Indonesische Bauern und deutsche Forscher jubeln gemeinsam: Sie haben einen Schacht zur Karsthöhle in hundert Metern Tiefe abgeteuft. Von dort unten soll bald Wasser heraufströmen und das Leben in einer der ärmsten Gegenden Indonesiens erleichtern. Wir sind in Gunung Kidul, dem „Land der tausend Hügel“.
Die Landschaft nahe der Küste Südjavas bezaubert mit tropischer Fülle – aber nur für kurze Zeit, wenn der jährliche Regen fällt. Danach dörrt die Sonne monatelang Felsen, Täler, Flussbetten zu einer Einöde aus rotem Staub, Menschen in armseligen Hütten bleibt kaum das Nötigste zum Überleben.
Anders als in anderen Dürregebieten dieser Erde aber gibt es hier Wasser genug: im Untergrund, in über hundert Metern Tiefe. Dort fließen durch Karsthöhlen unterirdische Flüsse. Könnte dieses Wasser zur Oberfläche befördert werden, dann ließe sich die Not der Bevölkerung lindern.
Ganze fünf Liter pro Tag haben die Menschen für sich und ihr Vieh zur Verfügung, es kommt aus hygienisch unsicheren Zisternen oder muss mit Tankwagen herangeschafft werden – zu teuer eigentlich, denn es gibt hier kaum Einnahmequellen. Zu teuer war auch der Versuch, mit Dieselpumpen Wasser herauf zu holen – nicht nur wegen des Treibstoffs. Die Aggregate fielen häufig aus, die Einheimischen waren außerstande, sie zu bedienen und zu warten.
Wissenschaftler des Instituts für Wasser und Gewässerentwicklung in Karlsruhe hatten die Idee, einen unterirdischen See aufzustauen. Wasserkraft vom Staudamm in der Höhle sollte die Energie für einfache Pumpen im Untergrund liefern: Stromerzeugung und Bewässerung zugleich – als umweltfreundliche technische Lösung. Was einfach klingt und einleuchtend, ist in der Praxis schwierig und setzte intensive Forschung voraus: Dr. Oberle und sein Team mussten an Ort und Stelle erkunden und vermessen, drunten in den Höhlen, in Schlamm und kaltem Wasser.Also zum einen gehört ein wenig Abenteuerlust dazu, sich in diese Unterwelt zu begeben, und wir brauchen auch ganz spezielle Randbedingungen, um unser Konzept der Bewirtschaftung , die Einstunuung des Höhlensystems – umsetzen zu können. Und da ist jede Höhle völlig unterschiedlich. Und ohne dass wir in diese Höhlen gehen und diese erkunden ins Detail wäre die Umsetzung eines solchen Projektes letztlich viel zu risikoreich.
Die Erkundung war viel versprechend: Das Gestein würde die Wassermassen halten, ohne dass sie in Nebenhöhlen verschwänden, die für einen wirtschaftlichen Betrieb nötige Stauhöhe von mehr als zehn Metern ließ sich erreichen. So entsteht im Sommer 2004 in der abgelegenen Gegend eine Baustelle der besonderen Art: mit einer speziellen Vertikalbohrmaschine wird der Schacht in die Tiefe getrieben, nach Wochen mühevoller Arbeit ist es geschafft, Forscher in der Höhle und Arbeiter im Schacht streckten einander am Durchbruch die Hände entgegen.
Unterhalb des Schachts kann im Sommer 2005 die Arbeit an einem ersten, provisorischen Staudamm beginnen der die Höhle trockenlegen soll: mit einfachen technischen Mitteln, bei Temperaturen um 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent. Aber nun zeigen sich auch alle Probleme der unterirdischen Baustelle – Dr. Oberle:Wir wollten erst mit Unterwasserbeton etwas hier realisieren, so temporäre Dämme errichten, jetzt versuchen wir es mit einer Sandsackbarriere. Es ist alles nicht so ganz erfolgreich, weil einfach der Untergrund zu verschlammt ist, zu unregelmäßig und das Wasser noch von allen Seiten in die Baustelle eindrückt.
Um die Probleme in den Griff zu bekommen, sind Sprengungen nötig, Höhlentaucher helfen bei der Erkundung. Prof. Nestmann, der Leiter des Projekts, taucht selbst immer wieder in die zum großen Teil unerforschten unterirdischen Gewässer. Aber es geht trotz aller Beschwernisse voran.
Im Oktober 2005 sind die Arbeiten in vollem Gang und durch den Schacht wird Wasser hinauf in einen Sammelbehälter ins Dorf gepumpt. Der Bürgermeister Widodo ist hoffnungsvoll:“Wenn wir durch das Bribin-Projekt mehr Wasser haben, kommen die jungen Leute ins Dorf zurück. Dann wäre das Land fruchtbar, sie könnten Bauern sein.”Dann aber kommt im Frühjahr 2006 der schlimmste Rückschlag: Ein schweres Erdbeben – es fordert in Indonesien mehr als 6000 Tote – verschüttet die Höhle unterhalb des Staudamms, die gesamte Baustelle steht unter Wasser, alle Mühen scheinen umsonst.
Noch einmal helfen die Höhlentaucher aus Deutschland: sie lokalisieren den Felssturz. Mehr als 1000 Kubikmeter Gestein blockieren den Abfluss etwa 500 Meter von der Baustelle entfernt. Tatsächlich schaffen sie es, 25 Sprengladungen an 600 Meter langen Schnüren innerhalb des gefährlichen Propfens anzubringen und zu zünden. Das Hindernis birst, die Wassermassen strömen aus der Baustelle heraus – kurz bevor im Dezember die Regenzeit einsetzt.
Ein Meilenstein ist 2007 erreicht: wieder eben noch kurz vor der Regenzeit wird der unterirdische Damm fertig. Und im Juli 2008 endlich, lange nach dem geplanten Termin, gelingt der erste Probestau in der Höhle. Der Wasserstand liegt weit über den notwenigen zehn Metern: 17 Meter verkraftet der Damm problemlos, das kostbare Nass aus dem unterirdischen See strömt hinauf ins Sonnenlicht.
Im kommenden Frühjahr, rechtzeitig zur nächsten Trockenzeit, werden die Bauern im „Land der 1000 Hügel“ pro Tag und Kopf 50 Liter Wasser „ernten“ – und die Generatoren im Untergrund liefern dazu noch Elektrizität. Der Erfolg dieses Projektes aber geht darüber hinaus: viele Karstregionen der Welt können von dem in Karlsruhe entwickelten System profitieren.
