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Regierungssprecher Klaus BöllingKrise zwischen Angst und Nachrichtensperre

Im Deutschen Herbst ging es um Leben und Tod. Die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) musste während der Schleyer-Entführung schwere und schwerwiegende Entscheidungen fällen. Auch für Regierungssprecher Klaus Bölling eine aufreibende Zeit.

Unzählige nervenaufreibende Stunden mussten Bölling und die anderen Mitglieder des Großen und des Kleinen Krisenstabs darüber grübeln, wie viel Härte sich ein Staat leisten kann, der mit dem Leben seiner Bürger erpresst wird. Einige dieser Bürger wurden gerettet, so wie am 18. Oktober 1977, als Regierungssprecher Bölling die Befreiung der Geiseln aus der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" verkündete.

Die Eingeweihten hatten zuvor große Angst, dass die Befreiung misslingen könnte. Den Verantwortlichen war bewusst, welches Risiko sie mit der Erstürmung eingingen. Der heute 79-jährige Bölling erinnert sich noch heute mit gemischten Gefühlen an die Entscheidung des Großen Krisenstabs: "Ich habe natürlich eine ganz große Angst gehabt. Wir haben überlegt, gibt es eine Alternative zu dem Sturm der GSG9? Jeder von uns, Helmut Schmidt als Kanzler, auch ich, und alle, die damals Verantwortung trugen, einschließlich derer, die die Opposition vertraten in dem Großen Krisenstab, haben gezittert, denn es gab keine Garantie, dass der Sturm gelingen würde. Es war alles fast perfektionistisch vorbereitet. Aber gezittert haben wir alle."

Die Befreiung der fast 100 Geiseln sorgte einerseits für große Erleichterung im Großen Krisenstab, aber die Freude war nicht ungetrübt. Nur einen Tag später wurde die Leiche Hanns Martin Schleyers in Mülhausen im Elsass gefunden.

Im Zusammenhang mit dem Entführungsfall musste Bölling viele, auch zweifelhafte Entscheidungen der Regierung vertreten. Unter anderem wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Die wurde zwar nicht so bezeichnet, doch die Medien, damals noch nicht so zahlreich wie heute, wurden gebeten sich zurückzuhalten. Eine richtige Entscheidung, wie Bölling immer noch meint: "Das ist eine ganz simple Weisheit der Polizei in aller Welt. Wenn eine Fahndung begonnen hat, kann man über die einzelnen Schritte der Polizei nicht vor die Mikrofone und Kameras treten und die Details ausbreiten."

Böllings Karriere: Redakteur bei Zeitung und Radio, 1956-58 Südosteuropa-Korrespondent der ARD, ab 1966 Moderator des "Weltspiegel" und Chefredakteur des NDR-Hörfunks, 1969-73 Leiter des ARD-Studios in Washington, 1973 Intendant Radio Bremen, 1974-1983 Chef des Bundespresseamtes (mit einem Jahr Unterbrechung). Heute lebt Bölling als Publizist in Berlin.

Denn: Die Täter hören Radio, schauen Fernsehen und könnten jeden Schritt, über den berichtet wird, beobachten und darauf reagieren. Trotzdem hat er Verständnis für damaligen Unmut. Viele Journalisten, sagt Bölling, hätten sich mit der von ihnen so genannten Nachrichtensperre schwer getan. Deshalb hält er die Maßnahme auch keineswegs für nachahmenswert. Es bestehe die Gefahr, dass der Staat die Presse manipuliere indem er sie auffordere, sich zurückzuhalten und Nachrichten, die sie aus irgendeiner Quelle bekommen, nicht zu drucken oder zu senden.

Kaum jemand hat die Entscheidungen und Entwicklungen des Deutschen Herbstes so unmittelbar erlebt wie der damalige Regierungssprecher. Bölling kann daher nicht nachvollziehen, wie der RAF-Terror heute manchmal dargstellt wird: "Was mich zornig werden lässt, das ist, wenn junge Leute, die damals noch gar nicht auf der Welt waren, unter dem Eindruck der Lektüre RAF-freundlicher Autoren, sich überzeugt zeigen, dass dieser Staat die Staatsräson viel höher stellte als das Leben des einzelnen Menschen. Das ist nicht so gewesen." Man sei sich immer des Risikos bewusst gewesen, dass Schleyer die Entführung möglicherweise nicht lebend übersteht. Und "um ein Haar hätten wir sein Leben gerettet", sagt Bölling. Aber die Art, wie die RAF mordete, das erinnere ihn an das Chicago der 20er und 30 Jahre: "Das war brutal. Und wurde dann noch, damit die Damen und Herren besser da standen, als eine Hinrichtung, also als das Resultat eines um Gerechtigkeit bemühten Prozesses dargestellt. Es war ein ganz ordinärer Mord."

Autor: Stefan Bosch / Bearbeitung: Biggi Hoffmann

Letzte Änderung am: 28.08.2007, 11.32 Uhr