. .

Kohle statt Berge in West Virginia

20.06.2008, von , in Karte anzeigen

Bergkuppen werden einfach weggesprengt. (Foto: dpa/picture alliance)Wenn Bergwanderer einmal richtig Auslauf brauchen, dann empfiehlt sich der Kurs durch die Appalachen – der ist fast 3.500 Kilometer lang. Eine Rast empfiehlt sich in West Virginia, etwa 600 Kilometer östlich der Hauptstadt Washington gelegen. West Virginia ist einer der kleinsten, ärmsten, aber auch schönsten US-Bundesstaaten, Zweitname „The Mountain State“, denn das gesamte Gebiet West Virginias liegt in den Appalachen.

Warnschild (Foto: Frank Aischmann)Dicht bewaldete Bergketten werden von Tälern und Flüssen abgelöst, plattes Bauland ist rar, selbst die Hauptstadt Charleston bringt es auf grade mal 50.000 Einwohner. Auf jedem Auto-Nummernschild des Bundestaates steht die offizielle Zusammenfassung: „Wild und wundervoll“. Aber wie ein Virus breitet sich in einem der ältesten Gebirge der Welt brutale Zerstörung aus, das kräftige Grün weicht einem verwaschenem Grau-Braun. Man sieht das auf Luftbildern und sogar Satellitenfotos, oder vor Ort: Nach einem Fußmarsch mit Ortskundigen, der abrupt an einem Zaun endet. Der Blick ins dahinterliegende Tal wird von einem umfangreichen Warnschild am Zaunpfahl abgelenkt – das lehrt unter anderem: Dreimal Hupen bedeutet Gefahr.

Praktisch überall in West Virginia liegt Steinkohle unter der Erde, nur kann sie an vielen Stellen eigentlich nicht gefördert werden. Die Antwort der Bergbauunternehmen seit Anfang der 80er Jahre heißt: “Mountain Top Removal Mining”. Kurz gesagt: Ganze Bergkuppen werden weggesprengt um an die Kohle zu kommen. Aus 500 Metern Entfernung klingt eine solche Explosion wie ein Kanonenschlag.

Während langsam dicke Radlader auf den frisch zertrümmerten grauen Steinhaufen zurollen, gibt es genaue Erklärungen zum Mountain Top Removal nach einer Zehn-Kilometer-Fahrt, immer links den mäandernden Coal River entlang. In der ehemaligen Post von Whitesville, einer ärmlichen, heruntergekommenen, langestreckten Siedlung links und rechts der Coalriver Road, auf der im Minutentakt Kohlelaster vorbeirumpeln. In der alten Post arbeitet eine Bürgerbewegung namens “Coal River Mountain Watch”:

Zuerst werden alle Bäume abgeholzt, dann entfernen sie die gesamte fruchtbare Erdschicht, die wird in nahegelegene Täler gekippt. Dann wird das Gestein gesprengt. Durch die aufgefüllten Täler führten kleine Bäche, die hat man im Sommer nicht gesehen aber dafür sofort, wenn es mal geregnet hat. Gott wusste schon, warum er die Berge so angelegt hat. Aber: Manche Leute von der Bergbaugesellschaft sind so arrogant, einer hat uns mal gesagt, wenn wir hier fertig sind, dann ist es besser als vorher.

Zuerst werden alle Bäume abgeholzt. (Foto: Frank Aischmann)Einen radikalen Eindruck macht Patty Sebok nicht, sie war lange Jahre Hausfrau, verheiratet mit einem Bergmann , einem echten, unter Tage, sagt sie, und sie ging in den Widerstand, weil die Kohlelaster völlig rücksichtslos, ja lebensgefährlich für die Anwohner durch die Orte bretterten. Aber das Hauptziel von “Coal River Mountain Watch” heißt: das “Mountain Top Removal” zu stoppen.


Denn der arme Bundestaat West Virginia lebt im Wesentlichen von zwei Dingen: Kohle und Tourismus. Aber welcher Besucher möchte statt dicht bewaldeter Bergketten langweilige sandige vielleicht vergiftete Ebenen mit dürrem Steppengras und mickrigen Baumpflanzungen besuchen? Die US-Regierung schätzt, dass bis 2012 in den Appalachen Bergkuppen auf einer Fläche abrasiert sein werden, die umgerechnet der Hälfte Sachsens entspricht. Und je teurer Erdöl wird, desto schwerer der Stand von Umweltschützern. Denn 70 Prozent der so wichtigen Kohle West Virginias wird unter weggesprengten Bergen gefördert.In West Virginia wird die Politik durch die Kohleindustrie kontrolliert, seit hundert Jahren bereits. Und Politikern mit Gewissen fehlt einfach der Mut für Protest, denn sie wissen, ihr Widerstand würde bei der nächsten Wahl eine Schmutzkampagne auslösen.Vernon Haltom (Foto: “Coal River Mountain Watch”)Vernon Haltom ist Chef der örtlichen Bewegung gegen das Mountain Top Removal-Mining. Der frühere Englischlehrer mit seinem langem grauen Bart und seinem langem grauen Pferdeschwanz hat die offizielle Sprengstoffstatistik der Vereinigten Staaten studiert. Das kleine West Virginia liegt da landesweit auf Platz zwei.


In West Virginia benutzt die Kohleindustrie in einem Jahr das Äquivalent von 31
Hiroshimabomben.


Berge abzutragen, um an die Kohle zu gelangen, hat für die Unternehmen viele Vorteile: größere, effektivere Technik, weniger Arbeitskräfte, dadurch gibt es auch weniger Ärger mit den Gewerkschaften. Ein tatsächliches Argument heißt: Endlich entsteht im infrastrukturell unterentwickelten West Virginia wertvolles, weil ebenes Bauland.


Aber neben dem Abtragen ganzer Bergketten leiden Umwelt und Mensch an einem zweiten Problem: Die geförderte Kohle muss gewaschen werden, das schwermetallhaltige Abwasser landet in früheren Tälern, die mit aufgeschütteten Dämmen abgeriegelt werden (“sludge dam”). Die giftige Brühe bedroht das Grundwasser – und berstende Dämme nach heftigem Regen haben in der Vergangenheit bereits zu verheerenden Katastrophen geführt; die schlimmste, inzwischen fast vergessen, am 26. Februar 1972. Nur wenige Kilometer von Whitesville entfernt steht so ein riesiger “sludge dam”, genau vor einer Schule. Und hinter diesem Damm der trübe giftige Kohle-Abwasserstausee. Vernon Haltom:


Vernon Haltom (Foto: “Coal River Mountain Watch”)1972 versagte der “sludge dam” des Buffalo Creek in West Virginia, 125 Menschen starben. Dieser Damm hier, den sie sehen, ist 20-mal größer, das macht Ihnen vielleicht die Dimensionen etwas klarer.


Hat die Steinkohle West Virginia erst einmal verlassen, macht sie eine große Verwandlung durch – denn gemahlen und gereinigt hat sie als Endprodukt lobenswerte Eigenschaften. In diesem Fernsehwerbespot wird die heimische Steinkohle als saubere, reichlich vorhandene Quelle für die Energiesicherheit des 21. Jahrhunderts gepriesen, als Antriebsstoff für den amerikanischen “Way Of Life”.


Zwar gibt es keine offizielle Statistik, aber ein Großteil des Stroms der US-Hauptstadt Washington dürfte mit Kohle aus dem nahen West Virginia gewonnen werden – und damit wäre auch für diesen Bericht ein kleiner Teile der Appalachen weggesprengt worden.

–> passende Sendung in SWR2 Impuls

Kommentare zu „Kohle statt Berge in West Virginia“

Es ist ein Kommentar vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Frank Ehrmann
    schreibt am 7. September 2008 21:27 :

    Auch in Google Maps sind die fehlenden Berge deutlich zu sehen

    siehe
    http://maps.google.de/?ie=UTF8&t=h&ll=38.080528,-81.210937&spn=0.963141,0.807495&z=10

Hinterlasse eine Antwort

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2012