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Tag 8: Zwischen Elend und Sorge

21.12.2011, von , in Karte anzeigen

Ein Häufchen Elend

Ein Häufchen Elend

Der Schnee reicht mir bis zum Knie. Um mich herum ist alles weiß bis auf das dunkle Braun und Grün der Tannen. Niemand sonst ist hier draußen im Wald unterwegs zwischen Sorge und Elend. Kein Geräusch ist zu hören, wenn ich stehen bleibe. Es gibt nicht mal Spuren im Schnee und der Weg ist nur zu erahnen.

Ein alter Witz hat mich tief in den Harz geführt. Er spielt zu Zeiten des real existierenden Sozialismus und war gerade noch so erlaubte Gesellschaftskritik.
Frage: Wo ist der Sozialismus zu Hause? Antwort: Zwischen Sorge und Elend.

Rolf Tronnier war Bürgermeister in Sorge. Von 1970 bis 2001 und er kann immer noch darüber lachen. Heute ist er 80 und braucht einen Gehstock, deshalb kann er mich nicht begleiten. Aber er kann erzählen, vom Krieg und von den sowjetischen Besatzern, von der Grenze und der Wende.

Der Ort Sorge im Schne

Der Ort Sorge im Schne

Zu DDR-Zeiten war das Dorf im Sperrgebiet an der deutsch-deutschen Grenze. Wer hier rein wollte, brauchte einen Passierschein. Selbst Kinder brauchten so einen Schein, um ihre Eltern zu besuchen. Dafür durften sich die Grenzgemeinden über Finanzhilfe, Zitrusfrüchte und andere Annehmlichkeiten freuen, die Grenzbewohner sollten bei Laune gehalten werden. Aber nur ein paar Kilometer entfernt lag der Todesstreifen. Die Grenztruppen hatten den Befehl Flüchtlinge aufzuhalten. Es gab nur einen Warnschuss. Dann zielten die Soldaten. Bei Sorge starben insgesamt 5 Menschen.

Nach der Wende ging alles sehr schnell. Bautrupps rückten an und rissen die Grenzanlagen nieder. Beinahe wären alles verschwunden. Rolf Tronnier bestach die Bautrupps mit ein paar Kisten und rief beim Innenministerium an: „Der Wachturm muss bleiben, als Erinnerung für die kommenden Generationen.“

Hier soll irgendwo der Weg verlaufen

Hier soll irgendwo der Weg verlaufen

Heute steht etwas oberhalb des Dorfs ein etwas verfallener Grenzturm und Sperrzäune, der Teil eines Grenzmuseums. Das ist alles, was vom Sozialismus zwischen Elend und Sorge geblieben. Das und der alte Witz.

Auf dem Weg nach Elend bin ich mittlerweile auf die befestigte Straße ausgewichen. Ich fühle mich dem Ort angemessen. Meine Hose fühlt sich an wie ein kalter, nasser Sack. Autos rauschen an mir vorbei, als ich von weitem Endlich das Ortsschild “Elend” sehe.

 

 

Zu Fuß nach Elend: Die Suche nach dem Weg unter dem Schnee. Zurück nach Sorge schnurgerade mit der Bahn.

Zu Fuß nach Elend: Die Suche nach dem Weg unter dem Schnee. Zurück nach Sorge schnurgerade mit der Bahn.

Der Name kommt übrigens von “Eli Endi”, was so viel heißt wie fremdes Land. Der Name Sorge kommt vom mittelhochdeutschen “Zarge”, das heißt Grenze. Aus der Sicht der Westdeutschen früher war das im Grunde wieder doppeldeutig. Von Sorge nach Elend. Von der Grenze in ein fremdes Land.

 

 

 

 

1000 Antworten: Woher kommen die Ortsnamen “Elend” und “Sorge”?

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