Bilder einer Musikbaustelle 2009
Die Donaueschinger Musiktage 2009 – das waren drei Festivaltage mit insgesamt 16 Uraufführungen. Die rund 10.000 Besucher erlebten ein Programm, dessen Bogen sich vom klassischen Kammerkonzert über die Orchesterinstallation bis zum Musiktheater spannte. Die diesjährigen Höhepunkte bildeten die beiden Eröffnungskonzerte „doppelt bejaht“, Etüden für Orchester ohne Dirigent, von Mathias Spahlinger und „Batsheba. Eat the history!“ von Manos Tsangaris mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und dem SWR Vokalensemble Stuttgart.
Video-Impressionen von den Donaueschinger Musiktagen 2009:
Nachschlag: Mehr Design als Musik?

Livediskusssion in SWR2 gleich nach dem Ende des Abschlusskonzertes mit Werken von Salvatore Sciarrino, Beat Furrer und Rolf Riehm in der Baarsporthalle. Gerade ist der Orchesterpreis verliehen worden, eine nicht unumstrittende Entscheidung der Musiker des SWR Sinfonieorchesters. Warum ausgerechnet Manos Tsangaris Stationentheater, wundern sich viele Festivalbesucher. Das Werk hat polarisiert, wie auch viele andere Orchester- und Ensemblestücke der Musiktage 2009, und wie auch die zentrale Fragestellung der Musiktage nach der Institution des Orchesters.
Identitätskrise III
Die Diskussion an sich gefällt mir: Auf die Frage, ob sich die überkommene Konzertform als ewig Gestrige nicht längst überholt habe, anwortet ausgerechnet der Konzeptkonzert-Förderer Armin Köhler mit einem glasklaren NEIN. Eine Kehrtwende?
Kurzer Rückblick: Vielleicht erinnern Sie sich an die Klang-Licht-Installation 2004. Benedict Masons “felt/ebb/thus/brink/herer/aray/telling”. Oder 2007 an Georg Friedrich Haas’ “Hyperion”, bei dem die Orchestermusiker ihre Einsätze nicht vom Dirigent sondern von Glühbirnen bekamen, die die Künstlerin rosalie installiert hatte. Licht als ästhetisches Medium und als Dirigent-ähnlicher Koordinator. Oder an das, was Sie im letzten Jahr in Donaueschingen gehört und gesehen haben? Und natürlich auch 2009…
Film: Verzweigungen
Mathias Spahlinger möchte den Musikern des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg die Verantwortung dafür übertragen, wie sich sein Stück “doppelt bejaht” im Laufe des Konzerts entwickelt. Dies soll durch die Aufteilung des vorgegebenen Klangmaterials in mehr als zwanzig Teile geschehen, an deren Ende die Musiker jeweils drei Möglichkeiten zur “Verzweigung” haben, wie Spahlinger es nennt. Das Orchester soll als Klangkörper spontan durch sein eigenes Spiel darüber entscheiden, in welche Richtung die Musik weitergehen soll. So möchte Spahlinger die Musiker von einem “entfremdeten” Dasein im Orchester befreien. Dieser Anspruch hat bei den diesjährigen Musiktagen für reichlich Diskussionsstoff gesorgt.
Beeindruckendes Spektakel
Medien
Am Samstag Abend kurz vor 9 Uhr ist der Mäander-Marathon vorbei: “Batsheba. Eat the History!” in drei Teilen, sechs Stationen, und jetzt wird das Zählen schon schwieriger: mit wievielen Instrumentalisten, Sängern, Schauspielern, Elekronikern, Technikern, Assistenten, Orten, Verpflegungseinheiten, Ü-Wagen, Proben und Diskussionen?
Beeindruckend, sagen viel nach der letzten Aufführung, so beeindruckend, dass man ob der Fülle der Eindrücke schonmal den Überblick verliert, die Worte nicht findet, das Erlebte erst einmal verarbeiten will. Die Radio-Kollegen der SWR2 Musikredaktion haben trotzdem gefragt, gleich nach dem letzten Schlussapplaus, der – eingeleitet durch ein einen deutlich hörbaren “Buh”-Ruf, eher verhalten ausfiel:
Stimmen zu “Batsheba. Eat the History!”:
Bariton Andreas Wolf, singt den Uria in der Batsheba-Geschichte, Teil I und II, und den Bernd in Teil III, Chatroom Murder
Festivalbesucherin
Christoph Grund, Organist in Teil II – Chatroom Double und Zuspieler der Chats in Teil III, Chatroom Murder
Festivalbesucherin
Raul Mörchen, Musikpublizist aus Köln und Kenner der Arbeiten von Manos Tsangaris
Parallelwelten
Am Schluss liefen die Fäden zusammen. Zumindest fast. Nach den 5 Stationen von Teil I und den 2 Stationen von Teil II kam nun Teil III von Manos Tsangaris Installation Oper “Batsheba. Eat the history” mit dem Untertitel “Chatroom Murder” in Donauhalle A zur Uraufführung. Ein Sammelbecken für Publikum und Handlungsstränge, doch wie gesagt: nur fast.
Eine der freundlichen “Folgen Sie mir bitte”-Damen (die allmählich schon wie Schauspieler und Sänger zur Besetzung der Oper zu gehören scheinen) beklebt am Hallentor meine Eintrittskarte mit einem grünen Punkt, was soviel bedeutete, dass ich zunächst die linke Seite des Finales sehe. Das ist die Seite mit dem Blick auf Blonde17 und ihre Mutter mitten in ihrem Durcheinander aus Antifaltencremes und Klamotten.

Verschnupfter Kritiker
Donaueschinger Musiktage als “Meeting-Point” der Neuen Musik”, wie SWR2-Musikredakteurin Lotte Thaler in ihrer Livesendung zu Beginn des Festivals sagte, ist auch ein Meeting-Point der Meinungen. So die des ebenfalls als Komponist – allerdings nicht in Donaueschingen – in Erscheinung tretenden Musikkritikers Arno Lücker, den offenbar in einer der Warteschlangen eine Grippe ereilte . „Verschnupfter Kritiker“ weiterlesen →
Film: “Donaueschingen ist ein Stationentheater”
Manos Tsangaris` “Batsheba. Eat The History!” – eine “Installation Opera für Schauspieler, Sänger, Chor und Orchester-Mäander” besteht aus fünf Teilen, von denen jeweils der erste und zweite sowie der dritte und vierte gleichzeitig an unterschiedlichen Spielstätten aufgeführt werden. Die Zuhörer entscheiden dabei selbst, wie lange und an welchem Ort sie der Aufführung folgen möchten. Dem Werk liegen zugleich zwei Textvorlagen zugrunde: die biblische Geschichte von Batsheba und König David sowie die Geschichte über eine Internetbekanntschaft, die sich tatsächlich in unserer Zeit ereignet hat. Wir haben mit dem Komponisten über sein umfangreiches und – nicht nur logistisch – aufwendiges Werk gesprochen.
Schlangestehen vor Donautopf und Turnhalle
Theaterstationen im Fürstenbergischen Schloss und in der Christuskirche, ein Kammerkonzert mit den Bläsern der musikfabrik und den Live-Elektronikern vom Experimentalstudio des SWR, der Abschluss von Manos Tsangaris’ “Installation Opera” in der Donauhalle – Bilder der Donaueschinger Musiktage am Samstag.
Chatroom Double
R U READY
Ja. Auf zu Chatroom Double. Quer durch Donaueschingen vom Schloss in die Christuskirche. Die Kirche wird Kommunikationsraum, aber wieder sickert diese Erkenntnis erst langsam durch. Mein erster Eindruck ist ein akustischer: Das SWR-Vokalsensemble Stuttgart steht auf der Empore, aufgereiht wie auf eine Perlenschnur, Männer und Frauen jeweils in Gruppen nebeneinander bzw. sich gegenüber. Eindrucksvoller Surround-Effekt.
LISTEN TO ME

Beim König zu Tisch
Zunächst die Wetterlage am Samstag: Es nieselt immer noch. Um 11 Uhr ist Einlass. Treffpunkt: Donauquelle. Jemand neben mir murmelt etwas von “Grundkurs im Schlangestehen” und tatsächlich ist die Warterei fürs Publikum bei Manos Tsangaris’ Opernmehrteiler “Batsheba” die größte Herausforderung. Glockenschlag 11 heißt es wieder “Folgen Sie mir bitte” und dann öffnen sich die Schlosstüren zur Audienz. Der König bittet zu Tisch – und schlägt dazu seine Tafel im Spiegelsaal des Fürsten von Fürstenberg auf.

Nachtmahrflügel
Als Orientierungshilfe sei gesagt, die große Turnhalle ist hier und dort, wo uns die Klarinetten und Marimbaphonklänge entgegenschallen. Noch wird hier geprobt. Kammerkonzert. Für morgen. Für drei Uraufführungen. Die drei Werke haben vieles gemeinsam: Sie nennen sich Kammermusik und haben daher eine überschaubare Zahl von Interpreten, sie sind plusminus 15 Minuten lang und sie haben einen Partner: Das Experimentalstudio des SWR.

Jimmy López (links, stehend) und Live-Elektroniker
Im Vergleich zu den großen Orchesterprojekten der Donaueschinger Musiktage scheint hier alles ruhig und überschaubar. Aber der Schein trügt. „Nachtmahrflügel“ weiterlesen →
Identitätskrise II
Um in Teil römisch zwei über die selbstgewählte Identitätskrise des Orchesters nachzudenken – sie via Musik auf mich wirken zu lassen – musste ich jetzt erst ein paar Stunden verstreichen lassen.

Publikum beim Eröffnungskonzert "doppelt bejaht" von Mathias Spahlinger in der Baarsporthalle
Der Uraufführungsort von Mathias Spahlingers “doppelt bejaht” lag nur wenige Schritte von Manos Tsangaris’ Installations- Oper “Batsheba” entfernt, und wer den doppelten Musikabend, mit dem das Donaueschinger Festival heute begann, auch doppelt hörte, bekam in jedem Fall auch doppelte Antworten. Das will erstmal verarbeitet sein. Wenn es Sie interessiert, was ich als Antwort auf Spahlingers ‘doppeltes Ja’ gehört habe, können Sie hier weiterlesen… „Identitätskrise II“ weiterlesen →
Wellness trotz Nieselregen
“Folgen Sie mir bitte.” Unter dem Heizstrahler im Freien wird mir zwar etwas wärmer, aber von oben tropft der Nieselregen. Und es sieht aus, als fällt bald Schnee. In der Zuhörer-Schlange vor der Erich-Kästner-Halle stehen diejenigen, die eine Karte mit Einlasszone A haben.

“Bitte folgen Sie mir.” Glücklicherweise bin ich bei der ersten Gruppe von 32 Zuhörern, die – sorgsam abgezählt – ins warme Innere folgen dürfen. “Hier bitte folgen”-Geflüster und der Schein einer winzigen Halogen-Taschenlampe geleiten die Besuchergruppe über eine Treppe in den “Batsheba im Hof”-Bereich auf der Empore. Alle tappen im Dunkeln, niemand weiß, was ihn hier erwartet. Manos Tsangaris, der Raumbeschaller unter den Komponisten, hat eine Oper geschrieben. Genauer gesagt: eine Installation Oper. “Folgen Sie mir…”
Spinne im Raum

Die Erich-Kästner-Halle am Abend vor der Uraufführung von “Batsheba. Eat the History”, Teil 1: Es ist stockdunkel, so dunkel, dass Fotografieren unmöglich ist. Ablaufprobe: Besuchergruppen werden von Schülern mit Taschenlampen durch die Halle geführt. Vorbei an Schauspielern und Musikern, vorbei an Instrumenten, Lampen und Mikrofonständern. „Spinne im Raum“ weiterlesen →


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