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Er war ein bullig wirkender Mann mit wulstigen Lippen, ein knallharter Manager mit einem Gespür für Macht und ein kompromissloser Arbeitgebervertreter. Schon auf den ersten Blick schien Hanns Martin Schleyer "wie geschaffen" zu sein für die "Buhmann-Rolle des Kapitalisten", schrieb die Stuttgarter Zeitung einst. Und Schleyer selbst gab sich wenig Mühe, sein Image des rücksichtslosen Kämpfers loszuwerden.
Geboren wird Hanns Martin Schleyer im Mai 1915 im badischen Offenburg. Wie der Vater studiert auch er Jura. Während des Studiums schließt er sich einer schlagenden Verbindung an, wird auch Mitglied von NSDAP und SS. Eine große Karriere in der Nazi-Partei gelingt ihm nicht. Über seine genaue Rolle im Dritten Reich streiten Historiker bis heute. Nach seiner Promotion muss Schleyer 1940 an die Westfront. Ein Jahr später scheidet er wegen einer Verletzung aus der Wehrmacht aus und arbeitet in Prag. Die Arbeit bei der autonomen Gruppe Böhmen und Mähren der Reichsgruppe Industrie habe ihn zur Industrie gebracht, hatte Schleyer einmal erläutert.
Nach Krieg und Gefangenschaft knüpft er an die dort gemachten Erfahrungen an und leitet ein Büro der Industrie- und Handelskammer Baden-Baden. Der Außenhandel, insbesondere mit Frankreich, sollte über die Wege des "Kleinen Grenzverkehrs" wieder aufgezogen werden. Durch seine Tätigkeit in der Kammer kam er unter anderem auch mit der Firma Daimler-Benz in Kontakt, die in Gaggenau ein großes Werk hat. Eines Tages kam das Angebot, dort einzusteigen. Schleyer machte bei Daimler-Benz rasch Karriere: erst im Vorstandssekretariat, dann als ordentliches Mitglied im Vorstand, nämlich als Leiter des neu zusammengefassten Personalressorts.
Neben seiner Tätigkeit bei Daimler-Benz übernimmt Schleyer immer mehr Aufgaben in Industrieverbänden. Als Vorsitzender des Landesverbands der Metallindustrie wird er als knallharter Verhandler in Tarifrunden berühmt und berüchtigt. Streikende Metallarbeiter lässt er in mehreren Fällen einfach aussperren. Ein schwieriger Partner sei Schleyer, sagte damals sein Gegenspieler, der Arbeiterführer Willy Bleicher: "Das ist ein harter Schädel, der da auf seinem vierschrötigen Körper sitzt. Es ist ganz sicherlich einer der Menschen, die ich kennen gelernt habe, die die Interessen der Arbeitgeber, der Unternehmer, am konsequentesten vertritt." Und IG-Metall-Chef Franz Steinkühler ergänzt: "Er ist ein kühler, rechnender Machtpolitiker. Er war stets der rücksichtsloseste Arbeitgeberinteressenvertreter. Wenn er die Macht hatte, etwas durchzusetzen, hat er es durchgesetzt. Andererseits war Herr Schleyer natürlich auch ein Mann, der früh genug merkte, wenn Positionen geräumt werden müssen, wenn man sie nicht mehr halten kann."
Mit Verhandlungsgeschick und Härte erobert Schleyer sich in allen Kreisen der Wirtschaft große Anerkennung. 1973 wird er zum Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände gewählt, drei Jahre später zusätzlich auch noch zum Präsidenten des Bundesverbandes der Industrie. Als Doppelpräsident wehrt sich Schleyer vehement gegen einen, wie er selbst formulierte, "gewerkschaftlichen Nebenstaat". Der Unternehmer müsse frei entscheiden dürfen, fordert er. Deswegen kämpft er gegen die paritätische Mitbestimmung der Arbeitnehmer: "Entscheidend bleibt, dass in einer marktwirtschaftlichen Ordnung die letzten Entscheidungen im Unternehmen vom Eigentum getroffen werden müssen. Bindet man die Unternehmensleitung in ihrer Entscheidungsfreiheit an die Arbeitnehmerseite und insbesondere an die Gewerkschaft, so kippt das Gleichgewicht der sozialen Kräfte um."
Schleyer wird als mächtiger Boss der Bosse gefeiert , als politischer Vordenker mit einer Seelenverwandtschaft mit Franz-Josef Strauß. Und er gilt als geeigneter Anwärter auf einen Ministerposten einer Unions-Regierung in Bonn. Und selbst die, die am meisten gegen ihn kämpfen müssen, sprechen mit viel Respekt über Schleyer: Hart, aber sehr fair sei er, loben Gewerkschafter. Ein anständiger, ein imponierender Mann, auf dessen Wort man sich habe verlassen können. Ganz nebenbei ist Hanns Martin Schleyer auch Ehemann und Vater von vier Söhnen, mit denen er seine knappe Freizeit verbringt.
Im Deutschen Herbst 1977 wird Hanns Martin Schleyer von Terroristen der RAF überfallen, seine Leibwächter und der Fahrer werden erschossen, er selbst entführt. Mit ihrem prominenten Opfer wollen die Terroristen Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis herauspressen. Doch Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) bleibt hart. In einem dramatischen Video, das ihn als RAF-Gefangenen zeigt, fleht Schleyer um Hilfe: "Ich frage mich in meiner jetzigen Situation: Muss denn wirklich noch etwas geschehen, um in Bonn eine Entscheidung zu ermöglichen?" Am 19. Oktober 1977 wird Schleyers Leiche in einem Auto im Elsass entdeckt. Seine Entführer haben ihn hingerichtet. Bis heute wissen nur die Täter über die Umstände seines Todes Bescheid. Aber sie schweigen.
Autor: Christoph Zehendner
Letzte Änderung am: 21.08.2007, 11.13 Uhr