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September 2010
Die unten aufgeführten 30 Literaturkritikerinnen und -kritiker nennen monatlich - in freier Auswahl - vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie „möglichst viele Leser und Leserinnen“ wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3). Die Addition ergab für den September folgendes Resultat (in Klammern die Position der Juli/ August-Bestenliste):
1.-2. MARTIN MOSEBACH : Was davor geschah
(-) Roman. Carl Hanser Verlag, 336 Seiten, € 21,90 **
"Auf die Gipfel deutscher Erzählkunst spaziert Martin Mosebach mit unnachahmlicher Eleganz und Leichtigkeit. In seinem Roman erzählt er davon, dass mitunter zwei Paare auseinandergehen müssen, damit ein drittes entstehen kann, während ein weiteres über der rückblickenden gemeinsamen Betrachtung dieser Commedia dell`Arte zusammenfindet." (Felicitas von Lovenberg)
MARIE NDIAYE : Drei starke Frauen
(1.) Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer.
Suhrkamp Verlag, 342 Seiten, € 22,90 **
"Drei eigenständige Geschichten, die alle vom Exil, von Afrika, von Verrat und Gewalt erzählen. (...) Marie NDiaye erzählt eine afrikanische Tragödie mit ihrer unverstellten und melodiösen Stimme, für deren Schönheit es in der deutschen Gegenwartsliteratur im Moment keinen Vergleich gibt." (Iris Radisch)
3. THOMAS HETTCHE: Die Liebe der Väter
(-) Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, € 19,95 *
Peter hat eine Tochter, aber kein Sorgerecht. Jetzt darf er endlich seine 13-jährige Tochter über Silvester mit auf Sylt nehmen. Jetzt kann er ihr endlich von sich, von seinem Leben erzählen, jetzt kann er endlich ein guter Vater sein. Aber dann ohrfeigt er sie öffentlich bei der Feier. Aus Liebe?
4. JACQUES CHESSEX : Ein Jude als Exempel
(-) Roman. Aus dem Französischen von Grete Osterwald.
Nagel & Kimche Verlag, 96 Seiten, € 12,90 *
Payerne, ein Dorf in der Westschweiz, der Krieg scheint weit weg. Aber dann wird am 16. April 1942 der jüdische Viehhändler Arthur Bloch bestialisch ermordet. Im Dorf ist man eher schadenfroh. Viele Jahre später trifft der Autor zufällig den Anstifter des Mordes - ohne Reue, ohne Schuldgefühl, von "dreckigster Reinheit."
5. KLAUS BÖLDL: Der nächtliche Lehrer
(-) Roman. S. Fischer Verlag, 125 Seiten, € 16,95 *
Lennart wird Lehrer in Sandvika, einer schwedischen Kleinstadt. Er lernt eine Frau kennen, heiratet, aber dann stirbt sie kurz darauf bei einem Unfall. Lennart zieht sich zurück, sein Leben, ein Traum.
6. CHRISTA WOLF: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud
(-) Suhrkamp Verlag, 416 Seiten, € 24,80 **
"Dem politisch-moralischen Räsonnement in diesem Buch mag man, auch wenn es vor der Verklammerung von Antifaschismus und "Diktatur des Proletariats" haltmacht, seinen Respekt nicht versagen. Und in der Schilderung der Pazifik-Erfahrung der hartnäckigen DDR-Bürgerin gibt es eindringliche Szenen." (Lothar Müller)
7. FRIEDRICH SIEBURG: Die Lust am Untergang
(10.) Selbstgespräche auf Bundesebene
Eichborn Verlag, 417 Seiten, € 32,00 **
Scharfzüngiger Literaturchef der FAZ, Ehrenfeind der Gruppe 47 mit undurchsichtiger NS-Mitläufer-Vergangenheit, konservativer Anarchist, der sich darüber wundert, dass nach dem Untergang des Dritten Reiches den Deutschen die Lust am Untergang noch nicht vergangenen ist - mit einem Vor- und Nachwort der Schriftstellerin und Essayistin Thea Dorn.
8.-9. ANNIKA SCHEFFEL : Ben
(-) Roman. Kookbooks_ Reihe Prosa_ Band 12, 272 Seiten, € 19,90**
Ben heißt eigentlich Benvolio Antonio Olivio Julio Toto Meo Ho Schmitt. Er liebt Lea, aber sie noch nicht ihn, weil sie eher unglücklich andere liebt. Doch dann überfährt sie ihn fast mit dem Fahrrad. Und alles könnte losgehen, wenn er nicht Reißaus nehmen würde. Darum muss er sieben Proben erfüllen, die ihn seine sieben Namen kosten. "Wer wird denn hier von Wundern sprechen?"
KLAUS WAGENBACH: Die Freiheit des Verlegers
Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe
(-) Wagenbach Verlag, 352 Seiten, € 19,90
"Wagenbach steht für ein linkes, liberales Bürgertum im Geist des französischen Citoyen, dessen Parolen von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" er nicht müde wird einzufordern. Dieses Bürgertum hat mit der aktuellen Hinwendung zu adäquatem Krebs- und Hummer-Besteck und dünkelhaftem Konservativismus nicht das Geringste zu tun. Klaus Wagenbach ist ein deutsches Vorbild." (Helmut Böttiger)
10. SABRINA JANESCH: Katzenberge
(-) Roman. Aufbau Verlag, 277 Seiten, € 19,95 **
Schlesien 1945: "Ist da wer?" fragt Janeczko in ein leeres Haus in Schlesien hinein. Er selbst wurde aus der westlichen Ukraine vertrieben.
Heute reist seine Enkelin von West nach Ost - auf seinen Spuren. Ein Roman darüber, dass Häuser immer bewohnt sind. Und wenn nur Gespenster darin hausen.
Persönliche Empfehlung im September von Helmut Böttiger (Berlin):
JOHANNES BOBROWSKI: Nachbarschaft
Verlag Klaus Wagenbach, 77Seiten, € 8,00
Der 1965 gestorbene, große deutsche Lyriker war eine Ausnahmeerscheinung zwischen Ost und West. Er schreibt keine Naturgedichte, sondern Gedichte über Landschaften, die von der Geschichte gezeichnet sind. Bobrowski bezieht sich auf das klassische Versmaß, auf Hymne und Elegie im Sinn des 18. Jahrhunderts – manche dieser Gedichte beginnen mit einer Anrufung, oft in einer einzigen Zeile: „Ebene“, „Wildnis“, „Feuer“, „Zeichen“. Mit seiner zeitlosen Form abseits jeglicher Innerlichkeit ist Bobrowski absolut zeitgenössisch. (Helmut Böttiger)
Letzte Änderung am: 04.08.2010, 11.24 Uhr
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