08.10.2007,
von Petra Aldenrath,
Die Olympiastadt Peking verändert täglich ihr Gesicht. Man muss nur eine Woche weg sein: Wenn man wiederkommt, ist dort, wo das Lieblingsrestaurant stand, eine Baustelle, der Fahrradhändler um die Ecke musste einem Parkplatz weichen. Überall entstehen neue Straßen, U-Bahnlinien, Bürohäuser, Einkaufszentren und 31 olympische Sportstätten. Was alt ist, wird dem Erdboden gleichgemacht. Die olympischen Spiele 2008 sollen das perfekteste Sportereignis werden, das die Welt je gesehen hat.
Die Veranstalter wollen den Besuchern Pekings eine heile Welt präsentieren, in der alles stimmt. Das sportliche Ereignis wird organisiert wie eine große Show – die Umerziehung der Einwohner inklusive: Spucken und Rempeln wird unter Strafe gestellt, Schlange stehen öffentlich geübt. Fabriken werden aus der Stadt verlegt, und während der Spiele dürfen 1,5 Millionen Autos nicht fahren.

Diese Maßnahmen sollen dafür sorgen, dass während der Spiele keine dicke Smogdecke über der Stadt hängt, sondern der Himmel blau ist. Pinien und Wacholderbäume werden entlang der Einflugschneise gepflanzt, damit die Anreisenden das Gefühl bekommen, Peking sei eine grüne Stadt.

Leben in Peking heißt zu sehen, welche Macht die kommunistische Partei noch hat, wie geschickt sie es versteht, die Menschen mit ihrer Propaganda zu mobilisieren und alles zu überkleistern, was nicht ans Tageslicht soll. Zum Beispiel die völlig zerstörte Umwelt im gesamten Land, die stinkenden Seen, die giftigen Flüsse. Leben in Peking heißt zu sehen, wie immer noch die Menschenrechte mit Füßen getreten werden: Andersdenkende werden eingeschüchtert, unter Hausarrest gestellt oder verhaftet. Nichts soll die bombastisch inszenierte olympische Show im kommenden Jahr stören. Leben in Peking ein Jahr vor Olympia heißt deshalb vor allem: Leben in einer großartigen Filmkulisse, in einem Potemkinschen Dorf, dessen Fassaden das verbergen, was die Weltöffentlichkeit nicht sehen soll.