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RAF-Selbstmorde von StammheimJournalistischer Druck gegen Informationssperre

Der 18. Oktober 1977 war ein bewegender Tag. Die Geiseln im Flugzeug "Landshut" wurden befreit, drei RAF-Terroristen brachten sich im Gefängnis Stuttgart-Stammheim um, und die RAF ermordete Hanns Martin Schleyer. Für den SDR berichtete damals Manfred Naegele.

SWR.de: Was ist Ihre stärkste Erinnerung an den Herbst 1977?

Manfred Naegele: Es war insgesamt eine unheimlich spannende und aufregende, eine nervöse Zeit und natürlich für Journalisten eine große Herausforderung. Am stärksten in Erinnerung bleiben die Eindrücke an die Nacht von Stammheim. Die Selbstmorde der Terroristen, die damals von vielen auch als Morde deklariert wurden. Diese Nacht hat mich selbst richtig mitgenommen.

Wie haben Sie den Tag nach den Selbstmorden von Stammheim erlebt?

Ich war zuhause und habe in den Nachrichten gehört, was passiert ist. Da ich in der Berichterstattungspflicht für den Sender und auch für die Tagesschau war, bin ich natürlich sofort ans Telefon und habe das Justizministerium angerufen. Das hatte eine Informationssperre verhängt. Als man mir nach einem zweiten Telefonat immer noch nichts sagen wollte, habe ich dem Ministerium erklärt: Was immer in Stammheim passiert ist, es interessiert nicht nur Stuttgart, es wird die Weltöffentlichkeit interessieren. Wieder wurde ich hingehalten. Daraufhin habe ich angekündigt, dass ich um 12.00 Uhr mit einem Ü-Wagen vorm Justizministerium stehen werde, um der Öffentlichkeit zu erklären, dass sie schweigen. Daraufhin wurde eine Pressekonferenz angesetzt.

Das war eine Aufregung, die man sich wirklich verrückter nicht vorstellen kann. Sich in dieser Situation selbst ein Bild davon zu machen, was passiert sein könnte und wem man mit seinen Aussagen noch trauen kann, war schwierig. Jeder hat natürlich etwas anderes gesagt, die Anwälte und die Angehörigen kamen gleich mit ihren Mordvorwürfen. Was an diesen Tag passierte, gehört sicher zu den aufregendsten Momenten, die man als Journalist erleben kann.

Andreas Baader und Jan-Carl Raspe erschossen sich, Gudrun Ensslin erhängte sich mit einem Kabel. Wie konnte es passieren, dass verbotene Gegenstände in die Zellen der Häftlinge kamen?

Die Anwälte waren unter ständiger Kontrolle des Sicherheitspersonals und sicher auch immer unter Verdacht. Bestimmte Dinge durften bei Anwälten jedoch nicht kontrolliert werden, beispielsweise die Akten. Die Raffinesse, dass während des Prozesses in den Akten Dinge eingeschmuggelt wurden, hätte sicher entdeckt werden müssen, als die Gefangenen vom Justizgebäude in die Strafanstalt zurückgebracht wurden.

Im Nachhinein ist mir noch immer unverständlich, dass beispielsweise bei der Untersuchung eines Plattenspielers, in dem eine Pistole versteckt war, von Fachleuten nichts entdeckt wurde. Da zeigt sich die Lücke im System, das Versagen. Wenn man dann aber gesehen hat, wie es in den Zellen aussah, was das für ein Saustall war - hunderttausend Sachen lagen da rum - ist auch irgendwo menschlich nachvollziehbar, dass man die nicht monatelang jeden Tag von oben nach unten durchkontrolliert, die Zellen aus- und wieder eingeräumt hat. Letztendlich war es aber sehr verhängnisvoll.

Sie waren immer sehr nah am Geschehen in Stammheim dran. Kannten Sie das Gefängnis von innen?

Während der Prozesse war ich im Gerichtsgebäude auf dem Gelände, allerdings durfte man dort keine Aufnahmen oder Fernsehinterviews machen. In die Zellen durfte ohnehin keiner rein. Ich habe damals mit dem Justizminister geredet, er solle uns die Zellen zeigen. Wir wollten damit die Haftbedingungen, die großen Themen Isolationsfolter und Hungerstreik, allgemein der Öffentlichkeit sichtbar machen, um die Diskussion entweder so oder so zu beenden. Das wurde uns erst erlaubt nachdem sich die Terroristen umgebracht hatten. Erst dann durfte man zeigen, wie sie gelebt haben und auch welche Privilegien sie genossen. Unter vier Augen hat der Justizminister mir gegenüber im Nachhinein bedauert, dass man die Besichtigung nicht früher zugelassen hat. Dadurch hätte man sich manche Aufregung und Entwicklung erspart. Aber da war es zu spät.

Stand hinter der damaligen Informationspolitik System, der Öffentlichkeit gerade nicht zu zeigen, wie die Inhaftierten in Stammheim lebten und welche Privilegien sie genossen?

Zur Person
Manfred Naegele
Der Jurist begann 1969 beim SDR seine journalistische Laufbahn als freier Mitarbeiter der "Abendschau". Ihm fiel die Berichterstattung des Baader-Meinhof-Prozesses in Stammheim zu. Manfred Naegele berichtete auch über die Entführung von Hanns Martin Schleyer. 1981 übernahm er die Fernseh-Hauptabteilung "Kultur & Gesellschaft". Manfred Naegele ist seit September 2004 im Ruhestand und lebt in Stuttgart.

Man hat sich natürlich seine Gedanken gemacht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man der Öffentlichkeit, die natürlich mehrheitlich gegen die Terroristen und gegen die Morde war, nicht zeigen wollte, dass es den Terroristen relativ gut geht. Das hätte man in der Öffentlichkeit wahrscheinlich gar nicht so vermitteln können. Dann hätte man zugeben müssen, dass diese Leute, die den Staat in Frage stellen und Menschen umbringen, Privilegien haben. Dass sie im Verhältnis zu anderen Gefangenen sehr viel bessere Haftbedingungen hatten, wollte man natürlich nicht zeigen.

Die Anwälte und Angehörigen prangerten unterdessen an, dass man die Häftlinge schlecht behandele. Da war so eine Unentschiedenheit, wie man mit der Situation umgehen soll. So etwas hatte es in dieser Form noch nicht gegeben und die Polizei, die zuständigen Ministerien und das Bundeskriminalamt waren sicher streckenweise auch überfordert.

Das Gespräch führte Susan Pfahlbusch

Letzte Änderung am: 05.10.2007, 16.26 Uhr