Hans J. Markowitsch

Hans J. Markowitsch ist Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld. Er studierte Psychologie und Biologie an der Universität Konstanz, hatte Professuren für Biopsychologie und Physiologische Psychologie an den Universitäten von Konstanz, Bochum und Bielefeld inne und erhielt Rufe auf Professuren für Psychologie und Neurowissenschaften an australische und kanadische Universitäten. Seine Forschungsgebiete sind in den Bereichen von Gedächtnis und Gedächtnisstörungen, sowie Wechselwirkungen zwischen Gedächtnis und Emotion. Er ist Autor oder Herausgeber von einem Dutzend Büchern und mehr als 380 Buch- und Zeitschriftenartikeln.

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Antworten von Hans J. Markowitsch

Welchen Vorteil bietet das Vergessen? (27.07.2009)

Man kann fast sagen, dass wir ohne Vergessen auch nicht existieren könnten, denn wir wissen aufgrund von Forschungsergebnissen, dass wir sehr, sehr viel aufnehmen und das meiste davon unbewusst. Manche Leute sagen sogar, dass 95 Prozent dessen, was in unser Gehirn kommt, unbewusst dorthin gelangt. Es hat trotzdem eine gewisse Bedeutung, wenn wir das später in der Form noch einmal erleben, sehen oder hören. Denn dann wird das auf Hirnebene schneller aktiviert und kann besser verarbeitet werden. Antwort zu "Welchen Vorteil bietet das Vergessen?" lesen »

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Gibt es Menschen, die keine Gesichter speichern und erinnern können? (27.07.2009)

Es gibt, was wir Gedächtnisdefizite nennen, im Fachausdruck modalitäts- oder materialspezifische Gedächtnisdefizite. Dort kann selektiv etwas wirklich nicht erinnert werden wie zum Beispiel Gesichter oder Farben. ... Aber ein Gesicht ist von seinen Merkmalen nicht so distinkt beschreibbar. ... Jedes Gesicht hat Augen, Nase, Mund etc., das ist alles gleich. Und es ist nicht so, dass man ein Merkmal hat, das wie beim Matterhorn die besondere Spitze ist oder beim Eiffelturm. Da weiß man, dass sich unten die Parkanlage befindet und dann etwas sehr weit uns sehr spitz in den Himmel ragt. Antwort zu "Gibt es Menschen, die keine Gesichter speichern und erinnern können?" lesen »

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Wie kann ich feststellen, ob ich ein schlechtes Gedächtnis habe? (27.07.2009)

Die sicherste Möglichkeit ist, eine Gedächtnisambulanz aufzusuchen. Das heißt also, zu Fachleuten zu gehen, die einen ein paar Stunden im Hinblick auf das Gedächtnis „auf Herz und Nieren“ durchtesten. Da wird dann alles Mögliche gemacht, also verbales Gedächtnis, nichtverbales Gedächtnis, Kurzzeitgedächtnis, Langzeitgedächtnis, Merkfähigkeit, Abruffähigkeit – all diese Geschichten. Da gibt es Testverfahren, die altersbezogene Normwerte haben und Auskunft darüber geben, was zum Beispiel eine 40-jährige Person im Schnitt sich noch merken können muss bzw. was sie im Normalfall noch erinnern würde. Antwort zu "Wie kann ich feststellen, ob ich ein schlechtes Gedächtnis habe?" lesen »

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Wer oder was ist der Träger unseres Gedächtnisses? (27.07.2009)

Zunächst ganz trivial: Natürlich ist das Gehirn das Organ, denn ohne Gehirn hätten wir keine Erinnerungen. Aber man muss hier selbstverständlich differenzierter antworten. Dabei geht man gerne zu Analogien: Bei den alten Griechen war es die Wachstafel, in die etwas eingeritzt wird, was dann erhalten bleibt. Da haben wir in der Gehirnforschung das Stichwort Engramm, dass wir sagen, etwas wird quasi auch auf Hirnebene eingeritzt. Wir haben das auch bei künstlicher Intelligenz, zum Beispiel bei einer Tonbandspur. Was auf Hirnebene dabei vermutlich passiert ist, dass Nervenzellen aktiviert werden. Und zwar nicht nur an einem bestimmten einzelnen Ort, sondern relativ weit verzweigt. [...] Antwort zu "Wer oder was ist der Träger unseres Gedächtnisses?" lesen »

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Welche Rolle spielen Gefühle beim Erinnern? (27.07.2009)

Die Emotionen sind ganz zentral, insbesondere für unser biografisches Erinnern. Wir merken uns, was uns interessiert, was uns zu Herzen geht, an die Nieren geht, auf den Magen schlägt. Dinge also, die unsere Emotionen in einer positiven oder negativen Weise erregen. Wir sagen, dass gerade die autobiografischen Erinnerungen auf Hirnebene es notwenig machen, dass Regionen, die für Fakten zuständig sind, synchron aktiviert werden mit anderen Regionen, die für die Emotionen wichtig sind. Und nur wenn beides zusammenpasst – wenn also das, was ich als Fakt erinnere mit der Erinnerung zusammenpasst, wie ich mich damals gefühlt habe – gelingt es sehr gut, die damaligen Erlebnisse zu reaktivieren. [....] Antwort zu "Welche Rolle spielen Gefühle beim Erinnern?" lesen »

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Kann man sich im Alter Texte schlechter merken? (24.07.2009)

Es ist ganz natürlich, dass man im Alter nicht mehr in gleicher Weise in der Lage ist wie früher, sich zum Beispiel Texte zu merken. Das sehen wir bei Kindern und Jugendlichen heute in der Schule vielleicht nicht mehr ganz so stark wie früher, wo man ja oftmals lange Gedichte auswendig lernen musste. Kindern gelingt das relativ leicht und spielerisch. Und wenn man das auch als junger Erwachsener weiterhin trainiert, bleibt diese Fähigkeit für eine gewisse Zeit bestehen. [...] Antwort zu "Kann man sich im Alter Texte schlechter merken?" lesen »

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Ein gutes Gedächtnis im Alter – kann es daran liegen, dass man nie einen Fernseher besessen hat? (24.07.2009)

Wenn Sie es nicht gewohnt sind, Fernsehen als Medium zu benutzen heißt das, dass Sie vor allem auf das Visuelle verzichten, also alles, was mit "sehen" zu tun hat. Stattdessen konzentrieren Sie sich auf Gehörtes oder Dinge, die Sie vielleicht in Büchern lesen und dort wahrnehmen. Dort ist die Umwelt aber relativ begrenzt, das heißt auf die Wörter beschränkt, die man abliest. Daher ist man konzentrierter auf das, was man aufnimmt. Und auf Hirnebene können die Kanäle für die Informationsverarbeitung dann besser synchronisiert werden auf das eher "eingeschränkte" Medium. [...] Antwort zu "Ein gutes Gedächtnis im Alter – kann es daran liegen, dass man nie einen Fernseher besessen hat?" lesen »

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Ich kann mich nur an auffallend wenige Ereignisse aus der Kindheit erinnern. Woher kann das kommen? (24.07.2009)

Wir sagen zwar, dass alle Menschen mehr oder minder unter frühkindlicher Amnesie leiden, das heißt, dass man von den ersten drei, vier Lebensjahren keinerlei bewusste Erinnerungen hat. Denn zu diesem Zeitpunkt ist die Gehirnentwicklung noch nicht so weit, die Sprachentwicklung ist noch nicht abgeschlossen und man denkt und verarbeitet als Kind ganz anders als es Erwachsene tun. Wir sprechen da vom zustandsabhängigen Erinnern. Der Zustand, den man als Erwachsener hat, unterscheidet sich sehr massiv von dem Zustand als Kind. [...] Antwort zu "Ich kann mich nur an auffallend wenige Ereignisse aus der Kindheit erinnern. Woher kann das kommen?" lesen »

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Was bewirkt, dass wir uns etwas merken? Wie können Lehrer und Erzieher Kinder dabei unterstützen? (23.07.2009)

Die einfachste Antwort: Man merkt sich, was einen interessiert, was einem persönlich nahe geht, was die Sinne anspricht. Wenn einem Dinge bereits bekannt vorkommen ist die Wahrscheinlichkeit ebenfalls höher, dass man sie sich merken. Denn dort sprechen wir von einer Assoziationsbildung. Das heißt, man bekommt im Kopf eine Art Aha-Erlebnis: „Das ist so ähnlich wie damals“ oder „so ähnlich wie schon einmal“. Wenn dann die entsprechende Neuigkeit auch noch von Interesse ist, einen also persönlich anspricht oder die Neugier weckt, kommt es zu einer Aktivierung von Gehirnregionen, die mit Emotionen zu tun haben, sich also darauf spezialisiert haben, die Dinge näher zu analysieren. Und mit dem näheren Analysieren geht einher, dass die sich besser im Gehirn verankern, dass man sich diese Dinge besser langfristig merken kann. [...] Antwort zu "Was bewirkt, dass wir uns etwas merken? Wie können Lehrer und Erzieher Kinder dabei unterstützen?" lesen »

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