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ARD 31.12.2010, 19.15 Uhr
Über die Anden bis ans Ende der Welt
Peru, Bolivien, Chile - 8000 km Motorrad Extrem
Ein Film von Thomas Aders -
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TAG 42 und Schluß
Puerto Williams – Punta Arenas – Santiago
Letzter Eintrag: Flug zurück nach Punta Arenas, wo Lorena zurück bleibt, die unseren gewichtigen Kamerakran verschiffen muss. Der Rest weiter nach Santiago de Chile. Dort löst die Restgruppe sich dann endgültig auf: Chris fliegt über Lima zurück nach Cuzco, Florian über Paris nach Frankfurt und Stuttgart und Thorsten und ich über São Paulo nach Rio.
Feuerland von oben: Rückflug in Richtung Heimat
„Über die Anden bis ans Ende der Welt“ – das Härteste, was wir jemals gemacht haben, aber auch das Spannendste. Die größte Herausforderung, aber auch die größte Freude. Diese Reise war extrem in jeder Beziehung.
31.12.2010, Rio de Janeiro
Thomas Aders, ARD-Korrespondent Südamerika
ARD, 31.12., 19:15-20:00 Uhr
Langfassung an Ostern 2011: 2×45 Minuten bei Phoenix und ein mal 90 Minuten am Stück bei 3sat
Zitate der Beteiligten:
Elkar Paúl Ochoa, 38, Cuzco, Peru, Fahrer Geländewagen:
„Es war eine magische Reise – zusammen mit einer Gruppe von Abenteurern, die stets das Unmögliche versucht hat. Zugleich war es die professionellste Crew, die mir je begegnet ist.“
Ernesto „Che“ Paiva, 37, Cuszco, Peru, Fahrer Geländewagen:
„Für mich persönlich war das Besondere, dass ich zum ersten Mal bis nach Chile gekommen bin. Eine faszinierende Reise; aber ich habe noch nie so viel gearbeitet wie in den letzten Wochen!“
Henry Gomez, 38, Cuzco, Peru, Fahrer Van:
„Nach mittlerweile 15 Jahren als Fahrer muss ich sagen: ich habe noch nie eine Gruppe gehabt, auf die ich so lange warten musste, ständig war noch irgendwas zu drehen; die sind alle durchgeknallt. Ich habe angefangen zu trinken und zu rauchen!“
Eduardo Aguilar, 25, Cuzco, Peru, Mechaniker:
“Es war wahnsinnig hart, fast jeden Tag war irgendwas an den Motorrädern zu reparieren, die Belastungen waren extrem hoch. Aber es hat einen Riesenspaß gemacht.“
Christopher „Chris“ Gallegos, 38, Cuzco, Peru, Motorrad-Profi:
„Es war das größte Abenteuer meines Lebens, verbunden mit dem Privileg, einem deutschen Team als Protagonist und als Experte anzugehören und dadurch die besten Strecken und die schönsten Landschaften zeigen zu können. Ich bedanke mich bei der ARD für diese Möglichkeit, die ich niemals vergessen werde. Ich stehe dem Team zur Verfügung, wann immer ich gefragt werde.
Todo posible – nada seguro.“ [Alles ist möglich – nichts ist sicher]
Axel Lischke, 35, Berlin/Rio, Tontechniker:
„Ein Abenteuer auf den steinigsten und staubigsten Wegen, die ich je erlebt habe, entlang der steilsten Hänge an denen ich je gestanden habe, hinauf auf die höchsten Berge der Anden mit den atemberaubendsten Blicken und durch die wüstesten Täler, die man sich vorstellen kann – im wahrsten Sinne eine Reise der Extreme. Wären da nicht die Kollegen auf die man sich verlassen kann, der Humor, die deftige Herzlichkeit des Teams und nicht zuletzt die aufopferungsvolle Unterstützung unserer peruanischen Fahrer, ich wüsste nicht ob ich diese Tour so durchgestanden hätte. Ein einmaliges Erlebnis!“
Florian Bentele, 31, Stuttgart, Kameramann:
„Für mich persönlich war diese Drehreise durch Peru, Bolivien und Chile die schönste, aufregendste, spannendste – aber mit Abstand auch die anstrengendste, die ich jemals in meinen Reisejahren erlebt habe. Mit Sicherheit auch die gefährlichste! Den größten Dank zur Realisierung unseres Reiseprojekts erhalten unsere Fahrer, José (nur von Lima bis Cuzco), Paúl, Eduardo, Ernesto und Henry. Die es mit uns nicht einfach hatten, aber immer, meist am Limit des Machbaren, uns jeden Wunsch für das beste Bild erfüllt haben. Die Zusammenarbeit des gesamten Drehteams war für mich buchstäblich perfekt. Sensationelle Bilder an sensationellen Orten…”
Thorsten Thielow, 31, Kameramann & Cutter:
„Das war Südamerika Express. Reisen am Limit. Mit Volldampf durchs Paradies. Fahren bis der Arzt kommt, bzw. da krank sein, wo kein Arzt mehr kommt. Schlafen nie länger als bis zum Morgengrauen. Essen – besser nicht drüber sprechen. Die bislang sicherlich körperlich anstrengendste Drehreise während meiner Zeit im ARD-Büro Rio de Janeiro, aber auch die faszinierendste. Es war ein großes Privileg, dabei gewesen zu sein. (Jetzt verstehe ich auch, warum Kameramänner bevorzugt in den Vorruhestand gehen).“
Verena von Schönfeldt, 42, Produzentin Peru:
„Auf Reisen durch spektakuläre Landschaften, wo nicht viele Menschen hinkommen. Beeindruckende Begegnungen mit anderen Kulturen. Ein Privileg unserer Arbeit . Parabéns [herzlichen Glückwunsch] für die beiden Motoriders, sie haben irre Kilometer in atemberaubenden Landschaften und Ländern bewältigt und Parabéns für das Team, das beide begleitet hat. Mit zwei Kameramännern und einem Tonmann wurde dieser ganze Wahnsinn meisterlich eingefangen. Das, was ich bisher sehen konnte, ist ein Bilderfeuerwerk, eine wahre Augenweide die zusammen mit dem Text von Thomas sicherlich diese Wahnsinnstour unvergesslich in Bild und Text und Ton brennen wird.
Viva Latinoamerica, que la fuerza te acompañe.” [Es lebe Lateinamerika, die Kraft möge mit Dir sein.]
Nadia Arze, 31, Produzentin Bolivien:
„Die Reise durch Bolivien war ein Auf und Ab der Gefühle, wie jede Produktion mit der ARD. Jede einzelne Aktion war andersartig und ließ eine volle Zufriedenheit entstehen. Selbst die Dinge, die nicht so rund liefen, waren wahre Vitaminstöße für unsere kollektive Erkenntnis. Für mich war ein wunderschönes Erlebnis, eine ganz neuartige Reise durch meine Heimat und eine verwandelte Perspektive, um Bolivien zu betrachten. Der Titicacasee, der Salar de Uyuni, die Andengipfel – all diese Orte waren faszinierend, und durch eine Kamera noch besser zu sehen. Ich muss zugeben, dass die Nacht in Zelten sehr, sehr kalt war. Trotzdem hat mir diese Erfahrung in der bunt zusammen gewürfelten Gruppe sehr gefallen; sie war wichtig für die erstaunliche Ausgeglichenheit im Team. Auch die Nacht im Licht des Vollmonds auf dem gefrorenen Salzsee war unglaublich, auch wenn die Situation schon sehr verrückt und beklemmend war.“
Lorena Salas, 43, Produzentin Chile:
„An einem Abenteuer dieser Größenordnung teilnehmen zu können, erscheint mir wie ein Privileg. Nicht nur allein wegen der zurückgelegten Strecken, sondern auch wegen der Möglichkeit, sich einer neuen Form des Journalismus anzunähern, die näher an den Personen ist. Das Leben von anderen Menschen zu teilen ist wohl eine der besten Formen, um ihre Kultur zu verstehen und zu verinnerlichen. Die Orte, die wir auf unserer Reise aufgefunden haben sind einzigartig in der Welt; für uns entsteht damit gleichzeitig eine große Verantwortung, diese Orte dem Zuschauer auf die bestmögliche Art und Weise zu präsentieren. Es war eine riesige Herausforderung, die wir nur mit persönlichen Opfern bewältigen konnten, aber ich bin mir sicher, dass das Ergebnis – unser Film – eine Entschädigung für alle diese Anstrengungen sein wird.“
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TAG 41
Puerto Williams, Feuerland
Südlichstes Dorf der Welt: Puerto Williams
Heute passiert drehmäßig nicht mehr viel, außer dass Thorsten und Florian beginnen, die Kameras und das gesamte Equipment wieder einmal gründlich zu säubern, zu putzen, mit Öl einzureiben und von Feuchtigkeitsresten und Staub zu befreien.
Ich habe erfahren, dass hier in diesem 2500-Seelen-Ort die letzte Yámana lebt, das heißt, die letzte Nachfahrin der Ureinwohner Feuerlands. Ein Volksstamm, der im eiskalten, rauen Klima ohne Kleidung auskam, und nur deshalb überleben konnte weil die Yamani einige tausend Kalorien/Tag zu sich nahmen, vor allem durch das schiere Fett von Robben und Seelöwen!
Ein wunderschöner Spaziergang in eine Siedlung vor den Toren des Dörfchens, einige Nachfragen bei den Nachbarn, und dann steht sie auch schon vor mir: Cristina Calderón, 72. Sie ist die letzte, die die Sprache ihrer Ahnen spricht, wenn sie stirbt, wird eine weitere Kultur ausgelöscht sein! Eine nicht gerade herzliche alte Dame, die einen mit kritischem Blick beäugt. Erst als ich eine Stunde mit ihr rede, taut sie auf und freut sich auf meinen nächsten Besuch. Über Señora Calderon und das betrübliche Schicksal ihres Volkes würde ich gerne im nächsten Jahr einen Weltspiegel anbieten, mal schauen, ob sich die Damen und Herren Redakteure für die Geschichte genau so begeistern wie ich!
Die letzte Yámana: Cristina Calderón vor Beagle-Kanal
Der Rest des Tages vergeht mit Poker-Spielen in der einzigen Gaststätte, in der man rauchen darf und es Bier gibt. Florian und Thorsten gewinnen, und triumphieren, ich zahle die Zeche. Ein genialer Abschluss einer genialen Reise.
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TAG 40
Yendegaia, Feuerland
Der letzte halbe Tag auf Yendegaia, wir beobachten José bei seiner absoluten Spezialität: dem Zähmen der frisch gefangenen Wildpferde.
Gepäcktransport mit 1 PS: Vor der Verabschiedung von José und Annemie
Schließlich kommt ein kleiner Fischkutter am frühen Nachmittag und holt uns ab, mit Karina I geht’s jetzt so langsam nach Hause. Wir verabschieden und von den beiden Zweisiedlern und brechen auf nach Puerto Williams, dem südlichsten Dorf der Welt.
Rückreise nach Puerto Williams – Thorsten, Flo und Chris
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TAG 39
Yendegaia, Feuerland
Vegetation in Yendegaia I
Vegetation in Yendegaia II
Vegetation in Yendegaia III
Heute steht der Höhepunkt auf unserem Programm: das Fangen von Wildpferden. Biber, Wildkühe und Criollas, diese kraftvollen, abgehärteten, ästhetischen Tiere, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark vermehrt, dass das natürliche Gleichgewicht auf Yendegaia gestört ist. Ein reicher amerikanischer Tierschützer hat Yendegaia vor 12 Jahren gekauft und will mit Hilfe von José ein Naturreservat daraus machen. Folglich lautet Josés Job: der Überpopulation Herr zu werden. Biber werden geschlachtet. Wildkühe und –pferde werden gefangen und an andere Farmen verkauft.
Höhepunkt heißt für Thorsten, Florian, Lorena und mich: besondere Sorgfalt, besondere Aufregung. Wenn José nur eine Kuh fängt, sieht das im Film dann natürlich recht jämmerlich aus, also drücken wir ihm und seiner Freundin Annemie heute ganz besonders die Daumen.
Ich bin noch weniger Reitprofi als ich Motorradprofi bin, und meine Vorstellung, dass ich ein wenig mittreiben könnte, wird von den beiden belächelt: „Diese Pferde sind selbst noch fast Wildpferde, und wenn sie jagen, dann geht’s ab! Du kannst richtig gut reiten oder nicht. Deine Entscheidung!“ Also passe ich, und beobachte das Spektakel (oder den Flop) von einer Anhöhe neben Florian aus.
Nach der Jagd: 16 Wildpferde in Josés Koppel
Der Plan ist, dass José und Annemie (zusammen mit drei Krabbenfischern, die ihnen heute dankenswerterweise beim Treiben helfen) die Pferde umkreisen, zusammentreiben und dann in Richtung Koppel treiben. Unsere beiden Kameras sind strategisch gut platziert, und dann warten wir. Plötzlich geht ein dumpfes Grollen durch das Tal, und tatsächlich: 16 Criollas galoppieren auf uns zu, und kurze Zeit später direkt an unseren Kameras vorbei. Unglaublich! Jetzt wissen wir, auch dieser extrem wichtige Dreh hat geklappt, und unser Film ist – wider Erwarten – rund. Unsere Erleichterung ist körperlich zu spüren.
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TAG 38
Yendegaia, Feuerland
Zweiter Tag in Feuerland, Ausritt zu einem der beiden Gletscher auf der Estancia. Grandiose Bilder, unglaubliche Diskussionen mit José und Annemie zu Pferd, ich pfeife mir vor Freude ins Hemd. Ein Blick zurück auf Thorsten und vor allem Florian, wo von Euphorie rein gar nichts zu spüren ist. „Go Flo“ hat ein kritisches Verhältnis zu Pferden, schon immer. Und nun gibt es keine Ausrede mehr, denn seine zweite Kamera ist mächtig wichtig, also muss er mit.
Ausritt am Ende der Welt – Feuerland zu Pferde
Nach beinahe drei Stunden dann der Showdown, direkt vor meinen Augen: Comanche tritt in ein winziges Erdloch, scheut, gerät in Panik, bäumt sich au und Florian fällt wie ein nasser Sack auf den feuchten Boden. Nur ein paar Steinwürfe entfernt, und wir wären wieder einmal in einem Steinfeld gewesen, mit Millionen von Findlingen von der Größe einer Melone bis zu einem Kühlschrank. Wenn der Sturz dort passiert wäre, nicht auszudenken. Jedenfalls: Das war knapp!
Genau so sieht es auch Flo, der lauthals vor sich hinflucht und von Stunde zu Stunde mehr Aggressionen gegen Comanche und seine Lebenssituation aufbaut. Irgendwann steigt er unter lautem Protest ab, und will laufen. Das ganze Stück zurück. Das geht auch gut bis zum nächsten Fluss, wo er wieder aufsteigt…
Irgendwann der Aufstieg zu einer steinernen Aussichtsplattform. Vor uns liegt der Gletscher Estopani, eine Augenweide. Hitzeflimmern über dem weißblauen, ewigen Eis, das laut José nicht mehr ewig ist: Jedes Jahr schmilzt der Gletscher um einige Dutzend Meter. Die Auswirkungen der menschlichen Unvernunft sind auch im Paradies zu spüren.
Schmelzendes Eis im Paradies: der Gletscher Estopani
Letztes Interview des Tages: José – der hier bereits seit 12 Jahren lebt, und eher nicht so der wortgewaltige Typ ist – kommt geradezu ins Schwärmen, als ich ihn nach seiner Liebe zur Natur frage. Es fehle ihm hier an gar nichts, er habe köstliches Fleisch von wilden Kühen, frischen Fisch, herrliche Königskrabben. „Es gibt alles hier, und du kannst alles machen!“ Besser kann man Freiheit nicht definieren. Es ist ein beinhartes Leben, die Winter sind ein halbes Jahr lang, und praktisch kein Mensch kommt vorbei. Jeden Tag muss hart gearbeitet werden, gejagt, gefischt, Brennholz geschlagen, Biber getötet u.s.w. Aber José scheint richtiggehend glücklich zu sein. Speziell nachdem die Weltumseglerin und Kapitänin Annemie aus dem belgischen Antwerpen vor vier Jahren bei schlechtem Wetter in seiner Bucht ankerte und die beiden Einsiedler sich zusammengetan haben.
„Ich könnte niemals in einer Stadt leben!“ – Interview mit José.
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TAG 37
Yendegaia, Feuerland
Die Bucht, in der wir in der Nacht an Land gegangen sind, heißt Bahia Yendegaia, und die Farm, auf der wir die letzten Tage unserer Reise verbringen werden, trägt den Namen Estancia Yendegaia. Wer aber nun glaubt, diese Farm sei mit einem westfälischen Bauernhof zu vergleichen, liegt grob daneben: Es sind 40.000 Hektar, 200 mal 200 Kilometer, und man braucht mit dem Pferd fünf Tage, um das Landgut zu durchqueren. In Patagonien im Allgemeinen und in Feuerland im Besonderen ist alles größer, als man es sich vorstellen kann. Außer der Bevölkerungsdichte: Im Großraum São Paulo wohnen 20 Millionen Menschen. Auf unserer Farm, obwohl sie mehr als doppelt so groß ist, zwei: José und Annemie.
Naturbursche mit Kippe: José
Feurige Flämin in Feuerland: Annemie mit Lieblingspferd
Nach der Begrüßung weist uns der Naturbursche in seine feuerländischen Haushaltspflichten ein: Er häutet einen Biber. Die Viecher – so sagt er – sind eine einzige Plage, vermehren sich ohne Unterlass und bauen einen Staudamm nach dem anderen. Sein Fluss liegt dann trocken, und das will der 38-jährige sich nicht bieten lassen. Deshalb: Nur ein toter Biber ist ein guter Biber in Feuerland, wir sind offenbar eine ganze Menge Kilometer von Europa entfernt.
Haut wird gegerbt, Fleisch wird an die Hunde verfüttert: José und Biber
Erster Ausritt am Nachmittag, alle zu Pferd. Witzig ist, dass Thorstens Töle „Sobado“ grundsätzlich nicht so will wie er, und stets nach rechts abbiegt, wahlweise auch mal nach links. Nicht so witzig, dass wir einen so tiefen Fluss durchqueren, dessen eiskaltes Gletscherwasser in Chris‘ und meine Motorradstiefel schwappt, und wir den Rest des Tages triefende Füße haben. Diese Tatsache gibt Chris den Rest, und er bleibt seit diesem Ereignis mit roter Nase und schmerzender Brust im Bett.
Abends gibt es frisch gefangene Lachsforellen und einen Riesentopf voller Königskrabben, die hier in der Nähe des Beagle-Kanals von Bein zu Bein einen Durchmesser von über einem Meter erreichen. Ein Eiweißschock ungeahnten Ausmaßes, und zugleich eines der köstlichsten Geburtstagsessen meines Lebens!
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TAG 36
An Bord der „Bahia Azul“ nach Yendegaia, Feuerland
Fähre kleiner – Eindruck größer: für’n Appel und’n Ei durch die Magellanstraße
Nochmal 40 Stunden, zuerst geht es südwestlich, größtenteils durch die Magellanstraße. Die „Bahia Azul“ ist ein reines Frachtschiff. Die wenigen Kabinen gehören den Bootsleuten, für die Passagiere ist ein busartiger Raum mit blauen Sitzbänken vorgesehen. Instantkaffee at its best: neue, braune Aufreiß- Tütchen nur zu bestimmten Tageszeiten. Torti schafft es irgendwie, dem Maat zwei Kojen aus den Rippen zu schneiden, und überlässt sie Flo (dessen Erschöpfungsgrad nicht mehr in Worte zu fassen ist) und mir (der ich mehrfach in der Vergangenheit mit der bescheidensten Unterkunft Vorlieb genommen hatte). Gegen neun Uhr mache ich mich vom Acker und schlafe – sage und schreibe – bis zum nächsten Tag um elf. 14 Stunden, das habe ich seit meinen Kindheitstagen nicht mehr geschafft!
Der Kapitän nimmt, als es anfängt, mächtig wellig zu werden, zur Sicherheit einen Umweg. Vorteil: Ruhe im engen Kanal. Nachteil: eine weitere Verzögerung von geschätzten zwei bis drei Stunden. Also werden wir die Insel Yendegaia doch nicht mehr, wie geplant, im Tageslicht erreichen, sondern erst gegen Mitternacht. Egal, finden wir, und beginnen in der Messe (Schichtessen) ein Pokerspiel mit drei Australiern und einem Franzosen. Da wir keine Spielchips haben, nehmen wir Teebeutel, und am Ende könnte unser europäischer Nachbar eine Teeparty ausrichten, mit seinem unverschämten Glück.
Letztes Tageslicht über Feuerland – auf der Fähre „Bahia Azul“
Längst sind wir in Richtung Süden abgebogen, durch ein unvorstellbares Geflecht von winzigen und winzigsten Inseln, aus denen das chilenische Patagonien besteht. Dann Richtung Nordost, dann Richtung Nord, dann wieder Richtung Nordwest: wir biegen in den Beagle-Kanal ein. Kurz nach Mitternacht erreichen wir die Estancia Yendegaia, in Windeseile haben wir unser geschrumpftes Equipment ausgeladen. Am Ufer warten José und Annemie auf uns, mit ihnen wollen wir den letzten Teil unseres Abenteuers Südamerika erleben.
Nächtliches Ausladen am „Hafen“ der Estancia Yendegaia
Aus unseren Reserven nehme ich zwei Tetrapacks Rotwein mit, 800 Meter vom „Hafen“ entfernt, im Wohnhaus der beiden. Heute ist mein Geburtstag.
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TAG 35
Punta Arenas – Lastschiff nach Yendegaia, Feuerland
Gipfel jenseits der Magellanstraße: Feuerland vom Feinsten
Phantastisch, dieser Tag! Von Anfang an trübt keine Wolke den Himmel über Patagonien, die Magellanstraße vor der Haustüre glitzert wie ein Weihnachtsbaum, die beiden Motorräder gehen ab wie Harry, Thorsten und Florian sind Feuer und Flamme für Feuerland (das man auf der anderen Seite der Magellanstraße sehen kann), und die Bilder sollten großartig sein, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Besonders begeistert ist Thorsten von einer leichten Rechtskurve, genau dahinter verwandelt die Sonne das Wasser in eine gleißende Fläche. Und der Asphalt ist schon um zehn Uhr morgens so aufgewärmt, dass die Luft darüber flimmert.
Eigentlich wollte „Torti“ diese Aufnahme mit unserer geliehenen 500-mm-Spezialoptik drehen, mit der man „den Mond bildfüllend bekommt“, doch auch dieses Zubehörteil ist physisch am Ende: der Verdoppler lässt sich nicht mehr ausschalten, durch den Transport auf Ruckelpisten hat sich in dem Gehäuse irgendetwas verzogen.
Daran zeigt sich – zum letzten Mal auf unserer Reise -, dass es sich wirklich um eine Extremreise handelt: Unser Equipment ist schwer angeschlagen, und wir gehen ebenfalls am Stock. Lungenentzündungen, Höhenkrankheit, Schüttelfrost, Grippe, allgemeine Erschöpfung, chronischer Schlafmangel und Muskelkater, Krämpfe, Dehydrierung u.s.w. Eigentlich ein Unding, unser Unterfangen: 8000 Kilometer in sechs Wochen, und dabei mehr als zehn Geschichten drehen. Stets gibt es einen Konflikt, der nicht zu lösen ist: weiterfahren oder die Kamera auspacken. Beides muss sein, also kommt es auf ein fast stündliches Austarieren an: ok, diese Szene noch, aber dann bis XY nichts mehr!
An der Magellanstraße: Routendiskussion am Militärfort
Genau so geht es uns auch heute: Wir halten noch an einem historischen Fort an, wo Chris und ich uns über die Karten beugen und über die allerletzte Reiseetappe reden wollen. Dann ist es aber schon nach 15.00 Uhr, und um 17.00 Uhr müssen wir bereits an der Fähre sein. Und die Fahrt hierher, an den letzten Punkt, an dem es eine Straße gibt, hat uns (mit Drehs) vier Stunden gekostet. Also: mit Volldampf zurück, wir dürfen dieses Schiff auf keinen Fall verpassen!
Natürlich müssen wir in der kleinen Pension noch umladen, und natürlich ist Producerin Lorena supersauer, weil es bei unserem Aufbruch in Richtung Hafen noch nicht klar ist, dass die Fähre auf uns wartet. Hätte sie übrigens auch nicht getan, aber die Dinge verzögern sich. Endlich profitieren wir einmal davon. Die beiden Motorräder bleiben hinter uns zurück, die „Bahia Azul“ sticht in See. Geschafft!
Letzte Fähre, letzter Dreh: Lastschiff in Richtung Süden
Durch die Magellanstraße in Richtung Süden
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TAG 34
Puerto Natales – Punta Arenas, Chile
ARD-Equipment und unsere Fähre: Ankunft in Puerto Natales
Wir erreichen Puerto Natales am Morgen, seit Puerto Montt haben wir 798 Seemeilen oder 1433 Kilometer zurückgelegt. Zu den 8000 Kilometer mit dem Motorrad kommen die insgesamt 2000, die wir auf Schiffen zurücklegen werden.
Wir verabschieden uns von der Besatzung, von Kapitän Flores, mit dem wir natürlich ein Interview gemacht und von unseren Preview-Gästen, mit denen wir über die Tage recht viel Zeit verbracht haben, darunter Dieter und Anja aus Engelskirchen. Dieter und ich zum Beispiel hatten unsere Fähre unisono als „raucherfeindliche Zone“ bezeichnet: drinnen absolutes Rauchverbot, und draußen auf Deck windig und rattenkalt. „Eigentlich kann man so nicht arbeiten!“- Außerdem haben Dieter und Anja in Engelskirchen Nachbarn, die Jahr für Jahr Briefe ans Christkind beantworten. Hammer, oder? Darüber müsste man mal’n Film machen!
An Land warten unsere neuen Motorräder auf uns, BMW’s dieses Mal, mit ganz erheblich mehr PS unter der Sitzbank. Man muss verflucht aufpassen, das Gas nicht zu schnell hochzudrehen, sonst fährt das Ding ohne einen weiter! Wir alle sind jedenfalls froh, dass das „Nichtstun“ ein Ende hat, und dass es jetzt wieder voran geht. Chris und ich brettern also los, Thorsten mit einem Mietwagen und dem Drehequipment hinterher (Lorena und Florian müssen noch auf das restliche Gepäck vom Schiff warten). Wir drehen: Eine Einstellung hier, ein Schwenk dort – lustlos, unmotiviert, fahrig. Der Grund: wir sind in einem der unansehnlichsten Teile Patagoniens gestrandet, flach wie ´ne Flunder, grau in braun, nicht mal die Sonne kommt raus, um das Trauerspiel von Landschaft aufzuheitern. Dazu kommt, dass die Tankanzeigen unserer Motorräder spinnen, mal voll soll der Tank sein, dann leer, dann wieder halb voll, u.s.w. Jedenfalls wollen wir diese 300-Kilo-Monster nicht durch halb Chile schieben müssen, und machen uns so unsere Gedanken… Thorsten fährt mit seinem PKW vor und holt Benzin von irgendwoher, und wir wollen warten. Da stehen Chris und ich also am Straßenrand, frieren uns ´nen Ast, und beschließen, dass wir doch losfahren. Langsam, um Sprit zu sparen. Mit 60 im sechsten Gang, doch das macht auch keinen Sinn: Der Motor läuft untertourig und hört sich an wie eine Waschmaschine im Schonwaschgang. Also runter in den fünften Gang. Die Drehzahl erhöht sich erheblich, und damit der Verbrauch. Also hoch in den sechsten, und auf 80 km/h gehen. 90 ist eigentlich besser, ach, und dann ist man ja auch schnell bei 100, was wir eh und je fahren. Als wir Thorsten begegnen, der mit Karacho angeschossen kommt, ist er gerade von der Tankstelle gestartet. Er schüttelt den Kopf über uns, und hat Recht damit.
Als wir uns Punta Arenas nähern, wird alles gut: Schiffe, Strände, Sonnenschein… Morgen soll unser letzter Drehtag mit Motorrädern sein, wir freuen uns darauf wie die Spechte!
Ein gutes Baujahr – „Bodenseemafia“ an der Magellanstraße
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