Wieviel Prozent unseres Gehirns nutzen wir?

von Gabor Paal am 22.02.2012, Kommentar hinzufügen

Vermutlich benutzen wir hundert Prozent – wenn auch nicht immer gleichzeitig. Zu der Frage kursiert die Behauptung, Einstein hätte gesagt, wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirnpotenzials. Wenn Sie das gehört haben, vergessen Sie’s. Weder gibt es einen Beleg, dass Einstein das gesagt hat, noch stimmt es inhaltlich. Das Gerücht hat der Gründer von Scientology, Ron Hubbard, in die Welt gesetzt. Es wird heute noch von Scientology verbreitet, natürlich immer mit der Botschaft: Wenn Sie auch die restlichen 90 Prozent Ihres Gehirns nutzen wollen, kommen Sie zu uns. – Dass an den „10 Prozent“ nichts dran ist, kann man sich leicht klarmachen:

Es gibt viele Patienten, bei denen – zum Beispiel durch einen Unfall oder einen Schlaganfall – Teile des Gehirns geschädigt sind. Würden wir wirklich nur 10 Prozent nutzen, dann würden die meisten Hirnschädigungen ohne Folgen bleiben. In Wirklichkeit führt aber fast jede Hirnschädigung zu irgendwelchen Einschränkungen. Das heißt im Umkehrschluss, dass all die betroffenen Hirnregionen vorher zu etwas gut gewesen sein müssen.

Zweiter Hinweis: Wir können uns das Gehirn vorstellen als ein großes Knäuel von Milliarden von Nervenzellen. Diese Milliarden von Nervenzellen sind untereinander wiederum durch jeweils Milliarden von Verbindungen miteinander vernetzt. Jetzt hat die Hirnforschung gezeigt, dass das Hirn sehr plastisch ist: Sobald wir etwas lernen, bilden sich also neue Verbindungen zwischen Nervenzellen. Und sobald wir diese Verbindungen nicht mehr nutzen, fangen sie ziemlich schnell an zu verkümmern. Auch das spricht dafür, dass wir wirklich alle Bereiche des Gehirns nutzen, denn was wir nicht nutzen, wird abgebaut.

Aber sind wirklich alle Teile des Gehirns immer ausgelastet?

Natürlich feuern nicht alle Nervenzellen immer und ständig. Das wäre auch gar nicht gut. Wir würden dann nämlich ständig herumzappeln, uns auf nichts mehr konzentrieren können und hätten gar keine Kontrolle mehr über uns. Insofern ist es schon ganz in Ordnung, dass wir zu jedem Zeitpunkt immer nur die Teile des Gehirns nutzen, die wir für eine konkrete Aufgabe gerade brauchen. Es gilt also nicht die Regel: Je mehr Gehirn ich nutze, desto höher ist mein geistiges Potenzial. Sondern unter Umständen wächst das geistige Potenzial auch mit der Fähigkeit, bestimmte Aktivitäten, die von einer Aufgabe eher ablenken, auch mal herunterzufahren.

Kann man da eine Prozentangabe machen – wie viel Gehirn ist sozusagen in jedem Moment aktiv, und wie viel ruht?

Es ist relativ schwer, das in Prozent anzugeben. Denn es ist nicht so, dass einzelne in sich geschlossene Hirnareale aktiv wären und alle anderen ruhten. Sondern das Gehirn arbeitet oft so, dass viele entfernte Bereiche sich miteinander vernetzen. Erinnerungen zum Beispiel, Gedächtnisinhalte sind nicht an einem bestimmten Ort gespeichert, sondern entstehen eher durch Aktivitätsmuster, bei denen ganz entfernte Teile des Gehirns aktiv sind. Deshalb ist das mit den Prozentangaben schwer. Das unterscheidet das Gehirn von einer Festplatte: Beim Computer kann ich leicht feststellen, dass ich nur ein Viertel meines Speichers benutzte und drei Viertel ungenutzt sind. Aber das Gehirn ist ja keine Festplatte, sondern es besteht aus einem komplexen Netz aus Nervenzellen, die Signale feuern. Und da die Aktivität in Prozent zu messen ist kaum möglich und ergibt auch wenig Sinn.

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Beantwortet von Gabor Paal am 22.02.2012 in Frag den Paal !, Hirnforschung, Stichworte: , , , , , .

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