Yogjakarta in Zentral-Java; ein von Tempeln gesäumter Park mit einem idyllisch gelegenen Konferenzzentrum. Während draußen der Eismann Erfrischungen aus seinem blau-weiß-gelben Wägelchen anbietet, tagt drinnen eine Umweltkonferenz mit vielleicht tausend Teilnehmern. Organisationen wie „Greenpeace“, „Friends of the Earth“ und das Netzwerk WALHI sind vertreten; es geht um den Raubbau am tropischen Regenwald, um die Verpestung indonesischer Städte mit ungeklärten Abwässern und Abgasen – und um Atomkraftwerke.
Vier Kraftwerke mit einer Kapazität von je 1,2 Gigawatt will die Energiebehörde BATAN auf der dicht besiedelten Insel Java bauen, drei davon auf dem Territorium des Dorfes Balong. Eine Horror-Vorstellung für die Bewohner des Dorfes, die deshalb eine Delegation zu dieser Konferenz entsandt haben – mit dem Anliegen, dass man ihnen hilft beim Widerstand gegen die Atommeiler.
In unserem Dorf leben 1500 Familien – die meisten von ihren Reisfeldern, Kokospalmen und Gummibäumen. All diese Menschen sollen umgesiedelt werden, wenn die Atomkraftwerke gebaut werden. Sie werden dann arbeitslos sein und kein Zuhause mehr haben. Ähnlich wird es den Fischern entlang der Küste ergehen, wenn das Kühlwasser der Kraftwerke die Temperatur des Meerwassers steigen lässt.
Hilflos schüttelt der Bauer Aris Susanto den Kopf, während sein Freund, der Ingenieur Arif Zayyin, Dimensionen der Bedrohung beschreibt:
Die Druckwasserreaktoren, die die Atombehörde bauen will, brauchen sehr viel Kühlwasser – je etwa 2,5 Millionen Liter pro Minute. Dies Wasser wird nach Gebrauch direkt ins Meer geleitet und erhöht die Meerwassertemperatur vor der Küste – um bis zu 9 Grad. Mangroven und Korallenriffe, die Kinderstube unserer Fische, werden zu Grunde gehen. Hinzukommt, dass Java, wie ganz Indonesien, auf dem so genannten „Ring des Feuers“ liegt. Der Untergrund hier ist geologisch extrem aktiv; und jederzeit kann auch der von unserem Dorf nur wenige Kilometer entfernte Muria-Vulkan ausbrechen.
Ein Vulkan, dessen letzter großer Ausbruch zwar 2000 Jahre zurückliegt, der aber nach wie vor aktiv ist. Das belegen immer wieder Erdbeben und Gas-Eruptionen an den Flanken des Muria. – „Der Vulkan und auch die vielen Erdbeben auf Java verkörpern keinen Grund zur Sorge“ hat an der Universität von Bandung Professor Abdoessoeki Prihadi gesagt – ein für die Energiebehörde tätiger Geologe.
Nach den Daten meiner Analyse entsprechen die Standorte der geplanten Kernkraftwerke durchaus den Kriterien der Internationalen Atomenergiebehörde. Die geologischen Risiken sind als akzeptabel zu bewerten. Sicher, jeden Tag haben wir hier in Indonesien Erdbeben. Aber das Risiko für die Atommeiler ist, wie meine Daten zeigen, kalkulierbar. Außerdem müssen Sie die große Bevölkerung auf Java und deren Energiebedarf sehen. 70 Prozent aller Indonesier leben hier. Und für die müssen wir eine tragfähige Energieversorgung aufbauen.
Eine Energieversorgung aus Atomkraftwerken, meint Prihadi – weil Kernkraft einfach billiger und umweltfreundlicher sei als fossile Brennstoffe wie Kohle oder Öl. Atomkraft-Gegner verweisen derweil auf ein riesiges, noch gar nicht angetastetes Potenzial an Erdwärme, Wind- und Wasserkraft in Indonesien. Zu diesen Gegnern zählen führende Wissenschaftler des Landes, die am 23. Februar 2008 eine energische Resolution gegen Atomkraftwerke auf Java verabschiedeten. Unterzeichnet hat die Resolution auch Franz Magnis Suseno, ein aus Deutschland eingewanderter Jesuiten-Pater und Philosophie-Professor.
Magnis Suseno verweist auf jene Schlamm-Eruptionen in Ost-Java, die vor zwei Jahren 50.000 Menschen obdachlos machten – eine durch schlampig durchgeführte Erdölbohrungen verursachte Katastrophe, die ein Schlaglicht werfe auf den überaus nachlässigen Umgang der Indonesier mit Risiko-Technologie.
Ein Atomkraftwerk ist nur dann sicher, wenn es in einem höchsten Grad von Disziplin, technische Exaktheit und Gehorsam gegenüber den Normen und Anordnungen gemanagt wird. Und das ist in Indonesien einfach in der allgemeinen Kultur nicht gegeben. Hier ist eine Kultur der „Shortcuts“, oder man macht es etwas einfacher, oder man übersieht eine kleine Regelung; und das kann bei einem Atomkraftwerk bereits überaus gefährlich sein. Also, wir sind der Meinung, dass nicht vorausgesetzt werden kann, dass die notwendige Arbeitsdisziplin zu sichern ist. Der zweite Grund ist die überragende Rolle der Korruption in Indonesien. Es ist wahrscheinlich nicht einmal sicherzustellen, dass ein solches Kraftwerk genau nach den Zeichnungen hergestellt wird; dass der Beton die nötige Qualität hat, die metallischen Teile und so weiter.
Skepsis gegenüber den Bau von Atommeilern auf Java gibt es auch innerhalb der indonesischen Regierung, insbesondere im Umweltministerium. Allmählich jedoch scheinen sich die Befürworter durchzusetzen. 2006 vereinbarte Indonesien eine nukleare Kooperation mit Südkorea; in Kalimantan und West-Papua werden Uranförderstätten exploriert; die Mehrheit des Parlaments hat sich grundsätzlich für Kernkraftwerke ausgesprochen – wenngleich verbindliche Beschlüsse zum Bau bislang nicht vorliegen. – Dessen ungeachtet beobachten die Bewohner des Dorfes Balong voller Sorge, wie immer neue Experten der Energiebehörde bei Ihnen auftauchen, um allerlei Bohrungen und Messungen vorzunehmen. „Aber wir werden uns zu wehren wissen“, sagt mit geballter Faust der Bauer Ali Arifin.
Insbesondere unsere Frauen engagieren sich gegen die Pläne der Atombehörde, weil sie Angst haben, missgebildete Kinder zu bekommen. Eine Demonstration mit 6000 Teilnehmern haben sie im September 2007 organisiert – unterstützt von der größten muslimischen Organisation Indonesiens, „Nahtadul Ulama“. „Nahtadul Ulama“ hat kürzlich den Bau von Atommeilern auf Java zum „Haram“ erklärt, zu einer Sünde gegen Allah.


