Seit sieben Jahren herrscht Frieden in Sierra Leone. Doch die enormen Diamantenvorkommen sind nach wie vor kein Segen für die Region. Die Menschen profitieren nicht vom Rohstoffexport, aber sie schuften weiter in den Minen, weil es keine andere Arbeit gibt. Doch durch die weltweite Finanzkrise sind nun auch die Preise für Diamanten in den Keller gerutscht – höchste Zeit für das ärmste Land der Welt, endlich umzudenken und den Fluch der Edelsteine loszuwerden. Aus Sierra Leone berichtete Alexander Göbel.
Die Zeiten sind vorbei, als in den 1990er Jahren Rebellen der Revolutionary United Front die Diamantenfelder in Sierra Leone besetzten, um mit den edlen Steinen Waffen zu kaufen und gegen die Bevölkerung Krieg zu führen. Seit sieben Jahren herrscht Frieden in Sierra Leone. Doch die Diamanten sind nach wie vor kein Segen für die Region – im Gegenteil. Die Menschen profitieren nicht vom Rohstoffexport, aber sie schuften weiter in den Minen, weil es keine andere Arbeit gibt. Doch durch die weltweite Finanzkrise sind nun auch die Preise für Diamanten in den Keller gerutscht – Zeit für das ärmste Land der Welt, endlich umzudenken und den Fluch der Edelsteine loszuwerden. Wenn es nicht schon zu spät ist.
Hier im braunen Schlamm liegt er versteckt: der Rohstoff, der die Reichen und Schönen auf der Welt so magisch anzieht. Vor mehr als 70 Jahren wurde hier der erste Diamant gefunden. In den Diamantenminen von Kono.
Mit gekrümmtem Rücken stehen zehn Männer bis zur Hüfte in einem Wasserloch der Kensay-Mine. Diamanten werden hier mit Schaufel, Eimer und Sieb an der Erdoberfläche gefördert – eine Knochenarbeit – für eine Schale Reis pro Tag:
Abubakarr Dukri träumt von einer Kakaoplantage in seinem Heimatdorf.
Abubakarr Dukri
“Natürlich will ich wieder Farmer sein, aber keine Chance, wer hilft mir denn, aus den Minen rauszukommen – weißt Du – ein leerer Sack bleibt nicht stehen. Und deshalb suche ich weiter nach Diamanten. Auch wenn ich keine finde.”
Die dreckige Brühe, in der die Männer stehen, ist völlig verseucht. Giftige Lösungsmittel, Würmer, Flussblindheit. Abubakarr wäscht das Sieb aus. Sein Kollege Freeman prüft, ob sich unter den kleinen Steinchen ein Diamant verbirgt. Fehlanzeige.
Freeman
Was sollen wir denn machen? Wegen des Kriegs konnten wird nicht in die Schule gehen, und im Dorf wollen sie uns nicht mehr sehen, weil wir Soldaten waren. Deswegen bleibt uns nur dieses verdammte Glücksspiel.
Doch die Geschäfte gehen schlecht, schon seit Jahren, der Diamantenboom ist längst vorbei. Und jeder weiß es.
Im Krieg waren die Diamanten eine blutige Währung, dann nutzten findige ausländische Konzerne die Übergangsphase, um der Regierung Schürfkonzessionen für lächerliche Preise abzukaufen – nicht selten gegen kräftige Schmiergelder. Privatisierung und extreme Korruption haben dazu geführt, dass der Edelstein-Export nur noch 2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes von Sierra Leone ausmacht. Und doch ist das Land auf seine Bodenschätze angewiesen. Ein großer, ein historischer Fehler, sagt Abu Brima vom Netzwerk für Gerechtigkeit und Entwicklung.
Es ist ein Riesennachteil für uns – wir haben uns von einem Wirtschaftssektor abhängig gemacht, den wir noch nicht einmal selbst managen und kontrollieren konnten – wir hatten keine Ahnung und taten das, was die ausländischen Konzerne uns diktierten. Wir haben anderen in die Hände gespielt, uns selbst in die Obhut der Ausbeuter begeben, das ist für mich die größte Schande. Aber so war’s.
Und heute? Sierra Leone muss schon wieder für seinen Rohstoffreichtum büßen. Denn die Finanzkrise hat auch den Edelsteinmarkt fest im Griff. Die Preise sind eingebrochen. Im ersten Halbjahr 2009 haben die Exporte offiziell nur noch bescheidene 70 Millionen US-Dollar eingebracht, weniger als die Hälfte des vergleichbaren Zeitraums vom Vorjahr. Konzerne wie die südafrikanische Koidu Holdings haben erst ganze Regionen durch ihre unterirdischen Sprengungen verwüstet – nun entlassen sie Arbeiter.
Deswegen ist Tom Yomah so wütend: Er hat genug davon, für einen Hungerlohn im giftigen Wasser zu stehen. Seinem Präsidenten Ernest Bai Koroma würde er das gerne ins Gesicht sagen. Vor fast genau zwei Jahren hat er für ihn gestimmt, damit sich die Lage in Kono endlich verbessert. Geschehen ist nichts.
Tom Yomah
Der Präsident ist so etwas wie mein Vater! Ernest Bai Koroma, bitte hilf uns! Wir brauchen hier Landwirtschaft! Vergiß` die Diamanten. Sie sind ein Fluch! Wenn ich Saatgut bekomme und ein bisschen Land, dann pflanze ich hier morgen Reis, direkt auf der Diamantenmine. Nur mit Landwirtschaft kommen wir hier weiter!
Keiner versteht die verzweifelten Lohnsklaven besser als Titus Brima von der GTZ, der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Er will, dass die Männer mit der Schaufel das eigene Feld bestellen, statt nach Diamanten zu graben und Spielball eines teuflischen Geschäfts zu sein, das Sierra Leone so lange nichts als Krieg und Zerstörung gebracht hat.
Titus Brima
Ich appelliere an alle, die im Westen mit Diamanten handeln – wenn es Ihnen irgendwie möglich ist, hören Sie damit auf, so schnell es geht. Sie haben unser Land ruiniert. Und wenn das mit diesen Rohstoffen so weitergeht, dann wird Afrika eines Tages versinken.
Musik Diamonds are forever…
Acht Monate im Jahr regnet es in Sierra Leone, hunderttausende Hektar fruchtbare Sümpfe für den Reisanbau liegen brach und sind verwildert, die Traumstrände ungenutzt. Dazu gibt es ein Heer von Menschen, die mehr als seit einem Jahrzehnt nicht mehr auf dem Feld arbeiten – oder nie etwas anderes gelernt haben, als eine Waffe zu benutzen.
Brima
Sierra Leone könnte ein reiches Land sein! Mit fruchtbarem Boden! Leider haben wir weder die Technologie, noch das Know How, um diesen Boden auch zu nutzen. Und wann, wenn nicht jetzt, sollten wir damit anfangen? Dieses Land hat einmal so viel Reis und Getreide produziert, dass wir satt geworden sind – und jetzt? Wir sind abhängig von Entwicklungshilfe und auf Almosen aus der ganzen Welt angewiesen. Sierra Leone macht keine Fortschritte, das Land fährt im Rückwärtsgang!
Zyniker sagen, Sierra Leone sei bereits heute ein reiches Land – mit den Entwicklungshilfemillionen werde jeder Einwohner mit rund 50 Dollar subventioniert. Doch noch nicht einmal ein Drittel des Haushalts kann die schwache sierra-leonische Wirtschaft selbst stemmen. Die Straßen sind zerstört, es gibt kaum Strom, die Landwirtschaft liegt am Boden. Sierra Leone muss teuren Reis aus China und Indien importieren, Palmöl aus Malaysia, Tomaten und Zwiebeln aus Holland. Gleichzeitig gibt es keine verarbeitende Industrie, um Maniokpulver oder Saft aus Mangos, Orangen und Ananas herzustellen, die an jeder Ecke wachsen. Die Diamanten – sind jedenfalls keine Lebensversicherung mehr. Handelsminister David Carew vergräbt sein Gesicht in den Händen
Carew
Das ist traurig, aber wahr. Und trotzdem sitzen wir hier und tun nichts. Auf einer Prioritätenliste von eins bis zehn sollten die Diamanten keine Rolle mehr spielen. Es ist ein Weckruf für uns alle, uns endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und Investoren zu finden, die uns dabei helfen, zu einem gesunden Agrarstaat zu werden.
Einige US-amerikanische und chinesische Konzerne haben da anderes vor – sie kaufen im großen Stil bestes sierra-leonisches Ackerland – nicht für Reisfelder, sondern für den Anbau von Biokraftstoffen. Auch Abu Brima vom Netzwerk für Gerechtigkeit und Entwicklung fürchtet, dass das so genannte „landgrabbing“ die nächste Plage für Sierra Leone sein könnte. Gerade deshalb müsse dringend gegengesteuert werden. Die momentane Weltwirtschaftskrise könne man – mit dem Mut der Verzweiflung – nur als Segen begreifen. Es traue sich nur niemand, das laut zu sagen.
Brima
Dies ist das einzige Land unter der Sonne, in dem Steine wertvoller sind, als Menschen! Für die Minen haben viele Familien ihr Farmland aufgeben müssen, das Trinkwasser ist verseucht, die Fischbestände sind zurückgegangen. Und deswegen glaube ich: die Finanzkrise zwingt uns jetzt, endlich nachzudenken. Es gibt keinen Grund mehr, an den Diamanten zu hängen! Die Regierung muss nach Alternativen für die Menschen suchen, damit dieses Land sich endlich weiter entwickelt!
Viel Zeit bleibt Sierra Leone nicht mehr. Denn nach den Diamantenfluch lauert bereits die nächste Gefahr. Vor der Küste wurde gerade Öl gefunden…und das schwarze Gold ist für Afrika schon lange kein Segen mehr.


