Ein Kino für Jenin

"Kein Friede-Freude-Eierkuchen-Projekt"

Der Tübinger Regisseur Marcus Vetter im Interview

Die Fragen stellte Bettina Fächer

2007 kam Marcus Vetter erstmals für Dreharbeiten in die palästinensische Stadt Jenin im Westjordanland, drei Jahre später wurde dort ein Kino eröffnet. Damit ist eine Idee des Tübinger Regisseurs Wirklichkeit geworden: Mit den Menschen in Jenin und freiwilligen Helfern hat er ein Kultur-Projekt realisiert. Gemeinsam wollen sie einen Kontrapunkt setzen im Teufelskreis des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Am 5. November 2010 war Eröffnung des Kinos, am Morgen danach haben wir mit Marcus Vetter in Jenin telefoniert.

Bei der Eröffnung des Kino Jenin am 5. August 2010

Andrang vor dem Cinema Jenin

SWR.de: Guten Morgen, Herr Vetter. Hatten Sie trotz der Eröffnungsfeiern Zeit zu schlafen?

Marcus Vetter: Ich bin um vier ins Bett gegangen. Ein paar Stunden sind es geworden.

Was ist Ihnen bei der Eröffnung durch den Kopf gegangen, was haben Sie gefühlt?

Porträt von Marcus Attila Vetter

Vielfach ausgezeichnet: Marcus Vetter

Die Gefühle haben sich so aufgebaut, denn es war eine schwierige Eröffnung. Eigentlich konnten wir gar nicht eröffnen, weil das Kino nicht fertig war. Wir hatten einen Tag zuvor erst den Screen aufgebaut, und es gab technische Probleme. Aber das Team hat es irgendwie geschafft. Wir hatten übrigens auch SWR-Kollegen, die als Freiwillige hier gearbeitet haben, und sie haben wie durch ein Wunder das Kino technisch in den Griff bekommen – innerhalb von einer Nacht. Es gab einige, die haben zwei Nächte komplett durchgearbeitet. Wenn die Helfer nicht gewesen wären, hätten wir nicht eröffnet. Das wäre nicht witzig gewesen, weil natürlich die ganzen Gäste da waren, viel mehr als wir je erwartet hätten. Es waren über 70 Journalisten in Jenin. Sowas hat Jenin noch nie gesehen.

Wir haben den Film "Das Herz von Jenin" open air gezeigt vor vollem Haus, da passen 800 Leute rein. Um vier Uhr nachmittags gab es die Eröffnungzeremonie mit Salam Fayad, dem Ministerpräsidenten, und mit Bianca Jagger, der Menschenrechtsaktivistin und frühere Ehefrau von Mick Jagger. Es war wirklich eine tolles Opening. Das allerbeste waren wieder die vielen Kollegen, die mitgeholfen haben: Punkt vier Uhr ist der Strom in Jenin ausgefallen. Das heißt, wir haben die ganze Eröffnung über einen Generator gefahren. Und das ist nicht so einfach, so umzuschalten, dass keiner etwas merkt.

Der Weg zum Cinema Jenin war schwierig ...

... sehr schwierig. Er war eigentlich unmöglich. Es ist schwierig einzuschätzen, wie lange die Container unterwegs sind, wie lange sie am Zoll hängenbleiben. Wir haben auch extreme Geldschwierigkeiten, weil immer wieder Summen auf uns zukamen, die wir so nicht kalkulieren konnten, wie zum Beispiel, dass wir 12.000 Euro für die Elektrik bezahlen mussten. Wir brauchten eine Anlage für unterbrechungsfreie Stromversorgung, damit uns nicht alle Lampen kaputtgehen, wenn der Strom ausfällt. Wir mussten Prioritäten setzen und Gelder in die Hand nehmen.

Blick in die Baustelle des Kinos in Jenin

Das Kino Jenin im Rohbau

Und die Schwierigkeiten kommen auch daher, dass Sie ein Kino im Westjordanland bauen – und dort "Normalität" schwer herstellbar ist?

So ist es. Es ist etwas völlig anderes als ein Kino in Deutschland zu bauen. Auch ein ganz normales Kabel gibt es nicht mal in Israel einfach so zu kaufen, geschweige denn hier in Jenin oder in Ramallah. Man muss immer wieder weite Wege in Kauf nehmen oder warten. Das hat uns extrem viel Kraft und Zeit gekostet.

Wie haben die Besucher nun reagiert? Welche Bedeutung hat es, dass sie das Kino dort für sie gebaut haben?

Jenin ist sehr divers, und es ist schwierig, Visionen zu entwickeln und an etwas zu glauben. Es wurden Wetten abgeschlossen, dass wir nicht eröffnen werden. Wir haben es trotzdem geschafft. Ich glaube, die meisten Bewohner in Jenin lieben Kino und freuen sich darauf. Trotzdem wird es noch dauern, bis wir wirklich das Vertrauen gewinnen, bis sie sehen, welche Filme wir zeigen.

Bei der Eröffnung des Kino Jenin am 5. August 2010

Open-Air-Vorführung am Eröffnungsabend

Gestern haben wir "Das Herz von Jenin" gezeigt, und die Stimmung war wahnsinnig schön. Ganz, ganz still - obwohl wir die arabischen Untertitel nicht zuschalten konnten. Der ist Film zu 70, 80 Prozent auf Arabisch, aber viele Sachen kann man nicht verstehen, weil sie auf Hebräisch und Englisch sind. Trotzdem sind alle sitzengeblieben. Wir hatten einen kleinen Sandstrand aufgebaut und einen kleinen Swimmingpool. Und es war genau so, wie wir es uns vorgestellt haben: dass die Menge zuguckt und die Kinder ein bisschen abseits im Sand turnen und spielen können. Dann hat Trio Joubran, eine palästinensische Band aus Paris, innen im Kino gespielt, und wir haben es nach draußen übertragen.

Also: Wir können schon einiges machen, um Normalität herzustellen – ohne von "normalization" zu reden. Es soll kein Friede-Freude-Eierkuchen-Projekt werden. Denn es ist ganz klar: Es gibt große Ungerechtigkeit in der Region, und ein Kino kann nur helfen, die Ungerechtigkeit zu lindern. Aber es muss sich die Situation für die Menschen ändern, um das Projekt wirklich erfolgreich zu machen.

Waren denn bei der Eröffnung Kritiker, die es ja vor Ort gibt, da und haben sich gemeldet?

Es war angekündigt, aber es ist nichts passiert. Auch auf der Pressekonferenz waren sehr viele arabische Journalisten. Alle haben sich zurückgehalten mit sehr, sehr kritischen Fragen, was ich sehr nett fand. Weil ich weiß, dass viele etwas anders darüber denken.

Bei der Eröffnung des Kino Jenin am 5. August 2010

Marcus Vetter bei der Pressekonferenz mit Ismael Khatib und Bianca Jagger

Was sind die Vorbehalte?

Der Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin": Der 12-jährige Palästinenserjunge Ahmed Khatib wird im Flüchtlingslager von Jenin von Kugeln israelischer Soldaten getroffen und stirbt. Sein Vater Ismael stimmt zu, dass Ahmeds Organe israelischen Kindern gespendet werden. Zwei Jahre später besucht er auf einer Reise diese Kinder.

Viele denken, erst muss die Besatzungsarmee abziehen, und dann kann man ein Kino eröffnen. Aber wir bauen die Projekte auf Ismaels Khatibs Entscheidung auf, auf dem Film "Das Herz von Jenin": Da geht es darum, den Teufelskreis zu durchbrechen und eben nicht zu warten, bis die israelische Armee abzieht und dann erst ein Kino zu eröffnen. Wir sagen: Lasst uns ein Kino eröffnen und damit zeigen, dass Palästinenser etwas machen können und dass sie auf Augenhöhe mit den Israelis kommen. Dass sie stolz werden, und die Israelis und die Welt sich wundern, was für ein Potenzial in den Menschen steckt.

Wie geht es nun mit dem Projekt weiter?

Wir müssen dieses Kino noch aufbauen. Das Team muss einen ganz normalen Kinobetrieb zustande bekommen. Ich glaube, das dauert ein Jahr, bis wir das schaffen. Wir werden sofort Filme zeigen. Aber es wird Fehler geben, und man muss noch Struktur in das Projekt bringen - und dann ein normales, tägliches Kinoprogramm bieten. Und Workshops bieten, die Jugend einbinden. Um Spendengelder werben, Finanzierung sichern. Das Interesse, das jetzt da ist, auch koordinieren, damit sich hier in Jenin und in der Region etwas ändert.

In einem Jahr planen Sie ein Filmfestival und möchten Ihren neuen Film dort zeigen, der über das "Cinema Jenin" entsteht. Ist das Ihre Art, wie Sie in nächster Zeit mit dem Cinema Jenin in Verbindung bleiben werden?

Genau so ist es. Ich werde zurückgehen nach Deutschland, den Film schneiden und oft hierher kommen. Der Film wird sehr wichtig sein, weil man dann erst versteht, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen hatten. Aber er zeigt Menschen und keine Klischees, und das ist wichtig - dass die Welt versteht, dass hier nicht nur Terroristen sind, sondern es eine sehr komplexe Situation ist. Wir werden mit dem Film "Cinema Jenin" das nationale Cinema-Jenin-Filmfestival eröffnen, und die Dresdner Symphoniker werden live die Filmmusik einspielen. Wenn alles gut geht – Inschallah.

Stand: 18.11.2010, 16.52 Uhr