigens nicht bei allem, bei den meinigen in der Regel nicht. Da war kein Muff von tausend Jahren, obwohl manche auch eine Vergangenheit hatten, nicht immer eine rühmliche. „“Ordentliche Menschen”“ weiterlesen →
Vive l’europe
Ich gestehe, dass ich mich strafbar gemacht habe als Jugendlicher. Nein, ich habe keine Steine auf Polizisten geworfen oder dergleichen, dafür wäre ich auch zu feige gewesen. Ich habe einen Grenzpfosten umgeworfen.
Junge Europäer verbrennen Anfang der 50er Jahre einen Grenzbaum an der deutsch-französischen Grenze
Das machte man damals, wenn man für Europa war. Und für Europa waren wir alle, ich aufgrund meiner, sagen wir – multinationalen Herkunft – ganz besonders. Vor allem die Grenzen zu Frankreich wollten wir einreißen, weil es die nächstliegenden waren. Und weil wir uns, fälschlicherweise übrigens, aufgrund des gemeinsamen Flusses Rhein für stammes- und mentalitätsverwandt hielten. „Vive l’europe“ weiterlesen →



