Kann man ohne Sprache denken?

von Gabor Paal am 08.10.2009, 3 Kommentare

Es ist wohl keine Frage, ob, sondern was man ohne Sprache denken kann. Wenn wir in der Menschheitsgeschichte zurückgehen, dann hat sich Sprache, wie wir sie heute kennen, frühestens vor etwa 200.000 Jahren entwickelt, also als unsere direkten Vorfahren noch alle in Afrika waren und in Europa aber schon die frühen Neandertaler unterwegs waren. Doch schon Millionen Jahre vorher haben die Urmenschen Werkzeuge benutzt, die sie auch selber hergestellt haben, allen voran natürlich die Faustkeile, und so ein Faustkeile, da muss man schon ein bisschen was denken, um den herzustellen. Und die frühen Menschen haben auch schon in Gruppen Tiere gejagt, auch dabei mussten sie ein bisschen systematisch vorgehen, das erfordert auch Denken.

Man kann sich der Frage aber auch nähern, wenn man sich statt der frühen Menschheit die frühe Kindheit ansieht: Wir alle würden vermutlich einem kleinen Baby, auch wenn es erst ein paar Monate alt ist und nicht sprechen kann, zubilligen, dass es irgendetwas denkt; dass irgendetwas in seinem Kopf vorgeht. Die Frage ist eben: Was?
Wenn wir uns dann selber betrachten, was denken wir denn so den lieben langen Tag lang? Dann werden wir ehrlicherweise auch sagen, wir denken viel in Bildern und Vorstellungen, die eigentlich keine Sprache benötigen. Wenn Sie an Ihren Urlaub zurückdenken, werden Sie das nicht in Worten tun, sondern in Bildern. Und dann gibt es manche komplizierten Gedanken, da taugt die Sprache herzlich wenig. Das wird schnell klar, wenn Sie sich vorstellen, Sie müssten jemandem nur mit Worten erklären, wie man einen Schnürsenkel bindet oder wie man auf dem Fahrrad das Gleichgewicht hält. Solche Dinge erfordern Grips, aber nicht unbedingt Sprache.

Andererseits gibt es natürlich bestimmte Formen des Denkens, bestimmte kognitive Leistungen, die ganz klar an Sprache gebunden sind. Das ist erst mal alles Abstrakte, alles, was man eben nicht in Bildern denken kann, und damit natürlich auch ein großer Teil von wissenschaftlichem Denken. Also: Wir können davon ausgehen, dass kleine Kinder auch ohne Sprache so eine Art intuitive Physik haben, sie wissen und lernen zu verstehen, dass ein Schnuller, den man loslässt, auf den Boden fällt. Dazu brauchen sie erst mal keine Sprache. Sprache ist aber nötig, um sich aus diesem oder ähnlichen Vorgängen eine Gravitationskraft oder gar noch was Komplizierteres wie einen Energieerhaltungssatz abzuleiten. Denn so Wörter wie Kraft und Energie sind hochabstrakte Begriffe. Abstrakt heißt dabei, wir stellen Analogien her, und da hilft uns die Sprache ganz wesentlich, in dem sie uns die Möglichkeit gibt, z.T. ganz unterschiedliche Phänomene wie heißes Wasser oder die Bewegung von Körpern – mit den gleichen Begriffen zu beschreiben – in dem Fall „Energie“ – und auf diese Weise Beziehungen zwischen Dingen herzustellen, die wir sonst nie in Verbindung bringen würden. Das ist die hohe Form der Abstraktion.

Man kann aber auch viel einfacher bei der ganz elementaren Logik ansetzen. Schließen Sie mal die Augen und stellen Sie sich folgenden Satz vor Ihrem geistigen Auge vor: „Ich fahre heute nicht mit dem Auto zur Arbeit.“ Was sehen sie vor ihren Augen? Vermutlich sich selbst, wie Sie mit dem Auto zur Arbeit fahren. Wir können uns einen Sachverhalt bildlich vorstellen, aber wir können uns nicht die Verneinung eines Sachverhalts vorstellen. D.h. um so einen einfachen logischen Vorgang wie Negation „denken“ zu können, scheinen wir die Sprache dann doch zu gebrauchen.

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Beantwortet von Gabor Paal am 08.10.2009 in Frag den Paal !, Hirnforschung, Stichworte: , , , , .

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Kommentare zu „Kann man ohne Sprache denken?“

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Weiss Brigitte schreibt am 09.10.2009

Es gibt eine Menge Dinge, über die man ohne Worte nachdenkt. Z. B., wenn man Einkäufe plant. Damit man nichts vergißt, sollte man sich eine Einkaufsliste machen. Ich stelle mir dann das Geschäft vor, in das ich gehen möchte, und wandere im Geiste durch die Gänge, stelle mir die Regale vor, und sehe dann, was ich haben möchte, und schreibe es mir dann auf. Das hilft, wenn man einen Großeinkauf machen möchte, um die Reserven aufzufüllen.
Wenn man umzieht, dann stellt man sich die neuen Räumlichkeiten vor, und wie man sie dekorieren will. Da sind Bilder, Farben, Formen, dazu braucht man keine Worte, sonder Phantasie.
Dann sind die Erinnerungen – das sind unauslöschliche Bilder, angenehme, oder unangenehme. Alles ohne Worte. Dabei können aber auch Worte eine Rolle spielen, nämlich Gespräche,die man mit jemandem hatte, und das alles mit den Bildern gepaart. Wie im Kino!
Manchmal möchte man jemandem schreiben, und vielleicht einen Ort beschreiben, den man besichtigt hat. Dazu gehört das geistige Bild, und dann sucht man die Worte dazu… Das ist bestimmt keine vollständige Liste. Auch glaube ich, dass es individuelle ganz unterschiedlich sein kann!

Norbert Mayer-Wittmann schreibt am 16.10.2009

Kommt wohl aber auch darauf an, was man als „Sprache“ anerkennt. Selbst genetische Information ist gewissermassen in einer „Sprache“ geschrieben, ganz von Gesichtszügen, Mimik, Geruch, und vieles mehr auch.

Noam Chomsky — so viel ich weis — betrachtet „Tiefensprache“ als vererbtes, zur Natur des Menschen gehöriges. Also etwa der Begriff Handlung [Verb] ist uns angeboren, und vermutlich schon seit viel länger vorhanden als diese Schriftzeihen, mit dem ich diese Meldung mitteile.

🙂 nmw

Doz. Dr. Stefan Weber schreibt am 18.10.2016

Lieber Herr Paal!
Ich habe Ihre interessanten Ausführungen gelesen. Wenn’s nur so einfach wäre…
Folgender Gedanke:
Kann man ohne Sprache denken? Das Ob stellen Sie nicht in Frage, nur das Was.
Aber: Können Sie ohne Sprache denken, dass Sie ohne Sprache denken können? Die Frage, ob man ohne Sprache denken kann, setzt Sprache voraus: Jemand, der ohne Sprache denkt, kann wiederum das nicht ohne Sprache denken.
Der Satz „Ich denke ohne Sprache“ ist nicht Teil der Objektsprache, wie bislang angenommen, sondern Teil der Metasprache. Das heißt aber: Jedes Denken eines Denkens ohne Sprache ist nur *in* Sprache und *nach* dem Spracherwerb möglich.
Folgt daraus, dass Urmenschen nicht gedacht haben und Kleinkinder (noch) nicht denken (können)?
Nein, aber es folgt daraus, dass ebendiese Beobachtungen, dass Urmenschen bei der Produktion von Faustkeilen vorsprachlich gedacht haben und Babies schon denken, bevor sie sprechen, nur sprachbegabten Menschen möglich sind.
Auch die Unterscheidung zwischen den Urmenschen, die vorsprachlich agiert haben und unserer heutigen Beobachtung, dass Urmenschen vorsprachlich agiert haben, ist wiederum nur in Sprache uns Menschen möglich. Usw. usf.
Damit wird die Sache komplizierter, als Sie es hier schildern.
Werden philosophische Fragen auf sich selbst angewendet, entstehen mitunter neue Sichtweisen.
Lektüretipp dazu: Josef Mitterer, „Das Jenseits der Philosophie“, 1992 und meine kritische Auseinandersetzung damit: http://univie.academia.edu/StefanWeber

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