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Klaus Croissant war einer der Star-Anwälte, wenn es in den 70er Jahren um die Verteidigung in RAF-Prozessen ging. Seine Anwaltkanzlei in Stuttgart wurde zum Treffpunkt von Anwälten, Unterstützern und Sympathisanten der RAF. Schließlich geriet er selbst ins Fadenkreuz der Justiz.
Zu den Anwälten, die in Croissants Kanzlei in der Langen Straße in Stuttgart ein- und ausgehen, gehören auch der spätere Innenminister Otto Schily und der heutige Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele, der bald zu einem engen Freund von Klaus Croissant wird. Zusammen beraten sie die Verteidigungsstrategien in den Terroristen-Prozessen.
"Er hat mir erzählt, dass er in der Schickeria von Stuttgart sehr erfolgreich war, eine gute Anwaltspraxis hatte, bei den Mandanten sehr beliebt war und eigentlich schon eine gute Karriere gemacht hatte", erinnert sich Ströbele an den Zivilrechtler Croissant. Doch fast über Nacht verändert sich Anfang der 70er Jahre seine Kanzlei. Immer mehr Strafprozesse bestimmen plötzlich den Kanzlei-Alltag: kleine Verfahren, aber auch große Aufträge – wie die Vertretung des RAF-Terroristen Holger Meins.
Croissant begeistert sich in dieser Zeit zunehmend für marxistische Ideen und Menschenrechtsfragen. Der Historiker und RAF-Fachmann Tobias Wunschik glaubt, es war auch einfach "in", zu den Terroristen-Anwälten zu gehören: "In dieser Szene war klar, wer Kontakte in den Untergrund hat, hat das höchste soziale Prestige. Dem versuchten alle nachzueifern über diese RAF-nahen Rechtsanwaltskanzleien."
1974 gründet Croissant zusammen mit dem Anwalt Jörg Lang in Stuttgart das Komitee gegen Isolationsfolter. Die inhaftierten Terroristen treten immer wieder in den Hungerstreik, um Forderungen nach Zusammenlegung mit ihren Gesinnungsgenossen durchzusetzen. Und die Anwälte, allen voran Klaus Croissant, sind ihr Sprachrohr.
Doch schon bald belassen es die Verteidiger nicht mehr bei den Mitteln des Rechtsstaates. Die Terroristen im Gefängnis und ihre Unterstützer bauen ein Informationssystem auf, mit dem neue Anschläge aus der Haft heraus geplant werden. Und die Anwälte fungieren als die Überbringer der Botschaften. Damit machen sie sich strafbar – auch wenn die Anwälte freilich nur auf der untersten Stufe in der RAF-Hierarchie einzuordnen waren. Wunschik: "Aus Sichtweise der Illegalen hielten sie immer noch an ihrer bürgerlichen Lebensweise fest, waren nicht bereit, die Waffe selbst in die Hand zu nehmen und in den Untergrund abzutauchen. Man behandelte und bezeichnete sie auch manchmal als 'nützliche Idioten'."
1975 wird Klaus Croissant schließlich von den RAF-Verfahren ausgeschlossen und wegen Unterstützung der RAF angeklagt. Nach kurzer Haft taucht er in Frankreich unter. 1977 wird er allerdings ausgeliefert; der Prozess gegen ihn findet noch im so genannten "Deutschen Herbst" statt.
Die Waffen für ihre Selbsttötung haben die Terroristen offenkundig von den Anwälten bekommen – das sagt jedenfalls der damalige Bundesanwalt und heutige Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger: "Heute untersuchen wir solche Verteidigermaterialien wie auf dem Flughafen mit Durchleuchtungsapparaten um festzustellen, ob das was drin ist. Da haben wir aus den Erfahrungen mit den 70er Jahren gelernt."
Klaus Croissant wird zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt und verliert seine Anwaltszulassung. "Ich habe ihn dann in der Haft mehrfach besucht und für ihn war völlig klar, dass er von diesem Staat, von dieser Justiz keine Milde zu erwarten hat", so Ströbele im Rückblick. Aus der Haft entlassen erkämpft sich Croissant die Anwaltszulassung zurück und beginnt Anfang der 80er Jahre einen neuen Anlauf in West-Berlin, wo er als Strafverteidiger arbeitet, allerdings auch nebenbei für die Stasi als Informant über die linke Szene.
Als seine Stasi-Akten nach der Wende auftauchen, kommt es wieder zum Prozess - wieder muss Croissant in Haft. Doch diesmal läuft es danach nicht so gut, erinnert sich sein Freund Ströbele. Vielleicht war es der Vertrauensbruch mit den Linken, vielleicht war der ehemalige RAF-Anwalt auch einfach nicht mehr populär genug, um Mandanten zu bekommen. Es geht im finanziell nicht gut. 2002 stirbt er an den Folgen eines Schlaganfalls in Berlin.
Autor: Holger Schmidt
Letzte Änderung am: 26.04.2007, 11.02 Uhr