Bedroht das Artensterben die Zukunft unseres Planeten?

von Josef H. Reichholf am 21.11.2008, Kommentar hinzufügen

Das ist eine Frage der zeitlichen Dimension. Wenn wir es in evolutionären Zeiträumen, also in Jahrhunderttausenden oder in Millionen von Jahren betrachten, dann ist das, was gegenwärtig abläuft, auch nicht bedrohlicher als der Einschlag eines Riesenmeteoriten und ähnlicher Naturkatastrophen der Erdgeschichte. Wenn wir aber das gegenwärtige Tempo des Verschwindens von Arten betrachten, dann ist es weit höher – also müssen wir annehmen, dass es weit höher ist – weil es vor allen Dingen die kleinen, die unbekannten Arten betrifft, als das jemals in der Vergangenheit der Fall war. Und da wir nicht wissen, in welchem Umfang in zehn, fünfzig oder hundert Jahren der Artenbestand der Erde tatsächlich geschrumpft sein wird, wenn die Verluste so weitergehen wie bisher, wird von vielen das Artensterben als ganz besondere Bedrohung für die Zukunft der Erde empfunden.
Ich persönlich bin nicht ganz so skeptisch. Wir haben in Europa vorgeführt, dass es sehr wohl möglich ist, den Artenbestand zu halten, auch in einer sehr stark veränderten Kulturlandschaft. Das wird uns auch weltweit gelingen, wenn die entsprechenden politischen Umsetzungsmöglichkeiten vorhanden sind. Die Probleme sind ja nicht die wachsenden Bevölkerungen in den Entwicklungsländern, sondern das ist unser ausbeuterisches Verhalten den Naturschätzen gegenüber, vor allem in der Tropen- und Subtropenwelt.

Wenn unser Stallvieh weiterhin, wie gegenwärtig, in großem Umfang tropische Regenwälder frisst, weil diese vernichtet werden müssen, um Soja anzubauen, damit das Stallvieh bei uns mit Fremdfuttermitteln ernährt werden kann, dann ist darin die eigentliche Katastrophe verborgen, und nicht, weil sich in irgendwelchen Tropenländern die Menschen nach wie vor zu stark vermehren.

Können Sie eine ungefähre Zahl nennen wie im Moment die Rate des Aussterbens ist, wie viele Arten im Moment aussterben?

Die Schätzungen bewegen sich von einigen hundert bis einigen tausend Arten, die pro Jahr aussterben. Das Problem ist dabei, dass wir den Gesamtbestand des Artenbestandes der Erde nicht kennen und deswegen die Hochrechnungen davon abhängen, wie viele Arten man zugrunde legt. Wir kennen derzeit ungefähr zwei Millionen Arten von Tieren und Pflanzen, die wissenschaftlich beschrieben sind. Es gibt aller Wahrscheinlichkeit nach mindestens zehn Millionen, aber vielleicht fünfzig oder hundert Millionen. Und je nachdem, welche Zahlen man zugrunde legt, sind die Flächenverluste an Natur, die artenreich sind, in ihrer Auswirkung natürlich ganz unterschiedlich – von wenigen Arten, die pro Jahr verloren gehen, bis zu tausenden oder zehntausenden.

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Beantwortet von Josef H. Reichholf am 21.11.2008 in Ökologie, Stichworte: , , .

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