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Das Kranzberger Waldlabor – Bäume im Klimastress

02.06.2014, von , in Karte anzeigen

Wie ein ramponiertes Gewächshaus: Kranzberger Hightech-Dach  (Foto: BR)

Wie ein ramponiertes Gewächshaus: Kranzberger Hightech-Dach

Was macht eigentlich der Wald, wenn der Klimawandel kommt? Viel spricht dafür, dass es in Mitteleuropa vor allem die Fichte schwer haben wird – die für die Forstwirtschaft wichtigste Baumart. Andere Arten, wie die Eiche zum Beispiel, könnten eher profitieren. Alles allerdings sehr unsicher. Die Forstwissenschaftler der TU München in Weihenstephan bei Freising haben jetzt einen Langzeitversuch gestartet.  Es heißt Kranzberger Forst Roof Experiment – weil dabei nämlich Dächer eine wichtige Rolle spielen. Dachkonstruktionen über dem Waldboden schließen  sich bei Regen sofort – so simulieren die Forscher eine lang anhaltende Trockenheit. Zehn Jahre lang wird im Waldlabor nun untersucht, ob unterschiedliche Baumarten – in diesem Fall Fichten und Buchen – sich auch gegenseitig helfen können, wenn es gilt längere Trockenperioden zu überstehen. Und wie mit diesem Wissen Waldbesitzer durch kluge Bewirtschaftung weiterhin genügend Ertrag aus ihrem Forst holen können. Johannes Roßteuscher hat sich den Versuch angeschaut – und zwar von oben aus einem Kran:  

 

Auf Höhe der Baumkronen: Professor Rainer Matyssek kurz vor der Porometrie (Foto: BR)

Auf Höhe der Baumkronen: Professor Rainer Matyssek kurz vor der Porometrie

Rainer Matyssek hat einen tollen Arbeitsplatz. 40 Meter hoch, schwankend – dafür mit einem traumhaften Blick:  unter ihm ein regelrechtes Polster  aus hellgrünen Blättern. Es sind die Baumkronen von ungefähr 70 Buchen, die hier im Kranzberger Forst für die Wissenschaft Dienst tun. Und Matyssek, Professor für Ökophysiologie der Pflanzen an der TU München-Weihenstephan betrachtet seine Versuchsbäume heute vom Kran aus.

Jetzt senkt sich die Gondel etwas, der Professor greift vorsichtig nach einem Buchenblatt und klemmt es in eine schachtelartige Apparatur. Ein Gaswechselporometer.  Es misst Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, aber vor allem die Kohlendioxidaufnahme des Blattes. Der Professor ist zufrieden:  „Entspricht den Bedingungen. Die Blätter sind noch ganz jung und Trockenstress haben sie noch keinen abbekommen.“

Unter dem Kran: Ein Polster aus Buchenblättern (Foto: BR)

Unter dem Kran: Ein Polster aus Buchenblättern

Trockenstress – darum geht es hauptsächlich beim Kranzberger Roof Experiment. Die Weihenstephaner Forstwissenschaftler wollen herausfinden, wie sich Dürreperioden auf Bäume auswirken. Und wie man möglicherweise durch kluges Kombinieren der richtigen Baumarten den Stress für alle verringern kann – und auch in Zeiten des Klimawandels erfolgreich Forstwirtschaft betreiben kann.

Ordentlich verkabelt: Buche 401 (Foto: BR)

Ordentlich verkabelt: Buche 401

Die Hypothese: Buchen profitieren von Fichten, weil die Baumarten unterschiedlich mit der Trockenheit umgehen. „Die Fichte reagiert auf Trockenheit konservativ“, erklärt Matyssek. „Sie schließt ihre Spaltöffnungen und verfällt in eine Art Ruhezustand.“ Nachteil: keine Photosynthese mehr. „Die Fichte lebt von der Substanz, wenn die Trockenheit zu lange dauert, hungert sie aus.“ Völlig anders verhält sich die Buche. „Sie wird außerordentlich aktiv und hält die Photosynthese-Rate hoch.“ Nachteil: Der Baum verdurstet irgendwann. „Wenn’s dann noch länger trocken bleibt, kollabiert die Buche.“

Bitte nicht berühren: elektronischer Dickenwachstumsmesser (Foto: BR)

Bitte nicht berühren: elektronischer Dickenwachstumsmesser

Wieder unten. Dass hier geforscht wird, ist nicht zu übersehen. Von den Baumstämmen hängen Kabel, aus dem Boden ragen Eisenstäbe. Rund 140 Buchen und Fichten sind als Versuchskaninchen im Einsatz. Die Hälfte von ihnen wird ausgedörrt – oder wissenschaftlich ausgedrückt: unter Trockenstress gesetzt. Dazu haben die Weihenstephaner Forscher den Boden überdacht. Die Dachkonstruktionen sehen aus wie ramponierte Gewächshäuser:  keine Wände, die Dächer lückenhaft. Bei Trockenheit sind sie offen, damit sich keine Hitze staut, bei Regen schließen sie sich sofort. Daher stammt auch der Name: Roof Experiment.

Selfie in der Gondel: Der Reporter, Doktorand Michael Kroisser, Professor Rainer Matyssek (Foto: BR)

Selfie in der Gondel: Der Reporter, Doktorand Michael Kroisser, Professor Rainer Matyssek

Auf zehn Jahre ist das Experiment vorerst angelegt. Für die Hälfte der Bäume bedeutet das zehn Jahre lang Trockenstress. „Es tut einem schon ein bisschen weh“, sagt Matyssek. „Aber wir sind fair genug, dass wir sie nicht absterben lassen. Wenn‘ s in die Grenzbereiche geht, werden wir den Trockenstress unterbrechen. Denn auch das wird uns wieder Erkenntnisse liefern.“

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