Die Jagd mit Falken ist bei den Golf-Arabern ein beliebter Sport. Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate gibt jedes Jahr Millionen für die Pflege dieser Tradition aus. Ein Falkenhospital in Abu Dhabi bietet hochmoderne Behandlung, im Falken-Souk von Dubai gibt es jedes erdenkliche Zubehör. Ein zugereister Schotte verdient mit Falken seit Jahren gutes Geld: Die Vögel halten die Anlagen von Luxushotels in Dubai “taubenfrei”. Carsten Kühntopp hat die “Falken-Szene” in Abu Dhabi und Dubai besucht.
Ein paar schmucklose, einstöckige Bauten in der Wüste unweit des Flughafens – das ist das Falkenhospital von Abu Dhabi, das größte der Welt; etwa viereinhalbtausend Falken werden hier jedes Jahr behandelt.
Das sind also alles die Häuser, wo die Falken hospitalisiert werden. Also, wir können über hundert Falken hospitalisieren. Im Moment haben wir 93 hier stationär aufgenommen.
Zeit für die Visite. Krankenhausdirektorin Doktor Margit Müller ist auch die Chefärztin. Einige ihrer Patienten hocken nebenander auf Stangen, andere haben ein Einzelzimmer, so wie Alia, ein Weibchen, das zur Mauser hier ist.
Hallo Alia! Sie hat ein sehr starkes Temperament, um es mal vorsichtig zu sagen.
Margit Müller aus Bayerisch-Schwaben lebt seit acht Jahren in Abu Dhabi. Für ihre Arbeit an der Spitze des mehr als 50-köpfigen Krankenhausteams erhielt sie kürzlich eine hohe Auszeichnung der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate. Umgerechnet etwa 18 Millionen Euro gibt der Staat jedes Jahr zur Förderung der Falknerei aus – diese alte Tradition soll nicht sterben.
Früher, als die Beduinen noch in der Wüste gelebt haben, haben sie die Falknerei benutzt, um Fleisch für die Familie zu erjagen, und dadurch konnten die Familien überleben. Das heißt, die Falknerei hier in den Emiraten war kein Sport, weil hier ist es wirklich die Beduinen-Tradition.
Ein Falke apportiert nicht – vielmehr bringt er ein Beutetier zur Strecke, und dann muss der Falkner schnell hinterher und sich die Beute schnappen. Wer in Abu Dhabi oder Dubai einen oder sogar mehrere Falken besitzt, der besitzt in der Regel Vögel aus der Zucht; doch noch immer sind es recht wilde Tiere, bei denen alle uralten Instinkte funktionieren.
Wir reden hier fast nur von Weibchen. Das ist eine ganz, ganz große Besonderheit im Tierreich, dass bei den Falken die weiblichen Tiere ein Drittel größer sind als die männlichen Tiere. Für die Falknerei werden vor allem weibliche Tiere benutzt, da diese Tiere, weil sie größer und stärker sind, auch größere Beute schlagen können. Mehr Beute heißt mehr Essen für die Familie. Und die Männchen – sind auch nett, sind halt kleiner und zierlicher, und die können zwar auch schön fliegen, aber dadurch, dass sie wirklich schwächer sind, können sie natürlich wirklich nur kleine Beute schlagen.
Spätabends im Garten eines Luxushotels in Dubai. Hamad al-Ghanem will Freunde zum Plausch bei einer Wasserpfeife treffen. Einer seiner Falken, ein Weibchen namens Mirage, sitzt still auf einem kleinen Kissen auf dem Tisch. Ghanem liebt es, am Wochenende in die Wüste zu fahren und zu jagen.
Etwa zwei Wochen lang richte ich den Falken ab. Dann gehen wir in die Wüste. Ich nehme die Haube ab und lasse den Falken fliegen. Ich sehe: Er hat eine Trappe erlegt! Ich muss jetzt schnell hinterherkommen, denn er fängt sofort an zu fressen. Als ich beim Falken ankomme, hat er keine Angst vor mir – er kennt mich ja. Vorsichtig nehme ich den Vogel von der Beute und setze ihm wieder die Haube auf. Nun muss er noch eine Jagd machen – natürlich nicht 20 Jagden, sondern nur zwei oder drei, bis er müde ist. Schließlich bekommt er sein Fressen – vielen Dank! – und morgen geht es weiter.
Ghanem, in den Vierzigern, lebt von den Erträgen, die die Investitionen seiner Familie bringen. Also hat er viel Zeit für sein Hobby, die Falknerei. Er liebt die Traditionen und widmet sich mit Hingabe ihrer Pflege. Je höher die Wolkenkratzer in Dubai werden und je komfortabler sein Leben ist – desto wichtiger sind ihm die alten Bräuche und Sitten. Mit dem Falken in der Wüste zu jagen, für ein paar Tage unter freiem Himmel zu sein und sich nur von dem erjagten Fleisch zu ernähren – das bedeutet, den Vorfahren und ihrer Lebensart wieder ganz nahe zu kommen, sagt Ghanem.
Der Brite David Stead verdient sein Geld in Dubai mit Falken. Schon als kleiner Junge war er von diesen Tieren besessen – da lebte er noch in Schottland. Nun ist er Ende Dreißig und hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: Er leitet die Firma “Falknerei-Dienstleistungen Al-Hurr”. Große Hotels mieten ihn und seine Vögel – damit er die Tauben vertreibt. Vor bald zehn Jahren, als Stead nach Dubai kam, war das eine ziemlich neue Idee. Der Erfolg gab ihm recht. Welches Hotel hat kein Problem mit Tauben und ihren Hinterlassenschaften!
Angenommen, rund um ein Gebäude leben eintausend Tauben, und du versuchst, sie mit dem Gewehr abzuknallen: Erwischen wirst du vielleicht zehn. Die anderen 990 verschwinden für fünf Minuten – dann kommen sie wieder, denn sie kennen die Verbindung nicht - zwischen dem Knallen eines Schusses und der Tatsache, dass Onkel Humphrey plötzlich nicht mehr da ist! Wenn du aber einen Falken aufsteigen lässt, dann macht dieser Falke jeder einzelnen Taube absolute Todesangst – denn das kennen sie!
Einige Zeit lang lässt Stead seinen Falken um einen Hotelturm fliegen, dann sind alle Tauben verschwunden, für ein paar Tage zumindest, und Stead fängt seinen Vogel wieder ein, indem er eine Beute an einem Seil über dem Kopf kreisen lässt. Hält er seine Falken also künstlich hungrig? Nein, sagt Stead.
Wenn dein Falke ständig Hunger hat, ist er schwach. Wenn er nicht in bester Verfassung ist, taugt er nicht für die Arbeit. Die Falken müssen Gewicht haben, kräftig sein und gut im Saft stehen. Natürlich trainieren wir Falkner die Tiere durch den Magen: Wir wiegen sie täglich und geben ihnen entsprechend zu fressen. So können wir berechnen, wann sie das nächste Mal hungrig sein werden und können sie genau dann fliegen lassen.
Auch ein anderes Vorurteil stimme nicht, sagt Stead – dass nämlich die Falken ständig ihre Haube auf hätten, die sogenannte Burka, und dass sie meistens in der Dunkelheit leben müssten. In Wirklichkeit trügen die Tiere die Haube nur während des Transports, das beruhige sie.
Zurück im Falkenhospital von Abu Dhabi. Dr. Margit Müller gibt einem Pfleger Anweisungen. Mehr als eintausend Euro kostet ein Falke, für die besten Vögel geben Wohlhabende an die 30-tausend Euro aus. Je wohlhabender die Golf-Araber in den letzten Jahrzehnten wurden, desto größter wurde der Aufwand zur Pflege gesunder und zur Versorgung kranker Falken. Immer mehr Tierhalter bringen ihre Falken nicht erst dann ins Hospital, wenn sie krank sind, sondern kommen regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen. Die meisten lieben ihre Vögel über alles, sagt Müller.
Die kommen jeden Tag, um den Vogel zu besuchen, und wenn sie es nicht machen können, wenn sie wirklich verhindert sind, dann rufen sie an, und dann fragen sie: Oh, wie ist heute das Gewicht von meinem Falken, und wieviel hat sie gefressen, hat sie die Medizin gut vertragen, und geht es ihr heute ein bisschen besser, ist sie ein bisschen munterer, ist sie ein bisschen aktiver, und das zeigt auch, wie sehr sie die Falken lieben.
Dass der Staat die alte Kultur und die Traditionen nach Kräften fördert, zeigt Wirkung: Immer mehr junge Emiratis interessieren sich wieder für die Falknerei, berichtet Müller. In vielen Familien ist es üblich, dass der Vater einen älteren Falken, der nicht mehr zur Jagd verwendet wird, an den Sohn weitergibt. Mit diesem recht zahmen Tier lernt der Sohn dann die richtige Handhabung. Falken gelten in Arabien als edel, und häufig werden sie wie Familienmitglieder behandelt.
Das bedeutet, dass er zum Beispiel zuhause mit im Wohnzimmer sitzen kann, das heißt, die Familie schaut fernsehen, und der Falke sitzt daneben und guckt halt auch mit zu – dass die auch wirklich integriert sind. Das heißt, es gibt Falken, die haben ihren eignen Platz im Auto, da darf sonst keiner sitzen, das ist ausschließlich für den Falken reserviert.
Jetzt, im Herbst, beginnt die neue Saison. Jagdgesellschaften machen sich auf den Weg nach Pakistan, Marokko oder Kasachstan, mitsamt Falken, erzählt Hamad al-Ghanem.
Wer fliegt, der kann seinen Vogel am Arm mit in die Kabine nehmen, also in der First oder Business Class – natürlich nicht in der Economy, weil da der Platz fehlt. Wenn du mehrere Tiere dabei hast, fliegen sie in einer Box im Frachtraum mit.
Im großen Stil ist die Jagd mit Falken in den Emiraten nicht mehr möglich, aber in anderen Ländern geben die Regierungen vor, wieviele Beutetiere erjagt werden dürfen, und die Falkner aus Abu Dhabi oder Dubai sind herzlich willkommen.


