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Neue Berufsausbildung in Äthiopien

03.02.2009, von , in Karte anzeigen

Ausbildung am Wingate-College in Addis Abeba. (Foto: Thomas Kruchem)Axum im hohen Norden Äthiopiens, Zentrum der ersten Hochkultur des Landes. Aus einer vor anderthalb Jahrtausenden gebauten Königsgruft führen 20 Granitstufen hinauf zu den 300, teils kunstvoll behauenen, Obelisken von Axum – geschaffen von äußerst geschickten Handwerkern vor etwa 2.000 Jahren, erklärt Richard Pankhurst, der weltweit führende Äthiopien-Historiker.

Das Reich von Axum entstand wahrscheinlich im ersten Jahrhundert vor Christus. Es entwickelte sich rasch zu einer Wirtschaftsmacht, die Gold-, Silber- und Bronzemünzen prägte sowie mit Ägypten, Arabien und Indien Handel trieb. Axum exportierte Elfenbein, Gold und Sklaven; es importierte vor allem Textilien und andere Fertigwaren. Die Axumiter waren überdies Meister der Architektur. Sie errichteten jene weltberühmten Granitobelisken und überdies prächtige Paläste.


Ausbildung am Wingate-College in Addis Abeba. (Foto: Thomas Kruchem)Anderthalb Jahrtausende nach dem Untergang von Axum wirken im „Wingate Technical College“ von Addis Abeba Studienanfänger zwischen Drehbänken, Fräsmaschinen und Schweißstationen wie Kinder inmitten von UFOs. – Kein Wunder, den meisten Äthiopiern ist moderne Technik fremd; 85 Prozent arbeiten noch immer auf dem Land; der Export Äthiopiens beschränkt sich auf Rohprodukte wie Kaffee, die Droge Khat und Ölsaaten; die Industrie steckt noch in den Kinderschuhen. Dies auch deshalb, weil es an qualifizierten Arbeitskräften fehlt. Nur drei Prozent aller jungen Äthiopier absolvieren eine qualifizierte Berufsausbildung. Und diese Ausbildung an berufsbildenden, vorwiegend staatlichen Colleges gilt als, in der Regel, praxisfern und theorielastig – was sich nicht verträgt mit dem neuerdings wichtigsten Ziel der Regierung, Äthiopien endlich zu industrialisieren, Millionen Menschen in die Städte zu ziehen und so den übervölkerten ländlichen Raum zu entlasten. Die Regierung hat deshalb begonnen, die Ausbildung speziell von Ingenieuren und Technikern grundlegend zu reformieren – unterstützt von der „Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“, GTZ. „Wir wollen die Ausbildung praxisnah am Bedarf der Wirtschaft ausrichten“, sagt Genet Meselet, eine leitende Mitarbeiterin des Reformprogramms, und bekennt sich selbstkritisch zu einem für viele Entwicklungsländer typischen Defizit der Berufsbildung.


Ausbildung am Wingate-College in Addis Abeba. (Foto: Thomas Kruchem)Früher wusste man in Äthiopien eine praktische Berufsausbildung überhaupt nicht zu würdigen. Man war fixiert auf theoretische und akademische Ausbildung. Wer sich die Finger schmutzig machte, genoss keinerlei Ansehen. Das änderte sich vor nunmehr zehn Jahren, als unsere Regierung endlich der technischen und handwerklichen Ausbildung einen hohen Stellenwert einräumte. Nach dieser neuen Politik zählt nun die handwerkliche Ausbildung äthiopischer Bürger zu den Säulen der Entwicklung in unserem Land.


Malermeister Klaus Boxnik. (Foto: Thomas Kruchem)Das große Problem: Es gibt an den staatlichen Colleges kaum äthiopische Lehrkräfte, die Handwerker und Techniker praktisch ausbilden können; und eine betriebliche Ausbildung bieten nur wenige große Firmen an. Um trotzdem den Aufbau einer effizienten Berufsbildung in Gang zu bringen, lehren vorläufig einige Dutzend deutsche Handwerksmeister an Ausbildungsstätten wie dem Wingate-College. Sie bilden junge Handwerker aus und geben zugleich ihren von der Universität kommenden Lehrern Praxis-Nachhilfe. Malermeister Klaus Boxnik, zum Beispiel, zeigt seinen Auszubildenden, dass an sorgfältig vorbehandelten Fenstern auch nach Jahren die Farbe nicht abblättert. „Es gibt in Äthiopien den Malerberuf noch gar nicht“, sagt Boxnik. Auch in anderen Bereichen des Handwerks wird bislang eher phantasievoll improvisiert als fachkundig mit technischem Gerät gearbeitet.


Ausbildung am Wingate-College in Addis Abeba. (Foto: Thomas Kruchem)Es fehlt oft wirklich an dem Basiswissen, den Grundfertigkeiten. Machinen stehen da drüben in den Lagerhallen, die kann keiner bedienen. Und wenn mal eine Maschine still steht, dann ist es oft aus einem banalen Grund. Und die sind nicht in der Lage, diese Maschine wieder in Gang zu setzen. Und es hapert aber oft nur an einem Schräubchen.


Ein deutscher Handwerksmeister und sein Counterpart. (Foto: Thomas Kruchem)Schlossermeister Erwin Schulz und seine Auszubildenden machten aus der Not, dass es am College kaum ordentliches Arbeitsgerät gab, eine Tugend: Sie bauten das Gerät im Rahmen der Ausbildung selbst – so genannte Abkantbänke zum Beispiel, Metall-Schneidemaschinen, eine Vorrichtung zum Rollen von Blechen. – Zweifel hat Schulz, ob die teils sehr speziellen Berufsbilder, nach denen neuerdings ausgebildet wird, tatsächlich den Bedarf am äthiopischen Arbeitsmarkt treffen.


Wenn ich jetzt eine große Autowerkstatt einlade, die halt von vornherein eine Spezialisierung haben, dann sagen die natürlich: „Wir brauchen Spezialisten, wir brauchen Motorenspezialisten wir brauchen Getriebespezialisten, wir brauchen Fahrwerksspezialisten.“ Und die möchten natürlich, dass diese Leute in dieser Ausbildung hier so ausgebildet werden – während die kleinen und mittleren Betriebe, die können sich so was nicht erlauben. Da muss einer ein breites Feld wissen, der muss alles können: Der muss den Motor können, der muss eine Achse können, der muss ein Getriebe überholen können. Und so was wird jetzt nicht mehr angeboten. Das heißt: Da ist ein Problem.


Auch Mädchen werden, wie hier am College der Salesianer in Mekele, zu Technikerinnen ausgebildet. (Thomas Kruchem)…das auch die Auszubildenden betrifft, die nicht, wie bislang üblich, beim Staat unterschlüpfen, sondern sich selbständig machen wollen –wozu sie in einem wenig entwickelten Land wie Äthiopien eine breite handwerkliche Grundlage brauchen. Der 19-jährige Geta Chehu, zum Beispiel, hat demnächst seine zweijährige Ausbildung zum Schlosser beendet.


Mein älterer Bruder arbeitet als Fahrer für eine chinesische Firma, wovon er aber kaum leben kann. Da verdient meine Schwester mit ihrem Papierladen viel mehr. Wahrscheinlich mache auch ich mich selbständig und gründe mit ein paar Freunden eine Werkstatt, wo wir dann Pressen für Betonbausteine herstellen. Dafür gibt es doch einen großen Markt in Äthiopien.

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