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Familien der TerroristenSorge um das "kriminelle Kind" aus gutem Haus

Sie standen ständig im Konflikt zwischen ihren Kindern und den eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Moral. Die Eltern der Terroristen lebten in der permanenten Sorge: Was tun die Kinder als nächstes – oder werden sie sogar selbst Opfer, zum Beispiel bei einer Schießerei mit der Polizei?

Zu den wenigen Eltern, die sich in den vergangenen Jahren öffentlich über ihr Verhältnis zu ihren Kindern geäußert haben, gehören die Eltern von Wolfgang Grams – Mitglied der so genannten dritten Generation der RAF und wahrscheinlich unter anderem an der Ermordung des Treuhand-Chefs Detlev Karsten Rohwedder beteiligt. Sein Vater, Werner Grams, erzählt im Dokumentarfilm "Black Box BRD" über die Gespräche mit seinem Sohn. Er habe ihm gesagt: "Es ist deine Entscheidung, was Du in Deinem Leben tust. Aber auf alle Fälle steht dir dein Elternhaus immer offen."

Wolfgang Grams starb 1993 bei einem Schusswechsel mit der Polizei auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Seine Mutter hatte ein solches Ende stets befürchtet und lebte über Jahre in Angst vor den Nachrichtenmeldungen über neue Anschläge, erzählte sie dem Dokumentarfilmer Andreas Veiel: "Das waren schlimme Situationen, wenn ein Attentat passiert ist." Sie habe in solchen Momenten so große Angst davor gehabt, dass ihr Sohn auch dabei sein könnte, und "das war furchtbar."

Heimliche Treffen mit dem Sohn

Werner und Ruth Grams hatten noch Kontakt zu ihrem Sohn, nachdem er in den Untergrund abgetaucht war. Heimlich haben sie ihn getroffen, aus Angst, die Polizei könnte sie beobachten. Besonders zu Geburtstagen oder anderen Festen hielten Ermittler Treffen für möglich. Die Überwachung sei Polizei-Routine gewesen, auch wenn sie nie zu einem Ergebnis geführt habe, sagt der heutige Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger – damals war er bei der Bundesanwaltschaft: "Wir haben vermutet, dass es so sein könnte, aber sie können nicht so viele Leute rund um die Uhr bewachen."

Die Herkunft: aus gutbürgerlichem Haus

Die Familien der Terroristen waren überwiegend gut angesehen. Der Berliner Historiker Tobias Wunschik hat sich ausführlich mit den Biographien der so genannten zweiten Generation der RAF-Terroristen beschäftigt, also denjenigen, die für die Morde 1977 verantwortlich waren.

Dabei hat er bei den Elternhäusern erstaunliche Parallelen entdeckt: "Wie schon bei der ersten Generation der RAF war es überwiegend ein bürgerliches, teilweise sogar großbürgerliches Elternhaus. Mitgenommen haben sie daraus auf jeden Fall einen bestimmten Ehrgeiz. Die meisten haben ja auch studiert. Jedoch sind sie dort mit ihrem Ergeiz nicht immer zum Ziel gekommen. In dieser Phase – meist am Ende des Studiums – wurden alternative Optionen interessant."

Von der Uni in den Untergrund

Alternative Optionen – für viele Terroristen hieß das: von der Universität in den Untergrund. Direkte Konflikte mit dem Elternhaus, wie anfangs oft vermutet, waren nicht unbedingt der Auslöser für die politische Radikalisierung der Kinder. Im Gegenteil. Der damalige Ankläger Klaus Pflieger vermutet eher, dass die überwiegend behütete Jugend und die materielle Sorglosigkeit den Weg in den Terror begünstigt haben, denn "sie hatten zum einen Zeit, zum anderen Muße für so etwas und hatten keine anderen Probleme und deswegen die Zeit und die Kraft, sich um solche Themen zu kümmern. Natürlich teilweise mit dem Ergebnis, dass sie ins Schreckliche geführt haben – für die Gesellschaft, aber auch für sich selbst."

Zwiespalt zwischen Recht und Elterngefühlen

Für die Eltern bedeutete es eine unglaubliche Belastung, ihre Kinder im Untergrund zu wissen, erzählt Pflieger. Und manche von ihnen kamen selbst mit der Justiz in Berührung. Der Vater von Gudrun Ensslin, der schwäbische Pfarrer Helmut Ensslin, etwa: Er erklärte öffentlich, seine Tochter sei im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim ermordet worden. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Die Erregung des Vaters sei schließlich nachvollziehbar gewesen, so Pflieger.

Andere radikalisierten sich selbst. Sie arbeiteten in Angehörigen-Gruppen mit, und nicht immer war diese Arbeit von Sympathisantentum zu trennen. Hans-Christian Ströbele, heute Bundestagsabgeordneter der Grünen und damals Verteidiger von RAF-Terroristen, über mögliche Beweggründe der Eltern: "Ich glaube, für viele Angehörige war es die Erfahrung, was da mit ihren Kindern gemacht wurde. Das Leid ihrer Kinder hat sie angetrieben, aber natürlich habe ich auch Entwicklungen mitbekommen von Angehörigen, besonders von jüngeren, die das so nicht hingenommen haben, sondern sich selbst radikalisiert haben."

Auch heute noch gibt es Angehörige, deren Kinder im Untergrund leben. Drei Terroristen aus der letzten RAF-Generation werden noch in offener Fahndung gesucht, aus der zweiten Generation wurde eine mutmaßliche Täterin nie gefunden. Diese Angehörigen sind nicht zu sprechen – doch ihr Schicksal wird sich vermutlich nicht sehr von dem der anderen unterscheiden.

Autor: Holger Schmidt

Letzte Änderung am: 10.04.2007, 11.41 Uhr