Die alte Frau fährt mit einer Kerze über den Teller. Ruß lagert sich ab; die Frau fährt nun mit dem Teller über Gesicht, Brust und Bauch des auf dem Sofa liegenden jungen Mannes, hält schließlich den Teller ins Licht und prüft, ob sich im Ruß Gestalten abzeichnen.
Da ist ein Zwerg in Deinem Haus, neben der Tür. Du hast ihn versehentlich gestreift; aber er ist nicht wirklich böse. Wenn Du ihm nichts tust, tut er Dir auch nichts. Die Geister in Deinem Haus sind wirklich sehr freundlich.
Entspannt lächelnd steht der junge Mann auf, legt, während ihm die Frau noch ein Kreuz auf die Stirn zeichnet, eine Kokosnuss auf den Tisch, verabschiedet sich. – Irusin, ein Städtchen im Süden der philippinischen Insel Luzon. Josephina Escecha ist traditionelle Heilerin, eine von 250.000 auf den Philippinen. Mit dem eben praktizierten Ritual „Santiguar“, sagt Josephina, prüfe sie, ob ein Patient von Geistern besessen sei. Geister gebe es in jedem Haus – schöne Gestalten, sphärische Erscheinungen, verhutzelte Zwerge; Geister, die dem Menschen dann zuleibe rücken, wenn er sie verletzt; sie aus Versehen tritt, ihnen Wasser über den Kopf schüttet oder einen Baum fällt, in dem sie wohnen. – Über 80 Prozent der Filipinos gehen, sind sie krank, erstmal zu ihrem Heiler, berichtet Eddie Dorotan, Arzt und Leiter des Vereins LIKAS. LIKAS versucht, Brücken zu schlagen zwischen traditioneller und moderner Medizin. Letztere ist sehr teuer auf den Philippinen und…
Die westliche Medizin hat das Problem, dass sie sehr kalt, formell und unpersönlich wirkt. „Was ist Dein Problem? Hier hast Du Dein Medikament. Tschüs“, heißt es beim Arztbesuch. Ein traditioneller Heiler dagegen spricht mit Ihnen; er nimmt Anteil an Ihren Problemen, gibt Ihnen Ratschläge und betet mit Ihnen; kurz, es entsteht eine persönliche Bindung zwischen Heiler und Patient.
….mit oft verblüffender Wirkung. Traditionelle Medizin auf den Philippinen, sagt Eddie Dorotan, definiert Gesundheit als Balance zwischen Körper, Gefühl und Verstand. Was diese Balance störe – zum Beispiel Hitze, Kälte, Ängste oder ein schlechtes Gewissen – mache krank, wogegen die Heiler verschiedene Mittel einsetzen: Massage, genannt „Hilot“, bei Verkrampfungen; gegen Migräne, Rheuma und Menstruationsbeschwerden; „Santiguar“-Rituale gegen erzürnte Geister, Heilpflanzen gegen Infektionen.
Als ich klein war, flößte mir meine Mutter ganz selbstverständlich den vom Heiler verschriebenen Sud aus Heilkräutern ein, wenn ich Durchfall, Fieber oder Husten hatte. Mittlerweile untersucht das pharmakologische Institut der „University of the Philippines“ unsere Heilpflanzen; und das Gesundheitsministerium hat bereits 20 von ihnen als medizinisch wirksam anerkannt.
Nur auf den Philippinen vorkommende, aber auch bei uns bekannte Pflanzen wie Kampfer, Zitronengras, Oregano und das Öl der Kokosnuss. – Die gegenüber traditioneller Medizin offene Haltung der Regierung gründet auf einem Gesetz von 1997, das die wichtige Rolle traditioneller Heiler im Gesundheitswesen ausdrücklich anerkennt. Wirksame und sichere Methoden der traditionellen Medizin sollen gefördert werden; ein – inzwischen gegründetes – „Institut für traditionelle und alternative Gesundheitsfürsorge“ soll Ärzte, Apotheker und Pflegepersonal in traditionellen Techniken ausbilden, Heilpflanzen erforschen und Medikamente daraus entwickeln. Auch der Verein LIKAS fördert die Kooperation zwischen orthodoxer und traditioneller Medizin, indem er, zum Beispiel, hygienisch einwandfreie Pflege- und Behandlungstechniken vermittelt.“, erklärt LIKAS-Mitarbeiterin Esther Lastilla. „Wir erlernen von ihnen ihre Techniken, diskutieren mit ihnen aber auch über deren Grenzen, empfehlen in bestimmten Fällen die Überweisung an einen Arzt und raten ab von gefährlichen Praktiken.“
Nach der Durchtrennung der Nabelschnur, zum Beispiel, streuen manche Heilerinnen Asche oder Salz auf den Nabel des Babys. Davon raten wir ab – und auch von der Praxis des so genannten „Tandok“: Traditionelle Heiler saugen dabei, nach Hunde- oder Schlangenbissen, die Wunde aus, um so Tollwut oder eine Vergiftung zu verhindern. Wir raten den Heilern, stattdessen den Patienten sofort ins Krankenhaus zu überweisen; denn Bisse von Schlangen und tollwütigen Hunden sind sehr gefährlich.
“Na ja”, lächelt Heilerin Josephina Escecha.
Es gibt aber auch Fälle, wo Ärzte ihre Patienten zu uns schicken, weil sie einfach nicht wissen, was mit denen los ist. Ich zum Beispiel wurde mal zu einer Frau gerufen, die kurz davor stand zu gebären, aber sich irgendwie verkrampft hatte. Auf Bitte des Arztes habe ich daraufhin ein „Santiguar“ durchgeführt – woraufhin sich die Frau entspannte und ihr Baby ohne Probleme gebar.
Josephina hat auch einen Mann, der nach einem Schlaganfall gelähmt war, wieder zum Laufen gebracht, berichtet LIKAS-Mitarbeiterin Joji Orbase. Fünf Monate lang massierte sie den Mann mit in erhitztem Zitronensaft gelöstem Extrakt bestimmter Pflanzen. „Josephina ist ein Naturtalent“, sagt Joji Orbase. „Sie spürt, was den Menschen fehlt. Andere Heiler dagegen müssen noch Einiges lernen.“
Es gibt traditionelle Heiler, die böse Geister zu vertreiben suchen, indem sie ihren Patienten Schmerz zufügen. Während einer Art Exorzismus schlagen sie den Patienten zum Beispiel. – Wir diskutieren solche Praktiken mit den Heilern – dies aber nicht von oben herab, sondern indem wir mit den Heilern Erfahrungen austauschen und ihnen so gar nicht erst das Gefühl geben, sie würden kritisiert oder in die Enge getrieben.
