Inwieweit spielen epigenetische Faktoren bei Homosexualität eine Rolle?

von Peter Spork am 17.05.2017, Kommentar hinzufügen

Vor etwa drei Jahren wurde eine theoretische Überlegung publiziert, die sehr viel Aufmerksamkeit erregt hat, aber bisher in Studien noch nicht belegt werden konnte. Viel mehr Neues gibt es nicht dazu. Der Hintergrund ist der, dass man schon beobachten kann, dass Homosexualität in Familien gehäuft auftritt, d.h. es gibt wohl eine gewisse erbliche Komponente. Man hat aber trotz intensiver Suche keine Gene gefunden, die verantwortlich dafür sind, keine Gen-Varianten, die auf den klassischen genetischen Weg das weitervererben würden. Jetzt gibt es eine sehr interessante Theorie, die von vielen Epigenetikern als durchaus sinnvoll erachtet wird: Sexuelle Orientierung wird in frühester Kindheit geprägt.

Das ist also ein biologischer Entwicklungsprozess, und der setzt schon bei der Befruchtung ein. Sie können sich vorstellen, das befruchtete Ei ist eine einzige Zelle, aus der soll später ein komplexer Mensch werden mit 30 Billionen Zellen, 250 bis 300 verschiedenen Zelltypen (Leberzellen, Nervenzellen, Hautzellen usw.). Und diese Zellen prägen dann so etwas wie Persönlichkeit oder in welche Richtung man sich sexuell hingezogen fühlt. Es ist extrem kompliziert, aber alle Zellen haben ja die gleichen Gene, d.h. in der Entwicklung von einer befruchteten Eizelle bis zu dem fertigen 30-jährigen Mensch, der eine bestimmte sexuelle Orientierung hat und natürlich noch viele andere Eigenschaften, da finden unendliche viele biologische Steuerungsprozesse statt. Und die werden in aller Regel nicht durch die Gene selbst beeinflusst, durch die werden sie vielleicht angestoßen, aber sie werden bestimmt dadurch, wie diese Gene reguliert werden. Und dabei ist die Epigenetik sehr wichtig.

Man weiß, dass sexuelle Orientierung und sekundäre Geschlechtsmerkmale (Körperbehaarung usw.) sich während der Entwicklung aller Organe ausbilden. Und die werden vor allem gesteuert durch die Geschlechtshormone. Jetzt weiß man aber, dass das Geschlechtshormon Testosteron z.B. einen Mann sozusagen zum Mann macht. Das kommt auch bei weiblichen Föten vor, Sie finden gar nicht so große Unterschiede in der Testosteron-Menge zwischen Jungs und Mädchen. Und jetzt sagt die Theorie, dass epigenetische Schalter, die schon ganz früh umgeschaltet werden – das hat nichts mit Einflüssen von außen zu tun, sondern das sind streng biologische Einflüsse aus dem Inneren des Körpers – und die machen Mädchen weniger sensibel für Testosteron und die Jungs mehr sensibel für Testosteron. Diese Schalter werden an die Zellen angebracht und helfen dabei, dass aus den einen später ein Junge wird und aus den anderen ein Mädchen mit der entsprechenden sexuellen Orientierung. Und jetzt, wenn es in die nächste Generation geht und eine Eizelle in der nächsten Generation befruchtet wird, dann werden all diese Programmierungen wieder entfernt.

Es gibt aber immer mehr Hinweise dafür, dass das nicht immer vollständig geschieht. Und wenn jetzt ein Junge die epigenetischen Programmierungen seiner Mutter sozusagen erbt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit nach dieser Theorie, dass er später homosexuell wird. Und wenn ein Mädchen eher die epigenetischen Schalter des Vaters erbt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit auch, dass sie homosexuell wird. Das hat nichts damit zu tun, was wir unter Umwelteinflüssen verstehen. Das ist nur eine neue Theorie, wie Epigenetik innerhalb von Familien vererblich sein kann, ohne dass es genetisch ist. Das ist sehr spannend, muss aber noch bewiesen werden.homosexuell (Foto: Colourbox)

Informationen zu dieser Antwort:

Beantwortet von Peter Spork am 17.05.2017 in Biologie, Lebensstil und Gene, Medizin, Stichworte: , , , , , .

Weitere Möglichkeiten:

Antwort drucken

Kommentare zu „Inwieweit spielen epigenetische Faktoren bei Homosexualität eine Rolle?“

Noch sind keine Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

Kommentar schreiben

Name und Email müssen angegeben werden, die Email-Adresse wird nicht innerhalb der Kommentare angezeigt.

*