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Ihr Vater ist mit 42 Jahren nicht "einfach gestorben", er wurde von der RAF umgebracht. Tochter Claudia Groppler spürt noch 20 Jahre nach dem Mord große Wut: auf die Justiz und ihre Urteile und "die Menschen, die sich niemals für uns, die Angehörigen, interessiert haben."
Die Rote Armee Fraktion tötete bei ihrer Jagd auf prominente Vertreter von Staat und Wirtschaft mehr als 30 Menschen. Das Interesse von Öffentlichkeit und Medien konzentrierte sich meistens auf die großen Namen. Die meisten Opfer waren jedoch nicht prominent, waren keine Bubacks, Pontos, Schleyers oder Beckurts ...
Einer der Getöteten hieß Eckhard Groppler und war der Fahrer von Siemens-Vorstandsmitglied Karl Heinz Beckurts. Beide starben am 9. Juli 1986, als eine ferngezündete Bombe der RAF Beckurts Dienstwagen zerriss.
Die Bevölkerung habe nach dem Attentat mit hunderten Beileidsschreiben großen Anteil genommen, erzählt Claudia Groppler. Auch der Arbeitgeber ihres Vaters habe der Familie zunächst geholfen: "Also es gab im Vorfeld der Beerdigung durch die Firma Siemens Unterstützung, durch die Sozialberatung. Da wurden sehr viele Behördengänge erleichtert und auch Sachen erledigt, an die man selber gar nicht denkt in dem Moment. ... Aber dann später verlief sich das auch alles im Sand, also es kräht da kein Hahn mehr danach. Es gab keinerlei seelische Unterstützung, von gar niemandem. Wir wurden dann einfach uns überlassen."
Der ganze Freundeskreis sei abrupt weggebrochen: "Es hat sich kein Mensch gekümmert, es hat keiner von den Freunden und Bekannten gefragt, wie es geht, ob sie helfen können. Nur ein einziger Freund von meinem Vater war da, der hat uns quasi die Journalisten, die vorm Haus standen, tagelang vom Hals gehalten und ist mit unserem Hund spazieren gegangen, hat für uns eingekauft ..." Auch später sei von Bekannten kein Anruf gekommen, dass man sich mal trifft und gemeinsam etwas unternimmt. Claudia Groppler glaubt: "Die wussten nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen, wie sie mit der Familie umgehen sollen."
Die Art und Weise, wie ihr Vater mit 42 Jahren aus dem Leben gerissen wurde, macht Claudia Groppler besonders zu schaffen: "Mein Vater ist ja nicht einfach gestorben, weil er krank war, sondern er wurde kaltblütig ermordet, er wurde kaltblütig und absolut sinnlos umgebracht - und von Leuten, die gegen den Staat kämpfen, die für den kleinen Mann in den Ursprungsideologien gekämpft haben, und ziehen aber auch den kleinen Mann mit in den Tod, ohne Rücksicht auf Verluste. Und diese Sinnlosigkeit von diesem Tod, das ist etwas, das das Verarbeiten auch so schwer macht."
Die Familie versuchte ihren Weg zu finden, mit dem Verlust umzugehen: "Wir saßen abends dann so zusammen und es wurde auch sehr, sehr viel gelacht, weil wir uns halt Geschichten erzählt haben vom Papa, und das war ein lustiger Mensch, und da waren viele lustige Anekdoten passiert. Und wir haben sehr, sehr viel gelacht, muss ich sagen. Kann man vielleicht so nicht nachvollziehen, aber mein Papa war auch einer, der hat gesagt: 'Eine g'scheite Leich, wo net gelacht wird, des ist kei g'scheite Leich.' Manchmal stand dann auch wieder einer auf, aus dem Kreis, und ist dann weinend aus dem Zimmer gegangen, kam dann aber nach einer Weile wieder."
Den Verlust empfindet Claudia Groppler auch heute noch als "sehr, sehr großes Loch in meinem Leben." Der Umgang mit dem Attentat falle ihrer Mutter heute noch sehr schwer, glaubt sie, "denn sie ist jetzt auch nicht mehr die Jüngste und denkt wahrscheinlich oft auch daran, wie es denn wäre, wenn mein Vater noch dabei wäre und was sie dann gemeinsam machen würden ..." Die Erinnerung und die nicht erfüllten Wünsche seien ständige Begleiter.
Wie andere Angehörige von RAF-Opfern ist sie erbost darüber, dass die Täter und Mitwisser von damals bis heute nicht zugeben, wer an welchen Attentaten beteiligt war: "Allein das ist für mich schon ein Grund, dass man die Urteile weder umwandeln, noch verkürzen, noch überdenken sollte. Zum Beispiel ein Urteil fünfmal Lebenslang plus 15 Jahre ist nach Adam Riese tatsächlich lebenslang, und da kommen aber dann Begnadigungen zustande, da kommen vorzeitige Entlassungen zustande, und das ist in meinen Augen absolut nicht korrekt. Es wird versucht den Tätern noch eine zweite Chance zu geben, sie zu resozialisieren ... Die Opfer hatten keinen Funken einer Chance." Ihr Fazit: "Für diese vielen, vielen Morde gibt es keine Rechtfertigung. Da gibt’s nur einfach eine Strafe, und die sollte auch durchgezogen werden."
Kurz bevor die Ex-RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt im März 2007 nach 24 Jahren auf Bewährung entlassen wurde, entdeckte Claudia Groppler ein Internet-Forum zum Thema: "Dann waren da auch Sachen drin wie zum Beispiel: 'Ja, willkommen in der Freiheit. Ich würde gerne mit dir einen Kaffee trinken gehen. Und ich würde mich gern über deine Zukunft unterhalten ... Und dann hab ich mich irgendwann eingeklinkt und hab gesagt: 'Hallo, könnt ihr vielleicht mal nachdenken, was ihr da sagt? Diese Frau hat was weiß ich wie viele Menschenleben auf dem Gewissen.' Und ich glaube einfach, dass die Gesellschaft, die das damals nicht miterlebt hat, also die Leute jetzt so vielleicht 20 sind, dass die wirklich überhaupt keine Ahnung haben und wirklich dumm an solche Sachen rangehen, mit wirklich dummen Aussagen, dass sie da mit einer vielfachen Mörderin zum Kaffeetrinken gehen wollen."
Sie selbst könne sich nicht vorstellen, jemals mit einem ehemaligen RAF-Mitglied zu sprechen. Eine Entschuldigung der Täter würde sie als Ohrfeige empfinden: "Eine Entschuldigung, für das, was die RAF getan hat, gibt es nicht, in keinster Weise, von niemandem. Und selbst wenn sie zur Aufklärung beitragen würden ... Deswegen würden die Opfer auch nicht lebendig und deswegen würden die Familien auch nicht wieder zusammengeführt werden. Deswegen sind unsere Väter und Ehemänner und Großväter einfach nicht mehr da, ausradiert, umgebracht, eiskalt umgebracht."
Interview: Eva Lauterbach / Bearbeitung: Biggi Hoffmann
Letzte Änderung am: 11.09.2007, 11.22 Uhr