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Kinostart 29.7.: "Renn, wenn du kannst"  Mozartbüste trifft Männerschlitten

Rollstuhlfahrer Ben strapaziert allzu gerne seinen neuen Zivi Christian. Als die Männer gerade miteinander auskommen, verlieben sie sich beide in die hübsche Cellistin Annika. Wer kann sie erobern? "Renn, wenn du kannst" ist eine tragisch-komische Dreiecksgeschichte mit tollen Darstellern, träumerischen Bildern und spritzig-klugen Dialogen.

Filmszene aus "Renn, wenn du kannst": Ben (Robert Gwisdek), Annika (Anna Brüggemann) und Christian (Jacob Matschenz)

Ben (Robert Gwisdek) sitzt im Rollstuhl und lebt einsam in einer Hochhauswohnung. Bisher hat er jeden Zivi, der ihm zugeteilt wurde, in die Flucht geschlagen. Der Neue aber, Christian (Jacob Matschenz), - den Ben süffisant "Schwester Christiane" nennt - ist nicht zimperlich und bleibt trotz Bens Schikanen. Bald haben die zwei sogar Spaß miteinander. Mit Bens amerikanischem Schlitten jagen sie durchs Ruhrgebiet.

Kurios schöne "Ménage à trois"

Es könnte vielleicht sogar echte Freundschaft werden, wenn nicht die bezaubernde Annika (Anna Brüggemann) wäre. Jeden Tag fährt sie auf dem Weg zur Musikhochschule auf ihrem klapprigen Rad vor Bens Hochhaus vorbei, und er beobachtet sie heimlich mit dem Fernglas.

Ohne dass er von Bens Schwärmerei weiß, trifft Christian die schöne Unbekannte dann tatsächlich: Als sie auf der Straße stürzt, repariert er ihr verbeultes Rad. Beide Männer sind bezirzt von Annikas natürlich sanftem Wesen. Doch wer kann sie erobern? Oder siegt etwa am Ende die Freundschaft über die Liebe?

"Renn, wenn du kannst" entstand als Kino-Koproduktion von "Debüt im Dritten" des SWR (mit Wüste Film, WDR und Arte) und war Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2010. Der Film erhielt 2010 zahlreiche Preise: den Publikumspreis auf dem Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen, den Nachwuchs-Förderpreis der DEFA-Stiftung, den NDR-Filmpreis und den Publikumspreis auf dem Freiburger Filmfest.

Komisch, dramatisch, melancholisch

"Renn, wenn du kannst" fesselt von der ersten Minute an. Die kluge, unkonventionelle Dreiecksgeschichte über Freundschaft und Selbstfindung ist kurios und komisch, aber zugleich auch ernst, dramatisch und melancholisch.

Vielerlei Stimmungen und Gefühle vermischen sich in diesem Film. Man kann herzhaft lachen, wenn etwa Annikas Mozart-Büste auf Bens Auto landet oder man nachts mit vereinten Kräften den Rollstuhl auf den Aussichtspunkt des Tetraeders in Bottrop hinauf schleppt. Aber es wird ebenso über Liebe und Träume philosophiert - dann verformen sich die Bilder auch mal zu phantastischen Landschaften.

Zündstoff bekommt der Film durch seine Dialoge: Witzig, lebensnah und ergreifend drücken sie das emotionale Chaos der Figuren aus, die zwischen Albereien, Wünschen und Realität einen Weg suchen.

Rollstuhlfahrer Ben: Zynisch und verletzlich

Eindrucksvoll spielt Robert Gwisdek den zynischen, verschlossenen Ben, der im Kampf mit seiner Behinderung lieber seine Umwelt verprellt, als Hilfe anzunehmen. Seine gnadenlos störrische Art ist nicht selten komisch. Bis man ihn in seinen verletzlichen Momenten sieht: Wenn er traurig auf seinem Bett liegt und einen kitschigen Kinderfilm in Endlosschleife schaut - er ist ein wütender Mann mit kindlichen Sehnsüchten. Die Zuneigung zu Annika zwingt ihn schließlich dazu, sich seinen Emotionen und Ängsten zu stellen.

Drei auf der Flucht vor der Welt

Bezaubernd verkörpert Anna Brüggemann die junge Cellistin, die träumerisch, tollpatschig durch ihr Leben geht und geradezu beiläufig ihren unschuldigen Charme verbreitet. Annika ist getrieben von ihrer Liebe zu Musik, aber nicht mutig genug, den großen Durchbruch zu schaffen. Im Vergleich mit diesen beiden Figuren wirkt Zivi Christian, gespielt von Jacob Matschenz, fast blass, sein "Normalsein" aber passt als Kitt allzu gut in die Dreiergruppe. Auf der Flucht vor sich selbst und der Welt sind sie alle drei. Sie rennen verloren geradezu ineinander - um am Ende zu merken, dass Loslaufen und Neues zu wagen viel besser ist als stets nur davonzulaufen.

Kinofilm

Originaltitel:
"Renn, wenn du kannst"
Produktion:
Deutschland 2010
Regie:
Dietrich Brüggemann
Darsteller:
Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz
Drehbuch:
Dietrich und Anna Brüggemann
Genre:
Drama
Länge:
112 Minuten
Bewertung:

Autorin: Isabell Gössele

Letzte Änderung am: 27.07.2010, 11.13 Uhr