Schafft der IPCC die Reform?
Climate-Gate war ein schwerer Brocken für den Weltklimarat IPCC. Ab Montag versucht die Vollversammlung jetzt in Südkorea eine Reform hin zu kriegen. Aber mehr als das. Auch das Schicksal des IPCC-Chefs Pachauri steht auf dem Spiel.
Der Inder Rajendra Pachauri wird von vielen Wissenschaftlern – auch von Freunden – zum Rücktritt gedrängt: er muss die politische Verantwortung für die Fehler im Klimarat übernehmen, sagt etwa der deutsche Klimaforscher Prof. Stefan Rahmstorf.
Im vergangenen Herbst hatte eine Reihe von Peinlichkeiten in den Prognosen des Gremiums dessen Glaubwürdigkeit schwer erschüttert. Der Rat – international IPCC abgekürzt – fasst immerhin die wissenschaftlichen Grundlagen zusammen, auf denen die Klimapolitik vieler Staaten und der UN basiert. Gleich drei Überprüfungen haben ergeben: die Fehler ändern zwar nichts an den Tatsachen – die Erderwärmung existiert und ist höchst wahrscheinlich menschengemacht – aber: es hagelte Kritik am IPCC, seiner Heimlichtuerei, den mangelnden Kontrollen und der politischen Ausrichtung seiner Veröffentlichungen. Zu all diesen Punkten sollen jetzt in Korea Reformen beschlossen werden.
Aber der Wille des Vorsitzenden dazu scheint sich in Grenzen zu halten. Pachauris Reaktion war bislang eher zäh: er machte den Kritikern wiederum Vorwürfe und konnte bislang keinen Grund sehen, warum er zurück treten sollte. Das ist prekär, weil offenbar eine Mehrheit in der Vollversammlung des IPCC diesen Rücktritt durchaus begrüßen würde. Nur: abwählen mag ihn niemand.
Der Job an der Spitze des Klimarates ist nämlich ein hochpolitischer. Vor Pachauri stand dort bis 2002 der Brite Bob Watson – der war ein ausgesprochen erfolgreicher Warner vor dem Klimawandel. Und deshalb dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush nicht genehm. Der indische Kandidat dann war ein Geste an die Entwicklungsländer – und vor allem: er galt als schwach und lenkbar.
Ob es dem IPCC gelingt sich zu reformieren – und ob das auch durch dadurch unterstrichen wird, dass es einen neuen Chef gibt, das ist durchaus offen. Der Klimarat hat aber durchaus etwas zu verlieren. Immerhin hat er vor 3 Jahren um diese Zeit noch den Friedensnobelpreis erhalten – gemeinsam mit Al Gore – und auf dem Höhepunkt seines Einflusses.
Petersberger Klimadialog
Auf den Bonner Petersberg haben die Kanzlerin und der mexikanische Regierungschef 45 Staaten eingeladen. Kleinere Runde, größere Erfolgsaussichten die Klimaverhandlungen wieder in die Gänge zu bringen. Bundesumweltminister Röttgen ist berufsmäßig begeistert: gute Gespräche gibt es hier, berichtet er am Morgen der Presse. Gute, Stimmung, der ägyptische Umweltminister habe sogar gesagt: “das Eis ist gebrochen”.
Wenn das so einfach wäre. Es gibt aber wohl eine ganze Reihe konkreter Klimaprojekte zwischen einzelnen Staaten. Ich habe den Minister gefragt, ob das hier nicht das Gleiche ist, was der Ex-US-Präsident George W. Bush vor zwei Jahren versucht habe. Wortreiche Abgrenzung war die Folge. Obwohl der Ansatz wirklich ähnlich ist. Natürlich zu einer anderen Zeit -Kopenhagen hat viel verändert – und unter heiligen Schwüren, dass das hier natürlich die Klimaverhandlungen selbst nicht ersetzt.. aber das hatte auch Bush gesagt. “Sie merken”, sagt RÖttgen süffisant, dass ich den Ausdruck “Koalition der Willigen” für Petersberg bewußt vermeide. So hatte Bush sein Unternehmen genannt.
Eine interessante Bemerkung von UN-Klimachef Yvo de Boer: es geht um die Frage, ob man in der UN nicht mit dem Mehrheitsprinzip weiter käme. Bei Klimaverhandlungen herrscht Einstimmigkeitszwang. De Boer erinnerte daran, dass es die Industriestaaten waren, die die Einstimmigkeit durchgesetzt haben! 1995 in Berlin. Da wollten sie verhindern, dass Entwicklungsländer per Mehrheit entscheiden können, wie viel Geld die Reichen für den Klimaschutz zur Verfügung stellen müssen. …..
De Boer wirft hin….
Yvo de Boer will nicht länger Chef des UN-Klimasekretariats sein. Ab dem 1.Juli wird er für KPMG arbeiten -Wirtschaftsberatung. In seiner Begründung schwingt doch auch ein gutes Stück Frust mit: das war nichts in Kopenhagen- vielleicht kann ich in der Wirtschaft mehr bewegen…. (meine freie Wiedergabe).
Der Niederländer mit dem britischen Outfit und Auftreten, der hat sich in seinem Job nicht geschont: mit Geduld und Spucke, aber auch mit der Brechstange hat er versucht, Klimaschutz voran zu bringen. Ehrgeizig ist er- keine Frage. Und auf Dauer hat er es wohl nicht ertragen, dass er faktisch keine Macht hatte. Die Delegierten haben ihm das immer wieder klar gemacht. Und ob die Tränen, die er in Bali geweint hat, Frust- oder Wut-Tränen waren, wer weiß? Im Herbst stand seine Vertragsverlängerung an. Vor allem einige Schwellen – und Entwicklungsländer hätten UN-Generalsekretär Ban-Kee-Moon wohl bedrängt, de Boer aus dem Spiel zu nehmen. Das hat sich jetzt erledigt. Ich denke: schwerer Schlag für die Klimaverhandlungen. Ein Zeichen, dass da noch ein Gang zurückgeschaltet werden wird.
Der de Boer im feinen Zwirn, das ist übrigens auch nur der Eine. Ursprünglich war er mal Sozialarbeiter und wer ihn mal in Jeans und Wollpulli gesehen hat wie er eine Fluppe dreht, der weiß. Es gibt da einen zweiten. Und dem war das diplomatische Theater wohl den hohen persönlichen Einsatz nicht mehr wert.
Ein bißchen Auswertung
wen es interessiert: ein bißchen mediale Nachbearbeitung im ARD-Morgenmagazin
http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video623808.html
und gleich um 17.10 Uhr auf SWR 2 im “Forum”
Flopp – und weiter?
Die lange letzte Nacht – da hängt man schon mal durch (Bild von Detlef Reepen, WDR). Obwohl: Jakob Mayr, mein Kollege vom BR, und ich, wir saßen die ganze Nacht gespannt vor dem Bildschirm. Was sich da abgespielt hat, das hatten wir beide (trotz erheblicher Klimagipfel-Erfahrung) so noch nicht gesehen. 
Dieses Tohuwabohu, das viel mehr offenbarte als einen – weitgehend – gescheiterten Anlauf zu mehr Klimaschutz. Der dänisch Ministerpräsident, der sich selbst vor der Weltöffentlichkeit demontiert, die Watschen für Barack Obama, der – nun ganz in Bush-Manier – die UNO verachtend SEIN Ding machte. Und damit viel Porzellan zerschlagen hat. Wohl auch bei Freunden wie der EU. Diese Konferenz zwingt jetzt entgültig zu einem neuen Ansatz. Mit 193 Staaten gemächlich weiterdümpelnd, kann sie nie die Erwartungen erfüllen. Also müssen die Erwartungen runter – oder/und der Verhandlungsstil geändert werden: zuerst die politische Klärung – z.B. bei G20 – und dann die Umsetzung in der UN-Konferenz. Dann bleibt Zeit, das auch diplomatisch vorzubereiten. Dann kriegen die Delegierten das nicht im ”friss oder stirb” Stil vorgesetzt.

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