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"Das Herz von Jenin" ist ein Appell an Menschlichkeit jenseits politischer Grenzen. Die Dokumentation über die Friedensgeste eines palästinensischen Vaters wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2009 mit dem "Cinema for Peace Award". Regisseur Marcus Vetter hat SWR.de Überraschendes und Bewegendes über die Entstehung des Films erzählt.
"Das Herz von Jenin" erzählt eine ergreifende Geschichte: 2005 stirbt der 12-jährige Ahmed Khatib im Flüchtlingslager von Jenin im Westjordanland durch Kugeln israelischer Soldaten - sie hatten seine Spielzeugpistole fälschlicherweise für eine echte gehalten. Sein Vater Ismael, ein Palästinenser, entscheidet, Ahmeds Organe sechs israelischen Kindern zu spenden. Zwei Jahre später macht er sich auf die Reise, um diese Kinder zu besuchen. Er trifft das Drusenmädchen Samah, das Ahmeds Herz bekommen hat, lernt das Beduinenkind Mohammed kennen, das dank Ahmeds Niere wieder toben kann und trifft die streng-gläubige jüdische Familie Levinson, deren Tochter Menuha Ahmeds zweite Niere in sich trägt.
SWR.de: Herr Vetter, wie sind Sie auf diese besondere Geschichte gestoßen?
Marcus Vetter: In diesem Fall ist sie auf mich gestoßen. Leon Geller, ein israelischer Regisseur, war schon an der Geschichte dran. Als 2005 das mit Ahmed passierte, ist er zwei drei Tage später ins Krankenhaus gefahren und hat dort Ismael kennen gelernt. Leon konnte die Geschichte zunächst aber nicht weiter verfolgen. Dann hat er Eikon, eine Berliner Produktionsfirma, kennen gelernt, und die haben mich gefragt, ob ich nicht gerne in den Film einsteigen würde.
Zwischen dem Westjordanland und Israel gibt es strenge Kontrollen. War es schwer für Sie, die Checkpoints zu passieren und Drehgenehmigungen zu bekommen?
In Jenin brauchten wir keine Drehgenehmigung, da sind wir einfach hingefahren. Wir haben mit einem palästinensischen Kameramann gedreht. An den Checkpoints hatten wir keine Probleme, da wir eine israelische Koproduktions-Firma dabei hatten, zu der viele Soldaten, vor allem Offiziere, gehörten - die kannten sich alle. Nur an einem Checkpoint haben wir heimlich gedreht. Auch bei der Ausreise sind wir nicht behindert worden.
Marcus Vetter, geb. 1967 in Stuttgart, bekam für seine Filme schon dreimal den Grimme-Preis. 2006 erhielt er den Prix Europa für seine Dokumentation "Mein Vater, der Türke". Zuletzt drehte er den aufrüttelnden Dokumentarfilm "Hunger". Vetter lebt mit seiner Familie in Tübingen.
Wie konnten Sie den Vater des Jungen, Ismael Khatib, dazu bewegen, bei Ihrem Film mitzumachen?
Grundsätzlich war Ismael immer dafür, dass so ein Film gemacht wird. Ich glaube, es war ihm nur nicht klar, wie viel Arbeit das auch für ihn bedeutet hat.
Wie schwer es für ihn war, sieht man besonders an seinem Besuch bei der jüdischen Familie Levinson. Beide Seiten waren zögerlich. Wie haben Sie es geschafft, dass dieses Treffen überhaupt stattgefunden hat?
Ismaels Onkel Mustafa ist eigentlich derjenige, der ihn dazu überredet hat, diese Reise zu machen. Mustafa lebt als Palästinenser in Israel und wollte unbedingt, dass Ismael auch die jüdisch-orthodoxe Familie kennenlernt, um so eine Art Versöhnung hinzukriegen. Und er hat Ismael davon zunächst gar nichts gesagt, er hat einfach bei Jakob Levinson angerufen und gefragt, ob sie vorbeikommen können.
Wir hatten vorher schon mit Jakob Levinson gedreht, er kannte uns schon. Aber die Familie wusste nicht, was auf sie zukommt. Und auch Ismael wollte dann erst gar nicht.
Die Situation bei diesem Treffen war dann auch sehr bedrückend. Wie haben Sie das erlebt?
Es waren nur der Ton- und der Kameramann drin, ich saß draußen und habe das über Videobrille erlebt – wo ich per Funk alles sehe, was der Kameramann dreht. Es war natürlich sehr beklemmend. Jakob Levinson hat aber auch zu Ismael gesagt: "Was für eine Tragödie, dass wir uns nicht früher kennengelernt haben." Am Anfang des Films hatte er noch gemeint, dass es unmöglich ist, sich mit einer palästinensischen Familie zu treffen. Und am Ende sagt er das. Die Begegnung erzählt eben all diese Vorurteile und Schwierigkeiten zwischen Israel und Palästina.
Diese Szene zeigt doch, dass ein menschliches Miteinander möglich ist trotz des Konflikts …
"Das Herz von Jenin" erhielt 2010 den Deutschen Filmpreis, 2009 den "Cinema for Peace Award", 2008 den DEFA-Förderpreis auf dem DOK Leipzig Festival und den 1. Preis des Valladolid International Film Festivals.
Ja, man muss eben diesen Weg gehen. Normalerweise wählt ihn aber niemand freiwillig. Wenn es den Krankenpfleger Raymond Shehadeh nicht gegeben hätte, dann hätte es diese Geschichte nicht gegeben. Ismael hätte nicht von alleine die Idee gehabt, die Organe seines Sohnes weiterzugeben, es war Raymond, der ihn gefragt hat.
Wie offen kann man den israelisch-palästinensischen Konflikt dort vor Ort überhaupt ansprechen?
Der israelisch-palästinensische Konflikt ist so vielfältig. Man kann sehr offen auf beiden Seiten darüber reden, nur sind beide Seiten zum Teil natürlich borniert oder auch offener wie Ismael. Wobei Ismael natürlich auch kein Heiliger ist …
Ismaels Vorgeschichte ist politisch bewegt …
Ja, wie die aller Palästinenser. Seine Vorgeschichte ist stellvertretend für jeden Palästinenser in den Westbanks. Die meisten waren im Widerstand, die meisten haben Jahre im Gefängnis verbracht.
Trotz dieser schwierigen Umstände scheinen die Leute aber überraschend lebensbejahend. Soll der Film zeigen: "Schaut her, es sind auch einfach Menschen wie du und ich, und sie haben eine bewundernswerte Stärke?"
Es ist nicht nur so, dass der Film das zeigen soll, sondern dem, also den Menschen, bin ich genau so begegnet. Und ich war sehr überrascht. Denn auch ich bin mit Vorurteilen hingegangen und hätte niemals gedacht, einem Beduinenvater zu begegnen, der so sympathisch ist. Dasselbe gilt auch für die wunderbare Drusenfamilie oder den Krankenpfleger Raymond, der so warmherzig war. Mein ganzes arabisches Bild hat sich völlig verändert.
Und ich wollte eben nicht, dass Ismael der einzige Held ist. Weil das zu einfach ist.
Es gibt viele kleine Helden?
Es gibt ganz viele. Und es gibt eine kleine Minderheit, die Terror macht. Diese Leute habe ich nicht einmal kennengelernt auf meinen Reisen. Zuvor bin ich von anderen Journalisten gewarnt worden, es sei viel zu gefährlich, nach Jenin, in diese Terroristenstadt, zu gehen. Ich habe vor Ort etwas völlig anderes erlebt.
Zusammen mit den Menschen im Westjordanland und freiwilligen Helfern hat Marcus Vetter in Jenin ein Kultur-Projekt realisiert: Das "Cinema Jenin" wurde im November 2010 eröffnet. Wie schön und schwer das war, hat uns der Regisseur am Morgen nach der Eröffnung erzählt: Ein Kino für Jenin [zum Interview]
Die Fragen stellte Isabell Gössele
Letzte Änderung am: 20.06.2011, 15.18 Uhr