Ein gutes Gedächtnis im Alter – kann es daran liegen, dass man nie einen Fernseher besessen hat?

von Hans J. Markowitsch am 24.07.2009, Kommentar hinzufügen

Mit 83 habe ich noch ein sehr gutes Gedächtnis. Kann das daran liegen, dass ich nie einen Fernseher besessen habe?

Da sprechen Sie verschiedene Punkte an. Zunächst die Frage, ob der Takt, den das Fernsehen vorgibt, dem eigenen Rhythmus zuwiderläuft. Man muss schauen, muss hören in dem Rhythmus, den das Fernsehen vorgibt.
Der zweite Punkt, denn wir eher bei Kindern erleben ist, dass sie eher zappelig werden, wenn sie zu früh ans Fernsehen herangeführt werden. Das ist das, was wir als Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom bezeichnen. Die Kinder wollen den Bildern folgen, können aber vom Visuellen her und dem, was sie als Aufnahmekapazität haben, nicht mithalten. Deswegen werden sie eher nervös.

Zu ihrer Grundfrage: Vieles ist tatsächlich Gewöhnung. Und wenn man es über Jahrzehnte nicht gewohnt war, mit dem Medium Fernsehen umzugehen, fällt einem das in höherem Alter schwer. Auf der anderen Seite hat man für sich quasi schon einen eigenen Takt eingeschliffen, mit dem man Information aufnimmt und verarbeitet. Dieser Takt kann dann über die Jahre optimiert werden. Ein Takt von außen wie die Fernsehzeiten, die oft sehr geschwindigkeitsbezogen sind, passen dann nicht mehr zu dem eigenen Rhythmus. Von daher könnte ich mir vorstellen, dass es für Sie von Vorteil war, um ein gutes Gedächtnis zu entwickeln und bis ins hohe Alter zu behalten. Denn Sie haben sich selbst vorgegeben, in welchen Zeitabschnitten sie Information aufnehmen und verarbeiten wollen.

So hatte ich mir das eigentlich nicht gedacht. Ich hatte eher gemeint, wie es hirnorganisch aussieht.

Nun, hirnorganisch – dazu kann man recht viel sagen. Wenn Sie es nicht gewohnt sind, Fernsehen als Medium zu benutzen heißt das, dass Sie vor allem auf das Visuelle verzichten, also alles, was mit „sehen“ zu tun hat. Stattdessen konzentrieren Sie sich auf Gehörtes oder Dinge, die Sie vielleicht in Büchern lesen und dort wahrnehmen. Dort ist die Umwelt aber relativ begrenzt, das heißt auf die Wörter beschränkt, die man abliest. Daher ist man konzentrierter auf das, was man aufnimmt. Und auf Hirnebene können die Kanäle für die Informationsverarbeitung dann besser synchronisiert werden auf das eher „eingeschränkte“ Medium. Aber da kann es dann optimal arbeiten. Während es im anderen Fall eine größere Divergenz, ein größeres Auseinanderlaufen gibt. Man muss bewerten, ob einem die laufenden Bilder wichtiger sind oder der Text dazu. Dabei kann man Synchronisationsprobleme bekommen, die die langfristige Verarbeitung insbesondere dann beeinträchtigen, wenn man es gewohnt ist, anders zu lernen.

Was ich noch kurz betonen möchte: Jeder hat sein eigenes Lernen – der eine macht es über das Sehen, der andere über das Hören, der Dritte über das Mitschreiben, der Vierte in einer sozialen Gruppe. Das lernt man über Jahre, von Kindheit an. Und wenn sich das einmal eingeschliffen hat, kommt man davon nur schwer wieder weg.

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Beantwortet von Hans J. Markowitsch am 24.07.2009 in Hirnforschung, Stichworte: , , , , , , , , .

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