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Massenmord auf der Schwäbischen Alb

Schloss Grafeneck

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Am 14. Oktober 2009 hat das "Denkmal der grauen Busse" Station auf dem Stuttgarter Schlossplatz gemacht. Ein grauer Bus aus Beton in Originalgröße erinnert an die Opfer des Euthanasieprogramms der Nazis, die in die Anstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb transportiert und dort ermordet wurden.

Am 14. Oktober 2009 hat das "Denkmal der grauen Busse" Station auf dem Stuttgarter Schlossplatz gemacht. Ein grauer Bus aus Beton in Originalgröße erinnert an die Opfer des Euthanasieprogramms der Nazis, die in die Anstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb transportiert und dort ermordet wurden.

Am 12. Oktober 1939 wurde Schloss Grafeneck, ein ehemaliges Jagdschloss auf der Schwäbischen Alb, durch das württembergische Innenministerium für "Zwecke des Reiches" beschlagnahmt. Innerhalb von drei Monaten installierte man dort die Maschinerie zur Umsetzung eines von Hitler persönlich angeordneten Mordprogramms an Kranken und Behinderten. Zwischen Januar und Dezember 1940 wurden in Grafeneck fast 11.000 Menschen ermordet.

Die Organisation der systematischen Ermordung erfolgte in Berlin. Von dort aus erhielt die "Gemeinnützige Kranken-Transport GmbH" die Listen mit den Namen der Kranken und Behinderten, die nach Grafeneck gebracht werden sollten. Mit solchen Bussen, die anfangs rot und später grau lackiert waren, wurden Pflegeheime und Behindertenanstalten angefahren, um die Bewohner abzuholen.

Nach der Ankunft in Grafeneck wurden die Kranken in die Aufnahmebaracke gebracht und untersucht. Danach schickte man maximal 75 Personen in den Vergasungsschuppen (im Bild), wo sie durch Kohlenmonoxid ermordet wurden. Man verbrannte die Leichen, zerkleinerte die Knochen und schickte das Knochenmehl, mit Asche vermischt, in Urnen an die Angehörigen. In so genannten "Trostschreiben" wurde den Hinterbliebenen eine erfundene Todesursache mitgeteilt.

Erster leitender Arzt und Direktor der "Landespflegeanstalt" war Dr. Horst Schumann. Er leitete das Morden in Grafeneck bis zum Frühsommer 1940, später war er als Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau tätig. Sein Name ist vor allem mit grausamen Menschenversuchen verbunden. Nach Ende des Krieges war Schumann als Arzt in Gladbeck tätig, floh aber 1951, um seiner Verhaftung zu entgehen. 1966 wurde er schließlich von Ghana an die Bundesrepublik ausgeliefert, 1970 begann sein Prozess. Jedoch wurde er wegen Verhandlungsunfähigkeit im Juli 1972 freigelassen. Horst Schumann lebte bis zu seinem Tod 1983 in Frankfurt-Seckbach.

Ein weiterer leitender Mitarbeiter in Grafeneck war der schwäbische Kriminalbeamte Christian Wirth. Er war seit Ende 1939 in Grafeneck tätig und leitete die ersten Vergasungen. Wirth erarbeitete vor allem Richtlinien für die organisatorische Umsetzung der Mordaktionen, die dann im ganzen Deutschen Reich ihre Anwendung fanden. In der Folgezeit war Wirth Inspekteur aller Mordanstalten des Euthanasieprogramms, später Generalinspekteur der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Christian Wirth kam 1944 unter ungeklärten Umständen bei Triest ums Leben.

Das Personal der Anstalt wurde mit Vorträgen, Betriebsausflügen, zum Beispiel in ein nahe liegendes KZ, und Kameradschaftsabenden unterhalten (im Bild der Speisesaal in Grafeneck). Als einer der Vergasungsärzte die Gelage einschränken wollte und den Ausschank von Alkohol verbot, fand eine erfolgreiche Gegendemonstration statt.

Durch Dokumente und Zeugenaussagen lassen sich die Schicksale mancher Ermordeter zumindest teilweise aufklären. Eines der Opfer von Grafeneck war Dieter Neumaier. 1933 geboren, stürzte er als Zweijähriger von einer Treppe und konnte von da an nur noch sehr undeutlich und stammelnd sprechen. Nach dem Tod der Mutter wurde der Junge durch die NS-Frauenschaft aus der Familie genommen und in einem Heim untergebracht. Im Dezember 1940 kam er nach Grafeneck und wurde ermordet.

Emma Dapp (im Bild rechts), geboren 1889, wuchs in Heilbronn und Weilheim auf. Nach sieben Jahren Ehe starb 1918 ihr Ehemann Eugen. Emmas Schwester, eine einflussreiche Diakonissin, sorgte dafür, dass ihr die drei Kinder entzogen wurden. Auf ihre Veranlassung wurde Emma Dapp 1932 in die Psychiatrie Weinsberg/Weissenhof eingeliefert; im Zentrum der Diagnose stand eine gewisse "Haltlosigkeit". Emma Dapp wird im Juni 1940 in Grafeneck ermordet.

Martin Bader, Jahrgang 1901, wuchs in Giengen an der Brenz auf. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Schuhmacher, ging als Handwerker nach Bayern und heiratete 1925 in Aschau. Nach dem Tod des Stiefvaters übernahm er dessen Geschäft in Giengen. Ab 1926 konnte Bader nicht mehr seinem Handwerk nachgehen; ein Zittern in der linken Körperhälfte machte dies unmöglich. Nach mehreren Aufenthalten in der psychiatrischen Klinik Tübingen wurde er 1938 in eine Klinik nach Bad Schussenried eingewiesen. Im Juni 1940 wurde Martin Bader nach Grafeneck gebracht und ermordet.

1947 gelangte Grafeneck wieder in den Besitz des Samariterstifts Stuttgart.
Heute ist Schloss Grafeneck eine Einrichtung der Samariterstiftung mit Wohngruppen und einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung. Daneben finden sich die Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum.

Stand: 19.01.2010, 17.51 Uhr