Woher kommt die Geschichte mit dem Klapperstorch?

von Gabor Paal am 11.01.2012, 4 Kommentare

Früher wollte man den kleinen Kindern die wahren Umstände von Zeugung und Geburt nicht auf die Nase binden. Die Vorgänge im und um den Unterleib herum waren ja schließlich nichts für Kinderohren. Trotzdem bleibt natürlich die Frage: Warum der Storch? Wenn wir uns aber ein paar Jahrhunderte zurückversetzen: Wer sonst hätte denn als Baby-Lieferant funktionieren können? Elefanten und Kängurus leben hier nicht. Wölfe und Bären war schon negativ besetzt; sie waren böse, haben Kinder verschlungen und nicht gebracht – das ging also auch nicht. Und die meisten anderen Tiere, auch Vögel, waren zu klein. Hätte man den Kindern erzählt, eine Amsel habe sie gebracht, hätte das seltsam geklungen. Der Storch aber war ein heimisches Tier, er war bekannt und er war groß genug.

Hinzu kommt: „Klapperstorch“ ist ja nur eine andere Bezeichnung für den Weißstorch. Der hält sich viel am Wasser auf, er schnäbelt in Tümpeln und anderen flachen Gewässern herum, und Experten wie der Mainzer Volkskundler Michael Simon sagen, auch diese Eigenschaft hat dem Storch zu seinem Ruhm als Babybringer verholfen. Denn im Wasser wohnten in den Vorstellungen des alten deutschen Volksglaubens auch die Seelen der Kinder. Wie überhaupt das Wasser als Symbol und Ursprung für den Beginn neuen Lebens galt. Möglicherweise war das auch eine Anlehnung an das Fruchtwasser im Mutterleib.

Der Storch wiederum hält sich auch deshalb am Wasser auf, weil er dort Frösche fängt – und der Frosch galt im Mittelalter seinerseits als Fruchtbarkeitssymbol.

So lassen sich in dieser Storch-Geschichte einige mythologische Motive wiederfinden. Dazu passt auch, dass der Storch früher auch den Spitznamen Adebar hatte. Dieser Name setzt sich zusammen aus dem althochdeutschen „Auda“, das bedeutete Glück, und der Endsilbe „bar“, die „bringen“ oder „tragen“ bedeutet. Adebar – also der Glücksbringer.

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Beantwortet von Gabor Paal am 11.01.2012 in Frag den Paal !, Redewendungen, Stichworte: , , , , , , , .

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Kommentare zu „Woher kommt die Geschichte mit dem Klapperstorch?“

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Walter Himmel schreibt am 12.01.2012

Noch eine kleine, nette Anmerkung zu obiger Frage : Bei etwa der Hälfte der Neugeborenen findet sich im Nacken oder auch der Stirn ein meistens schnell flüchtiges Feuermal, das der Storch beim Transport hinterlassen hat haben soll.
Eure Sendung ist Spitze.

Angela Rohrmoser schreibt am 20.01.2012

Sehr geehrter Herr Paal,
ich möchte zu Ihrer antwort auf die Hörerfrage nach dem Klapperstorch noch etwas bedenkenswertes hinzufügen:
Im Mittelalter war die Fruchtbarkeit eines Paares wirtschaftlich und sozial sehr wichtig, aber wie es in sochen Fällen oft ist, wenn man sich auf das Kinderkriegen verkrampft, dann kommt nichts…
So gibt es eine Menge Mittel, um dem Problem abzuhelfen. Eines dieser Mittel – welches heute sogar noch empfohlen wird – ist der Kräuterabsud aus dem Stinkenden Storchschnabel (Geranium robertianum). Diese Pflanze ist so benannt, weil der Fruchtstand tatsächlich wie der Schnabel eines Storches aussieht. Ihre größte Wirksamkeit ist zur Zeit ihrer Blüte im Sommer (Juli- August). Fand also die Empfängnis um diese Zeit statt, dann kam das Baby genau zu dem Zeitpunkt, als die echten Störche wiederkehrten zur Welt – also hat sie in zweifacher Hinsicht der Klapperstorch gebracht.
Ob dieses Bild gebraucht wurde, um es den Kindern verniedlichend zu erklären, oder um die Hebammenkräuterkunde (und auch die Hebammen, die leicht als Hexen bezeichnet wurden) vor der Medizin zu schützen, oder ob es schlicht ein volkstümlich geflügeltes Wort ist, bin ich mir nicht so sicher.

Klaus heesche schreibt am 23.03.2016

Sehr geehrte Damen und Herren,
Meine Brüder wurden im Winter geboren. Es hieß die Störche würden in Afrika überwintern. Meine Frage: muss der Storch den jedes Mal aus Afrika kommen, um im Winter die Kinder zu bringen, brachte meine Mutter in Verlegenheit. Sie vertraute mir an, dass Kinder unter dem Herzen der Mutter wachsen. Wird die Mutter denn trotzdem ins Bein gebissen? Wieder Verlegenheit! Das vermeintliche mütterliche Meinungsmonopol war beschädigt.
Gruß
Klaus Heesche

Susanne Eckstein schreibt am 27.07.2016

In einer sehr alten Zeitung (Amts- und Intelligenz-Blatt für die Oberamtsstadt Kirchheim unter Teck, 1854, S. 243, „Unterhaltendes“) habe ich eine andere Darstellung gefunden: Dass der Storch „seit uralter Zeit den Eheleuten als ein Musterbild des häuslichen Glückes vorgestellt“ werde, liege am treuen Zusammenleben der Storchenpaare. (Letzteres konnte man damals noch überall selbst beobachten.)
Das könnte heißen, dass der Storch damals einfach Eheglück symbolisierte! Von daher könnte sich die Bedeutung auf den Kindersegen übertragen haben.

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