Der neue Stolz auf Deutschland
“Stolz” ist das am häufigsten verwendete Wort in der Nachbetrachtung des deutschen Auftritts bei der Fußball-WM in Südafrika. Der Bundespräsident nahm es in den Mund, der DFB-Präsident, der Bundestrainer in geradezu inflationärer Weise, und selbstverständlich auch die Spieler. Ich selbst bin bislang noch nie stolz auf eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewesen. Natürlich habe ich mich über Siege und Titel gefreut - aber Stolz war immer ein Begriff, der mir nicht so recht zu passen schien in Verbindung mit einem nicht persönlich erworbenen Erfolg.
Meine Haltung dazu hat sich in den vergangenen vier Wochen in Südafrika geändert. Auch ich bin stolz auf diese Mannschaft. Allerdings nicht, weil sie den dritten Platz bei diesem Turnier erreicht hat. Stolz bin ich darauf, wie sie aufgetreten ist. Darauf, wie diese Multikulti-Truppe das Bild des piefigen Deutschen aus der Welt verscheucht hat. Darauf, wie diese jungen Burschen Zusammenhalt demonstrierten, sich als echte Solidargemeinschaft darstellten. Wie sie nach Erfolgen nicht durchdrehten und Bodenhaftung beibehielten. Mir gefällt das Bild, dass diese Mannschaft der Welt vom heutigen Deutschland vermittelt hat. Die Internationalität, die dieses Bild beinhaltet. Und es ist schon ein gesellschaftspolitisches Signal, dass die höchsten Amtsträger unseres Staates, Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die aktuelle Nationalmannschaft als eine Art Leitbild für Deutschland betrachten. Darauf können die Mannschaft und der Bundestrainer wirklich stolz sein. Ich finde, sogar stolzer als auf einen WM-Titel.
Frank Menke
Interessant, vergnüglich, bedrückend
Fünf Wochen in Südafrika sind vorbei, es war eine ebenso interessante, vergnügliche, wie manchmal aber auch bedrückende Zeit. Es ist ungewohnt, in einem Land zu sein, in dem man sich nicht frei bewegen kann. Es gibt – speziell für Weiße – Regeln, die man einhalten muss. Möglichst nicht allein zu Fuß gehen, schon gar nicht nachts.
Die Gefahr, Opfer eines Raubüberfalls zu werden, ist zumindest in Johannesburg allgegenwärtig. Arm und Reich treffen hier täglich unmittelbar aufeinander, die Kluft ist riesig. Diejenigen, die nichts haben, haben auch kaum etwas zu verlieren. Und versuchen nun einmal irgendwie, etwas vom großen Kuchen abzubekommen.

In den Townships bleibt viel zu tun
Südafrikas Regierung tut einiges, um die Lebensbedingungen für alle im Land zu verbessern. Die WM hat da sicherlich gut getan und geholfen. Die Infrastruktur wurde verbessert, Straßen, Flughäfen und Nahverkehr wurden ausgebaut. Vor allem hat die WM aber offenbar das Zusammengehörigkeitsgefühl der Südafrikaner gesteigert – immer wieder war davon zu hören und zu lesen, dass Schwarz und Weiß noch niemals zuvor so leidenschaftlich gemeinsam an einer Aufgabe gearbeitet hätten.
Hoffentlich bleibt diese Stimmung auch nach dem Abpfiff des Endspiels noch lange erhalten. Und hoffentlich bestätigen sich nicht die Gerüchte, dass es nach der WM in den Armenvierteln zu neuen Übergriffen gegen Immigranten kommen wird. Der Einfluss einer Fußball-WM auf solche Entwicklungen ist nun einmal äußerst beschränkt.
Olaf Jansen
Hilfsmittel ja, aber bitte keine Torrichter
Jetzt also doch. FIFA und UEFA sperren sich nicht länger gegen technische Hilfsmittel für Schiedsrichter. So weit die gute Nachricht. Die schlechte: Sie tun es halbherzig.
FIFA-Boss Sepp Blatter, der Hilfsmittel jedweder Art bisher kategorisch abgelehnt hatte, lenkte nach den zum Teil krassen Schiedsrichter-Fehlentscheidungen in Südafrika ein und will nun über Torkamera und Chip im Ball immerhin diskutieren. FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke verstieg sich gar voreilig zu der Aussage: “Ich würde sagen, dass diese WM die letzte mit dem bisherigen System war.”
Die UEFA kündigte an, bereits ab der kommenden Saison in allen Europapokal-Begegnungen sowie in der Qualifikation für die Euro 2012 zwei zusätzliche Torrichter einzusetzen.

Ein Torrichter in einem Europa-Liga-Spiel
Torrichter? Von allen denkbaren Variante ist das die schlechteste. Erstens können sich auch die zusätzlichen Männer hinterm Tor irren oder ihre Sicht kann verdeckt sein. Zweitens setzt man sie speziell in engen Stadien dem Zorn der Fans aus. Gerade die problematischen Fangruppen – man denke da nur an die “Ultras” in Italien – stehen häufig in der Kurve.
Die eleganteste Lösung wäre zweifelsfrei der Chip im Ball. Dass diese Methode absolut zuverlässig ist, haben Tests bewiesen. Der Schiedsrichter bekommt ein akustisches Signal übertragen, wenn der Ball die Torlinie mit vollem Umfang überschritten hat. Es ist keine Spielunterbrechung nötig, wie es bei der Torkamera der Fall wäre. Auch eine Sichtbehinderung - sei es für den Torrichter, eine Kamera oder eine Lichtschranke - ist ausgeschlossen.
Keine Ahnung, warum sich die Funktionäre – und im übrigen auch viele Fans – so gegen den Chip wehren. Mit Torrichtern jedenfalls würde man die Situation der Schiedsrichter im schlechtesten Fall nur verschlimmbessern.
Wolfram Porr
Alle für Schweini
Heute mittag gab die FIFA die Liste jener zehn Spieler bekannt, die als Kandidaten für den “Goldenen Ball” in Frage kommen. Nominiert wurden die Akteure von der Technischen Kommission des Verbandes um Sambias Weltenbummler Kalusha Bwalya. Den Preis bekommt dann letztlich jener, der von den akkreditierten Journalisten des Finales als bester Spieler des Turniers beurteilt wird.
Vor dem Finale – ein kleines technisches Detail, das beispielsweise bei der letzten WM dafür sorgte, dass Zinedine Zidane den Preis bekam. Vor der Tätlichkeit gegen Materazzi. Oder 2002 machte, dass Oliver Kahn gewann. Eben vor seinem Endspiel-Patzer gegen Ronaldo.

Sambias Weltenbummler Kalusha Bwalya
Diesmal stehen insgesamt fünf Spieler zur Auswahl, die das Finale bestreiten: Die Niederländer Robben und Sneijder und Spaniens Iniesta, Xavi und Villa. Normalerweise wird der beste Spieler aus diesem Kreis gewählt, denn ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass nur jener gewinnen kann, der mit seinem Team im Finale steht.
Aber vielleicht läuft’s diesmal auch anders: Neben Mesut Özil wurde auch Bastian Schweinsteiger aus dem deutschen Team nominiert. Und es gibt momentan viele Stimmen, die für den überragenden deutschen Mittelfeldmann stimmen. Und ich persönlich kann mich diesem Trend nicht verschließen. Auch ich war begeistert von Schweinis Auftritt bei der WM. Auf dass sich die Journalisten-Kollegen aus aller Welt daran am Sonntag erinnern mögen!
Olaf Jansen
Löw und Bierhoff bleiben, der Capitano muss weichen
Es wäre zu billig, jetzt aus den Mails in diesem Blog zu zitieren, die spätestens nach dem Argentinien-Spiel den deutschen Weltmeister-Titel für eine reine Formsache gehalten haben. Geschenkt! Tatsache ist: Nach den beiden Glanzauftritten im Achtel- und Viertelfinale war alles möglich, aber natürlich nicht alles sicher. Die Spanier haben das deutsche Team brutal auf den Boden geholt. Ausgerechnet im Halbfinale warfen sie ihre perfekt funktionierende Kombinationsmaschine an. Das Deprimierende aus deutscher Sicht: Xavi, Iniesta und Co. wirbelten, passten hin und her und kreuz und quer, sie zerstörten aufkommende deutsche Lust am Spielen im Keim, aber wer machte das Tor? Ein Verteidiger – nach einer Standard-Situation! Und so müssen wir betrübt damit leben, dass deutsche Mannschaften vier Mal im neuen Jahrtausend entscheidende Coups nicht gelandet haben: 2002 und 2008 in den Finals und 2006 und 2010 in den Halbfinalspielen.

Michael Ballack (l.) und Joachim Löw
Natürlich sind zweiter oder dritte Plätze welt- und europaweit stolze Leistungen, aber ist es ein frivoler Wunsch, das Team auch mal ganz oben auf dem Treppchen sehen zu wollen? Die Erfüllung dieser (natürlichen) Begehrlichkeit scheint nach dem Verlauf der südafrikanischen WM keine Utopie; was die junge Mannschaft in den Spielen gegen Australien, England und Argentinien angedeutet hat, lässt schönste Hoffnungen blühen. Womit wir automatisch bei den zu beantwortenden Personalfragen für die Zukunft sind. Das gefürchtete Sommerloch wird es in den Sportredaktionen nicht geben. Denn ab Montag dreht sich erstmal alles um die Frage: Macht die Viererbande Löw, Bierhoff, Flick und Köpke weiter? Im Augenblick spricht vieles dafür. Noch zu Turnierbeginn war die Führungsebene abschüssig. Speziell Oliver Bierhoff stand beim DFB wegen seines arroganten Auftretens und seiner maßlosen Forderungen klar auf der Abschussliste. Nun gibt es aber angesichts der glanzvollen Auftritte des Teams eine breite öffentliche Meinung, die skandiert: “Nichts verändern, weiter so in eine strahlende Zukunft!” Der DFB wird den Teufel tun, dies kaltschnäuzig zu ignorieren. Und aus welchem Grunde sollte einer der Herren bei diesem herzerfrischenden Rückenwind freiwillig den tollen Perspektiv-Job aufgeben? Außer, Oliver Bierhoff hat ein schönes Angebot aus der Wirtschaft. Dort hat er ja schon durch sein engagiertes Auftreten für die neoliberale “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” frühzeitig Punkte gesammelt. Also: Sie werden verhandeln, sie werden die Claims abstecken (U21, die Reibereien mit Matthias Sammer!), und am Ende werden sie unterschreiben.
Anders liegen die Dinge bei Michael Ballack. Da behaupte ich ganz einfach, er wird nach einigem Hin und Her den Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklären. Weil er im September schon 34 wird, weil ein einflussreicher Teil der Mannschaft ihn ablehnt, und weil sein Platz von einem Spieler mit Zukunft besetzt ist. Oder soll die Zukunftsplanung der Nationalmannschaft so aussehen, dass Khedira wieder auf der Bank Platz nimmt? In jedem Fall wird es nach dem Ende des WM-Turniers spannende Diskussionen geben, Überraschungen sind – wie immer im Fußball – nicht ausgeschlossen. Wobei diese letzte Feststellung keine praktische Hintertür ist, sondern eine der ewigen Wahrheiten des Fußball-Geschäfts.
Manfred Breuckmann
Gelbe Karten für Lahm und Rauball!
Bestimmte Dinge machen mich einfach nur fassungslos und böse. Da spielt die deutsche Mannschaft wie vom anderen Stern, wir sehen und hören nichts als Harmonie und blendenden Teamgeist, in der Heimat überschlagen sich die Fans und die Partygänger vor Euphorie. Und dann kommen zwei daher und sorgen für vollkommen überflüssigen Theaterdonner.
Gemeint sind die beiden so unterschiedlichen Herren Lahm und Rauball. Um es gleich vorab zu sagen: Beide hätten einfach zwei Tage vor dem WM-Halbfinale den Mund halten sollen. Philipp Lahm gibt einen gezielten Schuss auf Michael Ballack ab, indem er bleibende Ansprüche auf die Kapitänsbinde anmeldet, und Reinhard Rauball feuert, ohne den Namen zu nennen, auf Oliver Bierhoff. Es bestünde die Gefahr eines eigenen Machtzentrums “Nationalmannschaft”, und so etwas sei neben dem DFB und der DFL nicht zu dulden.

Der derzeitige Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm
Zwei Anmerkungen: Erstens bin ich der letzte, der schwelende Probleme nicht öffentlich diskutieren würde. Zweitens kennen wir in beiden Fällen mit Sicherheit nicht die ganze Wahrheit. Wir sehen nur, was auf der Bühne abgeht, die Kulissen-Rangeleien zwischen Lahm, der Mannschaft und Ballack bzw. zwischen DFL/DFB und der Nationalmannschafts-Führungsebene haben wir nicht auf dem Schirm.
Darauf kommt es aber gar nicht an. Es geht schlicht um den Zeitpunkt mitten im Turnier, zwei Tage vor dem Spanien-Spiel. Manchmal muss so schnell wie möglich geredet und gehandelt werden. Aber nicht im Falle Ballack, und auch nicht in der Angelegenheit Bierhoff! Das Einschalten des Gehirns vor dem Öffnen des Mundwerks auf offener Szene ist leider unterblieben.
Beide hätten schweigen müssen, um die gute Atmosphäre rund um die Mannschaft nicht zu gefährden. Ab Dienstag, wenn die rauschhaften Feierlichkeiten nach dem Weltmeister-Titel für Deutschland vorbei sind, darf und muss gestritten werden: über die Personalie Ballack, und über den zukünftigen Kurs des Nationalteams. Aber nicht gestern, nicht heute und nicht morgen. Darum: Gelbe Karten für Lahm und Rauball!
Manfred Breuckmann
High Noon in New York
Die USA gelten gemeinhin als Diaspora, was den Fußball angeht. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und eine dieser Ausnahmen heißt inzwischen deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Meine Studienfreundin Heike, die seit vielen Jahren in New York lebt und arbeitet, schickte mir heute einige Fotos. Die Bilder zeigen, was in Teilen Manhattans los war, nachdem das DFB-Team Argentinien aus dem WM-Turnier geschossen hatte.
O-Ton Heike: “Es war gerade mal 12 Uhr mittags, also High Noon, als das Spiel vorbei war - und das Feiern nahm kein Ende.” Mit Weißbier und Schweinswürsteln zelebrierten die Fans in und vor einem stadtbekannten deutschen Spezialitätenlokal den historischen Sieg über die Albiceleste. Was mich besonders verblüfft hat: Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit ist in Amerika eigentlich streng verboten. Doch an diesem Tag waren selbst die Cops Deutschland-Fans. “Sie haben ein Auge zugedrückt, solange man nur die Feuerleitern freiließ”, berichtet Heike.
Und jetzt fiebern sie und die US-Germany-Fans natürlich dem Halbfinale gegen Spanien entgegen: “Wir wünschen dem Super-Jogi-Team den größten Erfolg. Man wagt kaum zu träumen, was jetzt alles möglich ist …” Doch, so langsam dürfen wir es vorsichtig wagen, finde ich. Aus meiner persönlichen Sicht schon deshalb, damit meine Freundin weiterhin so viel Spaß hat. Und aus allgemeinerer Sicht, damit Amerika weiter am Ball bleibt.
Frank Menke
Von Miststücken und Darm-Infektionen
Als sich Sepp Blatter am vergangenen Sonntag gemeinsam mit Südafrikas Präsident Jacob Zuma dem südafrikanischen Volk im Township Alexandra zeigte, um ein Straßenfußball-Festival zu eröffnen, blieb der Jubel der Menschen aus. Und der FIFA-Präsident wirkte ein wenig übellaunig. Eigentlich sollte die WM in Südafrika doch ein Triumphzug für den 74-jährigen Schweizer werden. Schließlich hat er ganz persönlich Afrika die erste WM beschert – so mag Blatter das zumindest sehen. Dafür soll er nun auch gebührend gefeiert werden.
Allein – die Begeisterung der Gastgeber für das WM-Event und deren Organisatoren hat spürbar nachgelassen. Drei Antworten hat die Tageszeitung “Times” am Wochenende in ihrem “WM-Quiz” zur Frage angeboten, was der Leser spontan mit “Sepp Blatter” verbinde. Antwort A: “Eine Darm-Infektion”; B: “Ein Kerl im Dienst der FIFA”; C: “Präsident von Südafrika”. Möglicherweise hatten sich die Südafrikaner mehr von der WM versprochen, vielleicht hatten sie tatsächlich gedacht, das Land und seine Menschen würden auch wirtschaftlich ganz erheblich vom WM-Turnier profitieren können.
Größter Profiteur dürfte aber eben wieder einmal der Fußball-Weltverband sein, der seine Interessen auch in Südafrika kompromisslos durchsetzt. Die FIFA selbst soll einen Gewinn von rund 2,5 Milliarden US-Dollar erwarten, ihre Exklusiv-Sponsoren werden gegenüber örtlichen Unternehmen rigoros geschützt. Auf die Frage “Wie reagieren Sie, wenn Sie das Wort ‘FIFA’ hören?” lauten die drei möglichen Antworten nun also: A: “Nein danke, ich habe schon gegessen”; B: “Leitungsgremium”; C: “Dreckige, verfaulte, verdorbene Söhne eines Miststücks”.
Und noch einen: “Was denken Sie, wenn Sie ‘ WM 2010′ hören?” A: “Krebsgeschwür”; B: “Fußball”; C: “Rechtsanwälte”.
Olaf Jansen
Wanne-Eickel in Soweto

Autowaschen in Soweto
Vielleicht hat’s der ein oder andere schon gemerkt: Ich bin ganz gern in Soweto. Das riesige Township am Rande Johannesburgs hat’s mir angetan. Die Leute sind freundlich, hilfsbereit und man kann sich dort als Tourist durchaus recht sicher fühlen.
Gestern, am Samstag, spazierte ich also wieder einmal durch die Straßen und traute meinen Augen kaum. Vor – gefühlt – jedem dritten Haus wurde ein Auto gewaschen. Samstag ist Auto-Waschtag in Soweto. Wie in Wanne-Eickel. Als ich mich dann zu so einem Autowäscher gesellte und ein paar Worte mit ihm sprach, tönte plötzlich ein heftiges Hupkonzert durch die Straße. Eine endlos lange Reihe von älteren deutschen Autos kam vorbeigefahren. Eine Hochzeit? Eine Parade?
Mein Autowäscher konnte mir weiterhelfen: “Das ist der BMW-Klub von Soweto. Die fahren hier meistens einmal samstags durch.” Soweto wird immer erstaunlicher.
Olaf Jansen
Ein Team mit Zukunft? Die Zukunft hat schon begonnen!
Seit Samstagnachmittag 17.50 Uhr warte ich auf den Anrufer, der mir mitteilt: Hab ich doch von Anfang an gesagt, wir werden Weltmeister! Bis jetzt kam nichts dergleichen, vielleicht kenne ich auch die falschen Leute. Aber das ist alles zweitrangig angesichts des wunderschönen Traums, in dem wir uns, schwitzend und jubelnd, derzeit alle befinden. Es ist tatsächlich nicht mehr auszuschließen: Der WM-Pokal könnte nach zwanzig Jahren mal wieder in deutsche Hände geraten! Mir fallen gar nicht so viele Superlative ein, wie dieser Siegeszug verdient hat. England und Argentinien mit jeweils vier Dingern nach Hause geschickt! Das liegt ein gutes Stück über den kühnsten Erwartungen aller, die sich nur ein klein wenig mit Fußball auskennen.

Die deutschen Fans hoffen wie Manni Breuckmann auf den Titel
Wer nur die pure Freude ausleben und nicht nach den Gründen fragen will, der sollte jetzt einfach aufhören zu lesen und die nächste Flasche öffnen. Ich kann das gut verstehen. Mich kitzelt es aber trotzdem, ein, zwei Minuten nach den Ursachen des gelebten deutschen Fußballtraums zu forschen. Vor acht Jahren war die Mannschaft auch im Finale, die Gegner auf dem Weg dorthin hießen allerdings Paraguay, USA und Südkorea, und es war eine furchtbare Quälerei. Und nun erleben wir die Leichtigkeit des schnellen Kombinationsspiels und des blitzartigen Konters. Gepaart mit einer stabilen Defensive. Die haben wir jetzt, nachdem sich Per Mertesacker am eigenen Schopf aus seinem Formloch gezogen hat, und Boateng auf der rechten Seite sicher geworden ist.
Wir reiben uns die Augen und kneifen uns: Das deutsche Team spielt bislang den schönsten und erfolgreichsten Fußball dieser WM! Eine Kombination aus Schönheit und Effizienz, wie wir sie uns alle gewünscht haben; die “deutschen Tugenden” haben viele kleine kreative Geschwisterchen bekommen! Dafür brauchst du eine Philosophie und die richtigen Spieler. Die Philosophie ist seit 2004 konsequent von Löw (und Klinsmann) entwickelt worden, die passenden Spieler entspringen einer gut durchdachten umfassenden Nachwuchsarbeit. Dafür steht beim DFB der Name Matthias Sammer. Hinzu kommen ein offensichtlich toller Teamgeist und die perfekte Analyse des kommenden Gegners. Das alles wird auf der Führungsebene des DFB-Teams geleistet und gefördert, vom Analytiker Siegenthaler bis zum Psychologen Hermann.
Was die Deutschen bislang nur in ganz kleinen Dosen gebraucht haben, war: Glück. Vielleicht ein wenig im Ghana-Kick. Nach diesem Gruppen-Endspiel mit Wackel-Knien habe ich das Fehlen eines Leithammels beklagt. Selbst dieser Kritikpunkt scheint sich nach den Schweinsteiger-Auftritten gegen England und Argentinien erledigt zu haben. Der verletzte “Leader” Ballack stand gestern an der Außenlinie und freute sich unbändig. Hinterher wird er sich vielleicht doch ein paar Gedanken über seine Zukunft im Nationalteam gemacht haben. Die sieht nämlich momentan nicht besonders rosig aus.
Alle Experten haben gesagt: Der jungen deutschen Mannschaft gehört die Zukunft; Schweinsteiger, Müller, Özil und Co. haben sich entschlossen, schon jetzt mit der Zukunft anzufangen. Spanien kann kommen!
Manfred Breuckmann




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