“Das hat noch niemandem geschadet!” - Prügel fürs Leben

Die Grundschule hieß damals noch Volksschule. Hatte man vier Jahre davon hinter sich gebracht, machte man eine Aufnahmeprüfung für die so genannte “höhere Schule”. Traute man sich das nach vier Jahren noch nicht zu, konnte man diese Prüfung auch nach fünf Jahren machen.

Grundschulklasse in den 1950er Jahren, Quelle: dpa

Grundschulklasse in der 50er Jahren

In der Grundschule wurde geprügelt. Finger auf die Tischkante gelegt, und dann kräftig drauf mit dem Rohrstock. Das gab blutige Striemen, manchmal schwollen die Finger so an, dass man kaum noch einen Bleistift halten konnte. Auch die meisten Eltern hielten das für richtig, obwohl es eigentlich bereits untersagt war.

Es schlugen nicht nur die Lehrer (und vor allem die Lehrerinnen), sondern auch, zum Beispiel, der Hausmeister. Ich kam einmal zum Musikunterricht am Nachmittag zu spät und wurde vom Hausmeister erwischt. So verprügelt worden bin ich nie vorher und nie nachher - er schlug mit ein blaues Auge, trat mich durch das Treppenhaus, brach mir (was ich aber erst später bemerkte) das Nasenbein an.

Grundschulklasse in den 1950er Jahren, Quelle: dpa

Grundschulklasse in den 1950er Jahren

Meine Mutter beschwerte sich bei einem Elternabend über diese Brutalität. Weitgehendes Unverständnis - über die Beschwerde. Vaterlose Kinder, derer ich eines war, hatten kaum eine Chance bei solchen Anlässen. Ich war nicht der einzige, der halb krankenhausreif geschlagen wurde. Und nicht nur vom Hausmeister.

Es gab auch den Schulzahnarzt, der boxte einem, wenn’s sein müsste, einen wackeligen Milchzahn auch schon mal aus dem Mund. Mein Banknachbar ist an dieser Behandlung einmal fast verblutet. Meine Neigung, Zahnärzte aufzusuchen, ist nicht groß seither (obwohl die Behandlungsmethoden heute andere sind. Die Angst aber ist die gleiche geblieben.).

Das Schlimmste daran: Wir nahmen das alles als naturgegeben und “normal” hin. Auch dass man bei uns Flüchtlingskindern etwas härter hinschlug (wobei wir in meiner Grundschulklasse die Mehrheit waren!), “war eben so”. Und: “Das hat ja noch niemandem geschadet!” Die Generationen vor uns, die man ja so erzogen hatte, bewiesen aber aufs Schönste, wie falsch diese Behauptung war …

Alfred Marquart

1 Kommentar zu ““Das hat noch niemandem geschadet!” - Prügel fürs Leben”

  1. Alma

    …und die Verleihung der “Goldenen Palme” heute abend in Cannes an Regisseur Michael Haneke und seinen Film “Das weiße Band” gibt Ihnen, lieber Herr Marquart Recht, dass das immer noch ein Thema ist, das zu erzählen/ erinnern lohnt. Auf dass es sich nicht wiederhole.

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